Würzburg
Psychologie

Was Menschen dazu motiviert, anderen zu helfen

Die Würzburger Psychologin Anne Böckler spricht im Interview über die Motivation von Flüchtlingshelfern.
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Symbolfoto: Christian Charisius/ dpa
Symbolfoto: Christian Charisius/ dpa
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Sie geben Deutschunterricht, teilen Essen aus, helfen bei der Wohnungssuche oder hören einfach nur zu. Seit Monaten setzen sich Tausende Menschen in Franken ehrenamtlich für Flüchtlinge ein. Was sie dazu bewegt, welchen Vorurteilen sie begegnen und warum die Stimmung immer aufgeheizter wird, erklärt die Würzburger Psychologin Anne Böckler.

Frau Böckler, warum helfen Menschen?
Anne Böckler: Die Psychologie erklärt Verhalten häufig mit Motiven. Diese entscheiden darüber, welche Freunde, Arbeit oder Hobbys wir uns aussuchen. Die Grundmotivationen, die uns antreiben, kann man knapp zusammenfassen: Angenehmes suchen, Unangenehmes vermeiden.

Was suchen ehrenamtliche Helfer?
Zum einen den Anschluss. Nahezu jeder Mensch will zu einer Gruppe gehören. Das kann durch einen engen Zusammenhalt der Helfer erreicht werden. Eine wichtige Rolle spielt auch die "Intimität". Man will sich kümmern und gebraucht werden. Das ist eine zentrale Eigenschaft des Menschen.

Gehört zum Geben auch immer das Nehmen dazu?
Ja, beim Helfen schwingt auch das Leistungsmotiv mit. Jeder will sich verbessern und Kompetenzen erlangen. Mir berichten oft Flüchtlingshelfer, dass sie viel für sich lernen. Sie entdecken neue Kulturen, hören fremde Sprachen und lösen Probleme. Wir sind gerne gut darin, Dinge in den Griff zu bekommen.

Welche Rolle spielt dabei die Machtposition?
Beim Helfen kann es auch darum gehen, Einfluss zu nehmen. Macht ist eines der zentralen Motive. Das kann auch positiv sein. Nur, weil ich anderen überlegen bin, muss ich diese Stellung nicht ausnutzen. Wenn ich einen Keks mit ihnen teile, kann ich das aus verschiedenen Gründen tun. Beispielsweise, weil ich möchte, dass es ihnen gut geht. Aber eben nicht nur.

Besitzt jeder Mensch ein Helfersyndrom?
Jeder kann seine Motive im Prinzip durch Helfen befriedigen, aber nicht alle machen das. Manche setzen sich stattdessen im Verein ein, strengen sich im Beruf an oder verlieren sich in ihren Hobbys. Die zentrale Frage beim Helfen ist doch: Was ist eigentlich gutes Verhalten? Muss es von Herzen kommen? Nur den anderen nutzen? Darf es mir Spaß machen?

Der Vorwurf des egoistischen Helfens?
Genau. Studien legen nahe, dass unser Belohnungszentrum im Gehirn aktiv ist, wenn wir andere unterstützen. Daraus wird schnell geschlossen, dass sich niemand, der bloß ein Motiv durch das Helfen befriedigt, frei und gut verhält. Das ist gefährlich und stimmt so nicht. Motive sind ein gutes Konstrukt, um sich mit den Fragen zu beschäftigen, warum sich Menschen so oder so verhalten. Aber sie ersetzen nicht die Bewertung des Verhaltens an sich. Nichts mindert den Einsatz der Flüchtlingshelfer!

Das sehen nicht alle so. Das Unwort des Jahres lautete "Gutmensch" ...
Das stimmt leider. Darin schwingt auch der Vorwurf mit, dass man systemblind und naiv sei, nicht wisse, dass man ausgenutzt werde. Die Forschung zeigt aber, dass die Menschen, die in Notsituationen spontan und schnell helfen, oft weitblickender und intelligenter sind, als diejenigen, die das nicht tun.

Dabei sind sie oft Anfeindungen ausgesetzt. Wie erklären Sie sich die Hetze gegen Flüchtlingshelfer?
Im Grunde mit genau den gleichen Motiven. Auch diejenigen, die motzen und wüten, verfolgen das Anschlussmotiv. Sie gehören ihrer Meinung nach zu der Gruppe, die alles durchschaut und sich bedroht fühlt.

Eine Würzburgerin schilderte ihren Einsatz kürzlich mit den Worten "Es ist wie ein Sog." Fällt es uns so schwer, mit dem Helfen aufzuhören?
Ja, vor allem wenn man direkten Kontakt zu den Flüchtlingen aufgebaut hat. Wer das Leid direkt erlebt, fühlt sich verpflichtet und stellt vieles in Frage.

Besteht die Gefahr, sich im Helfen zu verlieren?
Das ist in allen sozialen Berufen ein großes Dilemma. Man fühlt sich verantwortlich, merkt aber, dass es einem ab einem bestimmten Punkt zu viel wird, sogar schadet. Im Großen und Ganzen sind Menschen aber recht gut darin, danach zu schauen, was ihnen gut tut und was nicht.

Das Gespräch führte Meike Rost.
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