Schweinfurt
Flüchtlinge

Modellprojekt in Schweinfurt: Hilfe für von der Flucht geplagte Seelen

Viele Asylsuchende haben Krieg, Folter und Bedrohung in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt. Ihnen will ein Schweinfurter Modellprojekt helfen.
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Viele Asylsuchende haben Krieg, Folter und Bedrohung in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt. Ihnen will ein Schweinfurter Modellprojekt helfen. Foto: Nicolas Armer dpa
Viele Asylsuchende haben Krieg, Folter und Bedrohung in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt. Ihnen will ein Schweinfurter Modellprojekt helfen. Foto: Nicolas Armer dpa
Als Hannah Zanker die Tür aufschließt und aufdrückt, eröffnet sich eine ganz andere Welt. Draußen lange Gänge mit vielen Türen und Neonlicht, die Luft abgestanden, der Kunststofffußboden ein 1960er-Jahre-Relikt. Hinter der Tür: Ruhe, gedämpftes Stehlampenlicht, ein gemütliches Sofa und davor ein Couchtisch aus Europaletten auf einem Sisal-Teppich. Es riecht noch neu, nach Möbelhaus. Eine Wohlfühl-Atmosphäre strahlt das Zimmer aus. Das soll es auch, erklärt Psychologin Hannah Zanker. Denn in dem Raum in der Schweinfurter Erstaufnahme für Flüchtlinge geht es um die seelische Gesundheit der Menschen.

Flüchtlinge müssen sich nach der Einreise in Deutschland registrieren und medizinisch untersuchen lassen. Dabei sollen vor allem körperliche Leiden entdeckt oder auch ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose ausgeschlossen werden. Die psychische und soziale Komponente von Gesundheit, wie sie etwa die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrer Definition vorsieht, spielt keine Rolle. In Schweinfurt ist das seit Februar 2017 anders. Dort gibt es ein deutschlandweit einmaliges Modellprojekt, gemeinsam getragen von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" sowie dem katholischen Schweinfurter Krankenhaus St. Josef.


Psychosoziale Hilfe für Neuankömmlinge

Nach der medizinischen Erstuntersuchung wird allen Neuankömmlingen auch ein psychosoziales Erstgespräch angeboten. Mit standardisierten Fragebögen sollen dann mögliche psychische oder soziale Probleme der Menschen aufgespürt werden. Das ist keine professionelle Anamnese - und erst recht keine Therapie, stellt Projektleiterin Henrike Zellmann von Ärzte ohne Grenzen klar: "Das ganze hat präventiven Charakter", sagt die klinische Psychologin. Geführt werden die Gespräche von geschulten Laienberatern aus verschiedenen Kulturkreisen und Sprachkenntnissen: "Um möglichst viele Menschen aus Kriegsregionen zu erreichen."

Aktuell arbeiten eine Iranerin, ein Somalier und ein Syrer im Team der "Ambulanz für seelische Gesundheit" in der Erstaufnahmeeinrichtung mit. Ihnen steht immer eine Psychologin zur Seite, um sie bei Bedarf zu einem der Erstgespräche dazuzuholen oder auch als Supervisorin für die eigenen Belange zu befragen. Psychologin Hannah Zanker sagt, Ziel der Erstgespräch ist es, mögliche Problemfelder zu identifizieren - und dann kleine Gruppen zu bilden. Die Gruppen erhalten drei Termine, bei denen gemeinsam über Probleme gesprochen wird: "Es geht um die Erkenntnis: Ich bin damit nicht alleine! Und es geht um Hilfe zur Selbsthilfe!"


Hälfte aller Flüchtlinge nimmt Hilfe in Anspruch

Abdifatah Mohamed ist einer der drei Laienberater. Der 27-Jährige lebt seit 2011 in Schweinfurt, in der somalischen Hauptstadt Mogadischu war er als Radiojournalist tätig, ehe er aus Angst vor Übergriffen flüchtete. Ungefähr die Hälfte aller Neuankömmlinge nehme das Angebot für das psychosoziale Erstgespräch an, in der Gruppenphase sind es noch mal etwas weniger. "Das ist wie bei uns", erklärt Psychologin Zanker: "Viele Menschen gehen wegen Bauchschmerzen zum Arzt, nicht aber wegen psychischer Probleme." Bis zu 75 Minuten dauern die Erstgespräche, oft leiden die Menschen an Schlafstörungen oder haben Alpträume.

"Manchmal helfen ganz praktische Tipps, damit aus solchen Problemen keine ernsthaften psychischen Krankheiten oder Störungen werden", sagt Zanker. Wenn jemand Schlafstörungen habe, helfe oft schon eine verbesserte "Schlafhygiene", also: ruhiges Umfeld, Dunkelheit, tagsüber Aktivitäten im Freien, Sport, kein Kaffee oder Tee nach 15 Uhr. "Und es ist ganz wichtig, den Menschen zu vermitteln: Es ist ganz normal, dass ihr gestresst seid und Probleme habt", sagt Kinderärztin Özlem Anvari, die in der Erstaufnahmeeinrichtung Sprechstunden abhält: "Eine Flucht hätte doch keiner von uns ohne Probleme oder Stress überstanden."

Das Modellprojekt läuft bereits seit Februar, nun sind beide Träger des Modellvorhabens an die Öffentlichkeit gegangen - auch, um für ähnliche Projekte an anderen Standorten zu werben, sagt Zellmann. Es sei das "erste Mal in unsrer Geschichte, dass wir in Deutschland aktiv werden". Das vor allem deshalb, um auf die bisher "unzureichende psychologische Versorgung von Asylsuchenden" in Deutschland aufmerksam zu machen. Ärzte ohne Grenzen will sich nun langsam aus der aktiven Beteiligung in Schweinfurt zurückziehen und die Leitung an das Krankenhaus St. Josef übergeben.
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