Würzburg
DAK-Gesundheitsreport

So gefährlich sind Schlafstörungen wirklich

Laut einer Studie der Krankenkasse haben 77 Prozent der Erwerbstätigen in Bayern Schlafprobleme. Unterfränkische Mediziner sehen die Ergebnisse kritisch.
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In ganz Deutschland berichteten 80 Prozent der DAK-Erwerbstätigen von Schlafproblemen. Foto: djd/panthermedia
In ganz Deutschland berichteten 80 Prozent der DAK-Erwerbstätigen von Schlafproblemen. Foto: djd/panthermedia
Eins, zwei, drei, vier, fünf... Wer gerne Schäfchen zählt, kennt das Problem. Schlaflosigkeit kann zermürbend sein. Und es scheint immer mehr Menschen zu treffen. Ein Report der Krankenkasse DAK hat ergeben: Drei von vier Erwachsenen in Bayern schlafen schlecht. 77 Prozent der Erwerbstätigen haben Schlafprobleme. Nur 20 Prozent schlafen gut. Bei einer vergleichbaren Untersuchung vor sieben Jahren war es noch jeder Zweite. Laut DAK leiden sogar mehr als 400 000 Bayern unter schweren Schlafstörungen, 15 Prozent mehr als 2010.


Für die Studie der Krankenkasse wurden 1000 Erwerbstätige in Bayern befragt und die Fehlzeiten aller 367 000 arbeitenden bayerischen DAK-Versicherten ausgewertet. Das Ergebnis: In Bayern waren 39 Prozent der Befragten oft oder immer müde, 31 Prozent berichteten über Einschlaf- oder Durchschlafstörungen, 15 Prozent schliefen fünf Stunden und weniger. Allerdings schlafen die Bayern immer noch besser als der durchschnittliche Bundesbürger.

In ganz Deutschland berichteten 80 Prozent der DAK-Erwerbstätigen von Schlafproblemen. Die wenigsten von ihnen gingen zum Arzt. Kaum jemand ließ sich krankschreiben. Doch kann man aus der Studie tatsächlich ablesen, dass mehr Menschen unter krankhaften Schlafstörungen leiden? Experten interpretieren die Ergebnisse unterschiedlich.


Werden Schlafstörungen unterschätzt?

Schlafstörungen würden unterschätzt, folgert Sophie Schwab, Leiterin der Landesvertretung der DAK-Gesundheit Bayern. "Viele Menschen haben nachts das Smartphone an der Steckdose, können aber ihre eigenen Akkus nicht mehr aufladen." Dem Thema Schlaf mehr Bedeutung beizumessen, fordert die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU): "Wer längere Zeit kaum oder nur schlecht schläft, hat ein größeres Risiko zum Beispiel für Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Schlafstörungen sollten deshalb ernst genommen werden." Vor allem ältere Menschen seien von Schlafstörungen betroffen, so die Ministerin.

Kritischer interpretieren unterfränkische Mediziner die Ergebnisse des DAK-Reports. "Es gibt viel mehr Menschen, die meinen, sie haben ein Problem mit dem Schlafen. Das hat aber oft keinen Krankheitswert", sagt der Internist und Lungenfacharzt Stefan Baron und Leiter des Schlaflabors am Klinikum Würzburg Mitte - Standort Missioklinik.

Akute Probleme wie Prüfungsangst, Trauer oder Verliebtheit können Menschen vorübergehend vom Schlafen abhalten. Eine krankhafte Schlafstörung liege aber erst nach mindestens drei Monaten vor. Und obwohl manche das Gefühl haben, ihr Schlaf sei schlecht (Sie schlafen zu wenig, können nicht einschlafen, nicht durchschlafen oder wachen zu früh auf), ist ihr Schlaf oft ausreichend erholsam. "Das merkt man daran, dass tagsüber keine Schläfrigkeit auftritt", so der Mediziner. Dass dennoch viele Menschen die eigene Schlafqualität als schlecht bewerten, hat unterschiedliche Ursachen.


Unterschiedliches Schlafbedürfnis

"Jüngere Menschen treiben oft selbst Raubbau an ihrer Schlafqualität", sagt Baron. Dazu gehören unregelmäßige Bettzeiten, ständige Handynutzung, spätes Fernsehen, ein zu lautes, zu warmes oder zu kaltes Schlafzimmer, Alkohol oder Sport am späten Abend - all dies seien Verstöße gegen die Schlafhygiene. Sie führen dazu, dass der Betreffende nicht einschlafen kann oder sein Schlaf gestört wird.

"Viele ältere Menschen gehen dagegen zu früh ins Bett und stehen zu spät auf. Sie liegen also insgesamt zu lange im Bett", erklärt Baron. "Viele gehen um 22 Uhr ins Bett, obwohl sie nicht müde sind. Erst können sie nicht einschlafen. Dann schlafen sie fünf, sechs Stunden, wie es im Alter üblich ist. Um vier Uhr früh wachen sie auf, weil sie wach sind und können nicht weiterschlafen." Der Mediziner rät älteren Menschen, später ins Bett zu gehen und sich bewusst zu werden, dass der Schlafbedarf im Alter deutlich geringer ist. Eine grobe Zäsur sei der Eintritt ins Rentenalter.

"Das Schlafbedürfnis ist umso höher, je intensiver das Tageserleben ist. Wer tagsüber beruflich und körperlich richtig Stress hat, wer sich viele Dinge merken und sich ständig auf Neues einstellen muss, muss auch vieles im Schlaf verarbeiten", sagt Baron. Babys schliefen auch deshalb so viel, weil sie einen extrem hohen Input hätten. Ältere Menschen, die einen Teil ihres ohnehin geringeren Schlafbedarfs während der Mittagszeit decken, hätten häufig Schlafprobleme in der Nacht.

Darüber hinaus gebe es Menschen mit psycho-physiologischer Insomnie: "Sie haben Angst, dass sie nicht schlafen können. Das führt am Ende tatsächlich dazu, dass sie wach im Bett liegen." Auch die nächtlichen Grübler und Gestressten gehörten zu dieser Gruppe der Schlaflosen. Dauert eine Angsterkrankung mehrere Monate, könne sich daraus eine gravierende Schlafstörung entwickeln. Wie jede Angsterkrankung sollte auch diese therapeutisch behandelt werden. Zu guter Letzt gebe es die echte ideopathische Insomnie, bei der Betroffene ohne ersichtlichen Grund sehr schlecht schlafen. Diese Erkrankung sei aber extrem selten.


Volkskrankheit Atemaussetzer

Das viel größere gesundheitliche Problem seien die ständig Müden, so Stefan Baron. "Es sind diejenigen, die sagen, sie sind immer müde, obwohl sie schlafen." Auch wenn diese Patienten es selbst nicht bemerken, sei ihr Schlaf gestört und wenig erholsam. "Sie merken nur, dass sie schläfrig und wenig leistungsfähig sind, zu hohen Blutdruck haben oder am Steuer einschlafen." Die häufigste Ursache sind nächtliche Atemaussetzer, im Fachjargon das "Schlaf-Apnoe-Syndrom".

"Es ist eine echte Volkskrankheit. An ihr leiden geschätzt fünf Millionen Deutsche." Besonders betroffen sind Männer ab 50 Jahren. Sowohl im Schlaflabor der HNO-Universitätsklinik Würzburg als auch im Schlaflabor am Klinikum Würzburg Mitte - Standort Missioklinik - werden pro Jahr etwa 500 Patienten behandelt. Die meisten aufgrund schlafbezogener Atmungsstörungen. Diese Erkrankung sei gefährlich und könne die Lebenszeit der Betroffenen verkürzen. "Schlafstörungen mit vielen Atemaussetzern können zu Herz- und Kreislauferkrankungen wie erhöhter Blutdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen", warnt Philipp Schendzielorz, HNO-Facharzt und Leiter des Schlaflabors am Universitätsklinikum.

Bei Kindern mit großen Nasenrachenpolypen und Rachenmandeln könnten Atemaussetzer gut chirurgisch behandelt werden, so Schendzielorz. Meist muss der Patient ein sogenanntes CPAP-Gerät ("continuous positive airway pressure") in der Nacht tragen - eine Schlafmaske, die "einen positiven Druck erzeugt, so dass die Atemwege geschient und offen gehalten werden".
Warum verbringt der Mensch überhaupt ein Drittel seines Lebens im Schlaf? Ein durchschnittlicher junger Erwachsener schläft 7,7 Stunden in der Nacht. Doch jeder Mensch hat ein anderes Schlafbedürfnis. Für den einen sind fünf, für den anderen neun Stunden normal. "Schlaf dient zur körperlichen und psychischen Regeneration. Die körperliche Erholung findet vor allem im Tiefschlaf, die psychische im Traumschlaf statt", sagt Schendzielorz. Und der Mythos, der Schlaf vor Mitternacht sei der erholsamste?

"Das ist tatsächlich ein Gerücht", sagt Baron. Die ersten drei Stunden verbringt der Mensch in der besonders wichtigen Tiefschlafphase. Doch wann der Tiefschlaf beginnt, entscheide jeder selbst, indem er seinen Körper an einen bestimmten Schlafrhythmus gewöhne. Wer immer um 22 Uhr ins Bett geht, gewöhne seinen Körper an einen Tiefschlaf ab 22 Uhr.

Was tun, wenn sich Schlaf partout nicht einstellen will? Der Griff zur Schlaftablette sei meist der falsche, so Baron. "Es werden viel zu viele Schlafmedikamente eingenommen, vom Hausarzt verordnet und freiverkäuflich in der Apotheke angeboten, als dies medizinisch empfohlen ist." Der Mediziner rät stattdessen, die eigene "Schlafhygiene" zu verbessern oder Entspannungsübungen am Abend zu machen. Manchmal helfe sogar eine Schlafrestriktion. "Das klingt paradox. Doch wer nicht schlafen kann, sollte lieber später ins Bett gehen und früher aufstehen."

Angelika Kleinhenz
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