Euerbach
Tierschutz

Deshalb blockieren Feldhamster immer wieder große Bauvorhaben in Franken

Er gräbt, er wühlt, er baut - und das bevorzugt in Unterfranken. In letzter Zeit hat der vom Aussterben bedrohte Nager immer häufiger für Unruhe gesorgt.
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Symbolfoto: Uwe Anspach/dpa
Symbolfoto: Uwe Anspach/dpa
Er ist klein, er ist pelzig und, zumindest in den Augen von Kindern, ziemlich niedlich - der Feldhamster. Doch gerade dieses possierliche Tierchen sorgt momentan für mächtigen Ärger in der Region Unterfranken.

Nachdem 2007 rund 180 Tiere für den Bau des IKEA-Möbelhauses umgesiedelt wurden, blieb es lange still um die kleinen Nager. Eine geplante Umsiedlung in Euerbach im Jahr 2015 vereitelte der dort ansässige Feldhamster, indem er einfach ganz von alleine umzog.

Jetzt, knapp zwei Jahre später, schlägt ein neuer Fall Wellen: Aufgrund eines bewohnten Hamsterbaus muss die Entstehung eines Kreisels in der Gemeinde Euerbach im Landkreis Schweinfurt auf 2018 verschoben werden. Denn dort, wo die Umgehungsstraße für die Baustelle verlaufen soll, hält eines der Tiere gerade seinen Winterschlaf. Und auch in Rottendorf hatte ein Hamstervorkommen im vergangenen Jahr die Pläne für ein Neubaugebiet verschoben.


Vom Aussterben bedroht


Doch wie kann ein so kleines Tier so viel Ärger machen? Die Antwort darauf gibt das europäische Artenschutzrecht, das 1996 im Bundesnaturschutzgesetz verankert wurde. In Paragraf 44 heißt es in Absatz Eins: "Es ist verboten, besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten." Ferner dürften ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten nicht zerstört werden. Der Feldhamster steht bereits seit 1944 europaweit auf der Roten Liste gefährdeter Arten und macht somit einigen Bauherren einen Strich durch die Rechnung.

Das passiert vor allem in Unterfranken immer häufiger. Der Grund: Das Verbreitungsgebiet des Hamsters hat sich in Bayern in den letzten Jahrzehnten auf die unterfränkischen Regionen zwischen dem südlichen Würzburger bis hin zum nördlichen Schweinfurter Landkreis verkleinert. Hier leben noch zwischen 25.000 und 40.000 Tiere.

Seit der kleine Wühler 2010 von der zweiten sogar auf die höchste Stufe der vom Aussterben bedrohten Tiere gesetzt wurde, bekommt Carola Rein vom Umweltbüro Fabion immer häufiger Aufträge ins Haus. Als Fachgutachterin siedelt sie jährlich mehrere Feldhamster auf sogenannte Ausgleichsflächen um. Zuvor untersucht sie jedoch den Baugrund auf Hamsterbauröhren. Und wenn die vorhanden sind, muss der Bauherr den Umsiedlungsprozess im nächsten Frühjahr oder nach der nächsten Erntezeit abwarten.


Ein durchgeplanter Umzug


Kommt es tatsächlich zu einer Umsiedlung, sind Rein und ihre Kollegen drei Nächte lang im Einsatz. Zu zweit oder zu dritt stellen sie an jeder Röhre eine Falle auf. Die ist etwa 40 Zentimeter lang und wird mit Apfel- oder Gurkenschnitzen bestückt. Zu guter Letzt wird das Gittergestell mit einer dunklen Folie umwickelt, die das nachtaktive Tier vor Nieselregen und Mondlicht schützt.

Läuft der Hamster in die Falle, schließt ein Kippmechanismus die Klappe hinter ihm. "Meist sind die Tiere sehr verängstigt", berichtet Carola Rein, "deshalb kontrollieren wir die Fallen alle drei Stunden, bis zum Morgengrauen." Mit dem Fang im Kofferraum geht es dann zur Ausgleichsfläche. Die muss mindestens einen Kilometer entfernt sein, so dass der Hamster nicht zum alten Bau zurückläuft.

Dort bohrt das Team zuvor 80 Zenitmeter tiefe Erdlöcher, auf die ein bodenloser Eimer gestellt wird. Samt Futter werden die Tiere dann in ihr neues Heim gesetzt. "Die meisten nehmen die frischgebohrten Röhren gut an und graben sich direkt einen neuen Bau, manche ziehen allerdings auch weiter", erklärt Rein.

Zum Umsiedlungsprozess gehöre deshalb auch eine Erfolgskontrolle. Da die Feldhamster nicht gechippt werden, können einzelne Individuen nicht kontrolliert werden. Um dennoch den Überblick zu behalten, untersucht das Team die Ausgleichsfläche über viele Jahre hinweg bis zu fünf Mal im Jahr.
"Spinnweben und der Zustand der Erde verraten mir dann, ob die Baue noch bewohnt sind", erzählt die Fachgutachterin.


Schwankende Bestände


Eine Momentaufnahme der Bestände in ganz Unterfranken sei jedoch nur schwer einzufangen. Schon seit dem Jahr 2000 sammelt Carola Rein Fundpunkte im Verbreitungsgebiet. Das hat sich inzwischen auf knapp 1 000 Quadratkilometer verkleinert. Die Bestände schwanken allerdings auch ohne das Eingreifen des Menschen. Das sei typisch für die Ökologie der Kleinsäuger, so Rein. Zudem liege die Wintersterblichkeit zwischen 50 und 70 Prozent.

Trotzdem sorgen Monokulturen, schnelle Ernten und neue Gewerbegebiete und Straßen weiterhin für den Rückgang der unterfränkischen Hamster-Populationen. "Vor allem der zunehmende Gemüseanbau mit Folientunneln und -kulturen macht dem Hamster zu schaffen", gibt Carola Rein zu bedenken.

Fand man vor 50 Jahren noch 20 bis 30 Hamsterbaue pro Hektar, sind es heute noch höchstens ein bis zwei. Auch der Status des Schädlings ist längst Vergangenheit. Noch bis Ende der 70er Jahre jagte man die Tiere. Um das "Ungeziefer" loszuwerden, steckten Bauern Fallen in die Röhren der Hamsterbaue oder fluteten sie gar mit Wasser oder Gülle.


Aufwendige Angelegenheit


Daran ist heute nicht mehr zu denken - der Artenschutz hat höchste Priorität. Dennoch scheiden sich an der Rettung des Feldhamsters die Geister. Dabei sei es grundsätzlich gar nicht das Tier, das die Bauvorhaben verzögere, bemerkt Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung Unterfranken. Die rechtzeitige Berücksichtigung des Artenschutzes und die Lösung der damit verbundenen Problemstellungen erfolge oft zu spät.

Im Klartext heißt das: Der Bauherr muss rechtzeitig einen Gutachter beauftragen, der den Baugrund auf Hamstervorkommen untersucht. Denn sobald ein Bau entdeckt wird, ist die Umsiedlung Pflicht. Hierfür muss allerdings eine Ausgleichsfläche in der Nähe gefunden werden. Die muss der Bauherr dann über einen langen Zeitraum hinweg finanzieren und hamstergerecht bewirten. Das kostet alles eine Menge Zeit und Geld, denn nicht immer ist guter Grund in der Nähe verfügbar.


Mögliche Lösung


So auch in Giebelstadt im Landkreis Würzburg. Hier soll seit Jahren eine Umgehungsstraße gebaut werden. Der Plan verläuft allerdings durch den Lebensraum von Feldhamster und Wiesenweihe. 25 Hektar Ausgleichfläche werden für die Umsiedlung benötigt. Doch die sind im ertragreichen Ochsenfurter Gau nicht so leicht zu erstehen. Die Lösung: ein Ausgleichsverfahren.

Gegen ein Entgeld von 14,31 Euro pro 100 Quadratmeter stellen Landwirte Teile ihrer Äcker zur Verfügung, auf denen sie Getreide anbauen. Um den Hamstern Deckung zu bieten, werden die meist 5 Meter breiten Streifen nicht geerntet. Seit 2006 wird dieses Feldhamster-Hilfsprogramm (FHP) auch in Unterfranken durchgeführt.

"Das Monitoring zeigt, dass die Flächen gut angenommen werden", berichtet Carola Rein. Allerdings müsse man FHP-Projekte großflächiger umsetzen, um die Gefährdung des Hamsters tatsächlich einzudämmen. Solange die industrielle Entwicklung der Landwirtschaft so rasant voranschreite, habe der Hamster keine Chance. Laut Meinung der deutschen Experten könnte der Hamster in Unterfranken allerdings schon in zehn bis 15 Jahren ausgestorben sein.



Informationen zum Feldhamster


Der Feldhamster zählt zur Gattung der Großhamster und zur Familie der Wühler unter den Mäuseartigen. Sein lateinischer Name lautet Cricetus cricetus.
Seine Größe variiert zwischen 20 und 34 Zentimetern. Hinzu kommt ein haarloser, 4 bis 6 Zentimeter langer Schwanz.
Das Gewicht liegt zwischen 200 und 650 Gramm, wobei die Männchen meist größer und schwerer als die Weibchen sind.
Ein typisches Merkmal ist sein farbenfrohes Fell. Er gilt als das bunteste Pelztier Europas. Während das Bauchfell schwarz ist, ist die Oberseite gelb-braun mit weißen Flecken an Backen, Flanken und Vorderbeinen.
Seine Ernährung besteht aus Körnern, Wurzeln, Pflanzenteilen und Samen.
Gelegentlich frisst er aber auch Kleintiere wie Schnecken, Käfer oder junge Mäuse. Für den Winter kann er bis zu fünf Kilogramm Körnervorrat in seinen Bau schleppen, zum Überleben reichen jedoch zwei.
Nur für die Fortpflanzung lassen die Weibchen ein Männchen in ihren Bau, ansonsten sind die Tiere Einzelgänger. Ein- bis dreimal pro Jahr bringen sie fünf bis zwölf Junge zur Welt, die nach vier Wochen schon den Bau verlassen.
Sein bevorzugter Wohnraum sind tiefgründige Löss- und Lehmböden. Im Sommer liegen die Baue 30 bis 60 Zentimeter tief unter der Erde, im Winter zum Schutz gegen Frost bis zu über einem Meter.
Seine ursprüngliche Heimat hat der Feldhamster in den Steppenregionen Osteuropas. Als Kulturfolger hat er sich im Zuge der Landwirtschaftsintensivierung nach Westeuropa ausgebreitet. Hier sind die ersten Funde auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert.
Lena Köster
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