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Gesundheit

Vom Arzt krank geschrieben - dennoch soll ein depressiver Mann arbeiten gehen

Ein an Depressionen erkrankter Mann soll nach Ansicht der Krankenkasse wieder arbeiten gehen, obwohl Arzt und Therapeut warnen.
Vom Schreibtisch aus gesund attestiert - wie sinnvoll ist das? Symbolfoto: Matthias Balk
 
von DANIELA RÖLLINGER
Thomas Müller (Name geändert) fährt sich mit der Hand über den Kopf. "So habe ich sonst nicht ausgesehen." Seine Haare sind etwas zu lang, das Gesicht ist blass, dunkle Schatten liegen unter den Augen, der Blick wandert unstet hin und her. Der Satz und die Geste wirken verzweifelt. Dass Thomas Müller unter Depressionen leidet, merkt man ihm an - seine Umgebung, seine Freunde, sein berufliches Umfeld bekommen es mit. "Nicht arbeitsfähig", sagen die Ärzte. Die Krankenkasse sieht es anders. Sie hat ihm das Krankengeld gestrichen und ihm attestiert, gesund zu sein. Ohne jegliche Untersuchung.

Die Haare ein paar Zentimeter zu lang? Für die meisten Menschen wäre das kein Problem. Für Thomas Müller, einen Mann aus dem Großraum Würzburg, der nicht erkannt werden will, ist es eins. "Ich schaffe es nicht zum Friseur", sagt er und macht eine kurze Pause. "Ich schaffe es nicht aus dem Bett." Er atmet durch, den Blick starr auf das Fenster gerichtet. "Eigentlich schaffe ich gar nichts." Es ist ein Satz, der unter die Haut geht. So wie seine ganze Geschichte.

Dass der Weg zum Herrenfriseur für ihn mal zur unüberwindlichen Hürde werden könnte, hätte Thomas Müller nie gedacht. "Der, der ich früher mal war, hatte einen hohen Anspruch an sich." Er wollte der Beste sein, hängte sich rein, um allen gerecht zu werden, legte die Messlatte für sich selbst immer am höchsten. Erfüllen kann er diesen Anspruch schon lange nicht mehr.

Es begann vor weit über einem Jahr. "Da ging es mir nicht so gut." Der Betriebsarzt erkannte das, schickte ihn nach Hause. Er solle zum Hausarzt. Der schrieb ihn krank. Danach kam Müller zurück in die Firma. Es war eine schwierige Phase im Betrieb, das hinterließ Spuren. Wieder wurde er zum Arzt geschickt. Der stellte die Diagnose: Depression.

Müller begann eine Psychotherapie. Seitdem ist er krank geschrieben. Was anfangs auch kein Problem war. Doch dann hat er keine Post mehr geöffnet. "Ich konnte es nicht." Briefe der Krankenkasse blieben liegen, seine Krankmeldungen gab er teilweise zu spät ab. "Dass ich in diesen Fällen kein Krankengeld bekommen habe, kann ich nachvollziehen. Ich war ja selber schuld." Müller wurde zum Gespräch bei der Krankenkasse einbestellt, sollte ein Formular unterzeichnen, der Kasse Einblick in seine Krankenakten und Kontakt zum Arbeitgeber erlauben. "Das habe ich nicht gemacht. Ich sagte denen, das sei ja nur zu meinem Nachteil."

Die Krankschreibungen liefen weiter, Arzt und Therapeut war klar: Der Mann kann nicht arbeiten. Trotzdem kam im Frühjahr die Mitteilung von der Krankenkasse, dass der Medizinische Dienst ihn wieder für arbeitsfähig hält. "Die hatten mich gar nicht untersucht. Einblick in meine Akten hatten sie auch nicht, weil ich das ja nicht erlaubt hatte." Müller vermutet: Das halbe Jahr Krankheit ist bei einem Depressiven Standard; danach muss es wieder gehen.

Er erhob Einspruch, der Arzt schickte ein Attest an die Kasse. "Der Einspruch wurde abgelehnt, die Krankmeldungen hat die Kasse einfach ignoriert." Müller legte Einspruch beim Sozialgericht ein. Allerdings formell nicht richtig, wie sich später herausstellen sollte.


Wachsender Groll auf die Kasse

Einige Wochen danach forderte die Kasse ihn auf, den Krankenkassenbeitrag zu zahlen, "obwohl ich nullkommanull Einkommen hatte". Gezahlt hat Müller nicht, weil er ja vor Gericht gezogen, das Verfahren in der Schwebe war. Kosten liefen auf, summierten sich auf inzwischen mehrere tausend Euro. Kurz darauf strich die Kasse die psychotherapeutische Behandlung für den freiwillig versicherten Mann. Hintergrund dieser Entscheidung ist wohl der im Sozialgesetzbuch festgeschriebene Notlagentarif, der für Nichtzahler ausschließlich die Aufwendungserstattung für Leistungen vorsieht, die zur Behandlung von akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen erforderlich sind. "Fahrlässig" sei das, hat der Therapeut der Kasse mitgeteilt, so Müller. Genutzt hat dessen Attest erst einmal genauso wenig wie das des Hausarztes Monate zuvor.

Der Groll gegenüber der Kasse wuchs. Er empfinde eine Mischung aus Ohnmacht und Wut, sagt Müller. Doch die bringt ihn natürlich nicht weiter. Inzwischen hat er sich einen Anwalt genommen, der den Fehler im ersten Einspruch entdeckte. Gemeinsam gehen sie den Weg der Klage von vorne. "Es wird ein steiniger Weg." Aber es gehe um sein Seelenheil. "Ich drehe durch, wenn ich wieder Opfer von Willkür werde."
Derweil kämpft Müller weiter mit sich und der Krankheit, lange - und bald wieder - ohne fachliche Unterstützung. "Der Therapeut würde ja kein Geld kriegen, das könnte ich gar nicht verlangen", sagt er - wohl wissend, dass es ihn immer weiter zurückwirft, wenn er nicht in Behandlung ist. Kurz nach dem Gespräch mit der Redaktion meldet sich die Krankenkasse erneut bei ihm. Die Therapie müsse nicht weitergeführt werden, der Mann sei nicht akut bedroht. Die Kasse gewährt ihm noch wenige Sitzungen, um das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem Therapeuten zu beenden.
"Es geht da gar nicht darum, meine Heilung zu erreichen", so Müller, der kaum noch schläft, die ganze Nacht grübelt, vom Bett auf das Sofa wechselt. Der Streit mit der Krankenkasse paralysiert ihn so, dass er sich für nichts mehr begeistern kann. "Die Ärzte sagen, ich soll raus, unter die Leute. Aber das schaff' ich nur ganz selten. Ich bin so antriebslos."
Mehr als ein halbes Jahr ohne Einkommen, das geht nur, weil Müller vom Ersparten lebt und keine Familie hat. "Aber was macht jemand, der Kinder ernähren muss?", fragt er. Die Krankenkassen hätten eine soziale Verpflichtung, und die würden sie nicht mehr wahrnehmen, kritisiert er. Das ist für ihn der Hauptgrund, warum er überhaupt an die Öffentlichkeit geht. "Am liebsten wäre mir, wenn ich alle Versicherten aufrufen könnte: Passt auf, dass es Euch nicht auch so geht."
Diese Botschaft ist ihm wichtig. So wichtig, dass er die schier unüberwindlichen Hürden diesmal gemeistert hat - wenn auch nach mehreren Anläufen. Er hat es geschafft, die Korrespondenz mit der Kasse zusammenzusuchen, die Wohnung zu verlassen, in einen anderen Ort zu fahren, mit jemandem zu reden, den er noch nicht kannte. Andere würden das als Erfolg werten. Thomas Müller nicht. "Das war so schwer, das belastet mich alles so", sagt er und macht sich mit schweren Schritten auf den Weg zurück - in die Wohnung, ins Bett, in die Depression.





INTERVIEW:

"IMMER DEN ARZT MIT INS BOOT NEHMEN"


Wer Fragen zu seiner Erkrankung oder zu seinen Rechten als Patient und Versicherter hat, kann sich an die Unabhängige Patientenberatung wenden, die unter anderem in Würzburg eine Beratungsstelle betreibt. Ein Gespräch mit Heike Morris, Juristische Leiterin der UPD.

Ein Mann leidet seit mehr als einem Jahr an Depressionen, ist laut Arzt und Therapeut nicht arbeitsfähig. Trotzdem teilt ihm die Krankenkasse mit, dass er der Bewertung des Medizinischen Dienstes zufolge arbeitsfähig sei und streicht ihm das Krankengeld. Ein ungewöhnlicher Fall?
Heike Morris: Nein, wir kennen das aus der Praxis. Das Thema Ansprüche gegenüber Kostenträgern, insbesondere Krankengeld, ist eines der drei ganz großen Themen in unserer Beratungsarbeit.

Warum kann der Medizinische Dienst entscheiden, ob jemand arbeitsfähig ist oder nicht?
Morris: Der Medizinische Dienst kann die Arbeitsfähigkeit überprüfen, wenn die Krankenkasse das fordert. Zum Beispiel, wenn es Verschreibungsauffälligkeiten bei einem Arzt gibt, der Patienten besonders häufig oder lange krank schreibt. Oder aber indikationsspezifisch, wie eben beispielsweise bei psychischen Krankheiten.

Wie geht das vor sich?

Morris: Bei psychischen Krankheiten ist das nicht so einfach. Das ist ja nicht wie bei Krebserkrankungen oder beispielsweise bei Erkrankungen, die man mit einem Röntgenbild nachweisen kann.

Wird der Patient immer untersucht?
Morris: Es gibt Möglichkeiten der Untersuchung, aber es kann auch nach Aktenlage entschieden werden, das ist überwiegend so. Wenn der Medizinische Dienst - also der begutachtende Arzt - davon ausgeht, dass er umfassend beurteilen kann, ob der Patient gesund ist oder nicht, dann darf er das tun. Er kann Befundberichte des Patienten anfordern und deren Lektüre kann dann zum Ergebnis führen, dass entweder doch untersucht werden muss oder dass die Akteneinsicht ausreicht.
Wonach richtet sich der Medizinische Dienst, wenn er rein nach der Aktenlage entscheidet?
Morris: Ihm stehen neben den Informationen in der Patientenakte - sofern Einsicht erlaubt wurde - unter anderem statistische Verfahrenswerte zur Verfügung, zum Beispiel die durchschnittliche Krankheitsdauer. Das Einschalten des Medizinischen Dienstes kann zudem auch positive Auswirkungen für den Patienten haben. Der MD kann auch einschreiten, wenn jemand noch nicht effizient therapiert ist. Dann kann er ihm weitere Therapieangebote machen.

Was raten Sie Menschen, denen das Krankengeld gestrichen wird, die sich aber noch nicht gesund genug fühlen, um zu arbeiten?
Morris: Sie sollten in Widerspruch gehen, der muss innerhalb eines Monats eingereicht werden. Dieser Widerspruch kann, muss aber nicht begründet werden. Gleichzeitig können Betroffene das Gutachten des Medizinischen Dienstes anfordern - und mit dem Arzt durchgehen. Das ist ganz wichtig: Sie sollten immer den Arzt mit ins Boot nehmen. len
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