Bamberg
Robotik und Künstliche Intelligenz

Wie Maschinen fühlen: Professor Dörner aus Bamberg baut eine künstliche Seele (mit Video)

Konstrukteur der Seele: Professor Dietrich Dörner bringt Computern Gefühle bei und rührt dabei an Träume und Ängste, die wir aus Science Fiction kennen.
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Im Computer von  Professor Dörner "leben" virtuelle Wesen, die er  "Mäuse" nennt. Sie haben menschliche Gesichter und sind zum Fühlen programmiert. Foto: Matthias Hoch
Im Computer von Professor Dörner "leben" virtuelle Wesen, die er "Mäuse" nennt. Sie haben menschliche Gesichter und sind zum Fühlen programmiert. Foto: Matthias Hoch

H unger, Angst, Liebe: Solch simple Gefühle kennen Dietrich Dörners Maschinen. Aber Schuldgefühle verstehen sie zum Beispiel nicht: "Ich habe etwas getan und könnte deshalb ausgeschlossen werden - das setzt differenzierte Überlegungen voraus." Dörner zuckt die Schultern. "Komplexe Emotionen können Maschinen noch nicht." Der emeritierte Professor für Theoretische Psychologie sitzt in seinem kleinen Büro in der Bamberger Uni vor der Maschine, der er das Fühlen beigebracht hat. Kein Roboter, sondern ein Computer. Aber die künstlichen Seelen des Computerprogrammes lassen sich theoretisch auch in körperliche Maschinen pflanzen. "Och", sagt Dörner im Plauderton, "ich würd' das schon machen. Man bräuchte ein paar Millionen Euro. Man müsste schauen, was für einen Körper so ein Wesen haben soll. Aber es wäre doch überzeugender, wenn es in der Gegend rumliefe und nicht nur auf dem Bildschirm."


Roboter im Computer eines Bamberger Professors

Der Bildschirm zeigt eine Art Landkarte mit bunten Flächen und herumwuselnden Punkten. "Das sind in Gruppen lebende Roboter, die in einer Umgebung im Computer existieren." Dörner nennt die virtuellen Wesen "Mäuse", weil sie so klein und niedlich sind. Im Moment sind es 116. Aber das wird nicht lange so bleiben. "Es ist eine ziemlich harte Umgebung."

Hier im Video spricht Dietrich Dörner darüber, was wir Menschen von den "Mäusen" lernen können - und was seine Forschung zur Künstlichen Intelligenz bedeutet:


Der Professor wählt eine "Maus" zur Beobachtung aus und schaltet den Lautsprecher an: Geräusche wie Bellen, Schlürfen, eine Art Quietschen und Hecheln simulieren akustisch den Gefühlszustand des virtuellen Wesens. Optisch anschaulich wird's durch ein kleines Fenster mit einem Gesicht. "Um die Emotionen sichtbar zu machen, haben wir ihnen 14 Muskeln gegeben." Die Grafik ist ganz schlicht, dennoch ist das Minenspiel eindrucksvoll: weit aufgerissene Augen, eine verzerrte Fratze, dunkelrote Haut. Dazu ein Quietschen. "Jetzt ist sie durch so eine Dornenhecke gelaufen." Dörner zeigt auf eine violette Fläche in der virtuellen Landschaft. Der langsam davon wegblinkende Punkt ist unsere Maus. "Sie hat sich verletzt, beruhigt sich aber jetzt." Das Bildschirmgesicht hat eine normale Farbe angenommen. Dann verschwindet es einfach. "Na", sagt der Professor. "Jetzt isse tot."

 


Die künstlichen Wesen bekommen Kinder

Er wählt auf dem Bildschirm eine andere Maus aus, wieder öffnet sich ein Fenster mit einem Gesicht. Ein weiteres Fenster zeigt verschiedene Diagramme. 35 bis 40 Variablen bestimmen den Charakter des Wesens. "Sie sind unterschiedlich gewichtet. Für die eine hat Soziales ein höheres Gewicht, für andere Leistungsmotivation. Ich kann was, ich bin was wert für die Gruppe - das ist bei Männern stärker ausgeprägt." Wenn die Mäuse Kinder bekommen, mischen sich ihre Eigenschaften. Außerdem wird ihr Programm immer weiterentwickelt. Bestimmt 50 Versionen gebe es inzwischen. Die Mäuse freuen sich, sie fühlen Lust und Sympathie, haben Sex, kriegen Kinder und erziehen sie, indem sie ihr Wissen in deren Gedächtnis kopieren. Sie haben Freunde und Feinde und sind auf soziale Kontakte programmiert.

 

 


Dörner entschlüsselt den Bauplan der menschlichen Seele

Dörner geht es bei seinen künstlichen Wesen darum, den Bauplan der menschlichen Seele zu entschlüsseln. Die Seele versteht er als Steuerungsprinzip, das Informationen verarbeitet. "Die Grundprinzipien sind einfach und lassen sich in ein mathematisches System überführen."
Dörner ist Träger des Leibniz-Preises. Seit einem halben Jahrhundert beschäftigt er sich mit Künstlicher Intelligenz. "Schon Anfang der 1960er gab es die Diskussion über das Elektronengehirn, wie der Computer damals genannt wurde. Es hieß: Bald sind die wie Menschen." Der 79-Jährige erinnert sich daran, dass ein 30-Kilobyte-Speicher damals einen ganzen Flur belegte. "Man konnte die Bits sehen. Jeder Bit war ein Ring." Die milliardenfache Menge dessen, was damals einen ganzen Hochschulflur belegte, passt heute auf eine Festplatte. "Aber im Hinblick auf Künstliche Intelligenz hat sich wenig getan." Für wirkliche Intelligenz sei außer der Seele als Steuerungsprinzip auch etwas wie Sprache erforderlich.

 

 


Mensch, Maschine, Mäusetod

Der Psychologe spricht mit liebevoller Ehrfurcht über den Autor Stanislaw Lem, der sich unter anderem die "Robotermärchen" ausgedacht hat. Anfang der 1980er Jahre haben sich die beiden Männer in Berlin kennengelernt, und manchmal stößt die Arbeit des Psychologen an Fragen der Science-Fiction. Müssten virtuelle Wesen Rechte haben, wenn sie echtes Leid empfinden? Gerade erlischt auf dem Bildschirm wieder ein Mausgesicht. 64 sind im Verlauf des Interviews gestorben. "Ja", sagt Dörner mit leisem Bedauern, "das gibt einem so einen kleinen Stich."

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