Ich willige einX

Diese Website verwendet das Besucheraktions-Pixel von Facebook für statistische Zwecke. Mit einem Cookie kann so nachvollzogen werden, wie unser Marketing auf Facebook wirkt und wie wir es verbessern können. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihr Einverständnis hierzu erteilen. Eine genaue Beschreibung zum „Besucheraktions-Pixel“, zu Cookies im Allgemeinen und Ihrem Widerspruchsrecht, das Sie jederzeit ausüben können, steht Ihnen in unserer Datenschutzerklärung unter hier zur Verfügung.

Gespräch

Hans Driesel plädiert für mehr Mut in der Bütt

Ehemaliger Sitzungspräsident der "Schwarzen Elf" beschäftigt sich intensiv mit Wortkünstlern alter Zeiten und nimmt Walter Zänglein als Vorbild.
Walter Zänglein hatte keine Scheu - auch vor den Großen der Politik nicht. Hier der Bundestagabgeordnete Max Schulze Vorberg und Ministerpräsident Franz Josef Strauß nach einem Auftritt Zängleins. Foto: Archiv Driesel
 
Die Karnevalssitzungen heutiger Prägung haben sich in den 1950ern in Franken eingebürgert. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die kritische Seite der Fastnacht, die Freiheit des Wortes gegen die Narrheiten der Obrigkeit, also die viel gerühmte Narrenfreiheit, sie "scheint in der Demokratie ein wenig zu verkümmern", sagt Hans Driesel, selbst ein Meister des geschliffenen Wortes.

26 Jahre lang war er ab 1969 Sitzungspräsident der Schwarzen Elf, trat oft bei "Fastnacht in Franken" auf, wirkte mit bei der Neukonzeption des Deutschen Fastnachtmuseums in Kitzingen, ist heute sein künstlerischer Leiter. Er hatte und hat also närrisch viel zu tun. Dennoch beschäftigte er sich intensiv mit Wortkünstlern alter Zeiten. Einer davon ist Walter Zänglein.


Motiviert und Talente gefördert

Roland Breitenbach, einst kongenialer Partner im Duo "Stasi & Blasi", veröffentlichte kurz nach Zängleins plötzlichem Tod 1985 ein Buch mit dem vielsagenden Titel "Narrenpolitik". Der 30. Geburtstag ist der zweite Grund fürs Gespräch im Pfarrheim von St. Michael."Zum Glück verschwindet der Wortkünstler nicht ganz, es gibt sie noch, die mit Geist und Witz den Großen den Spiegel vorhalten", sagt Driesel. Als Beispiel nennt er Peter Kuhn von der Schwarzen Elf, der wie Zänglein aus Oberwerrn stammt. Mit den hervorgekramten Reden Zängleins wolle er "an einen Großen der fränkischen Fastnacht im Allgemeinen, der politischen im Besonderen erinnern". Zänglein habe seine Rollen gelebt. "Das billige Aneinanderreihen mehr oder weniger alter Witze war nicht seine Sache."


Warnung vor braunen (Un-)Geist

Die Schwarze Elf verdanke Zänglein viel, sagt Driesel, der selbst über 50 Jahre in der Szene aktiv ist. Zänglein habe motiviert, Talente gefördert. Dann blättert Driesel in der "Narrenpolitik". Die "musste ich veröffentlichen, um seine politische Reden vor dem Vergessen zu bewahren", streut Breitenbach ein.Das Buch enthält tatsächlich viele Beiträge, die vor dem braunen (Un-)Geist warnen und in der gegenwärtigen Zeit eine beinahe beklemmende Aktualität bekommen.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte vor kurzem ein Verbot der NPD ab. 1964 war die Partei gegründet worden. Zänglein widmete sich damals als Schießpulver-Erfinder Berthold Schwarz dem braunen Spuk sprachlich-doppeldeutig. Er brachte Chemikalien mit auf die Bühne, die wechselten, mit dem Text korrespondierend, ständig die Farben entsprechend der damals Herrschenden, Schwarz, Rot, Gelb. Nun aber war Braun dazugekommen. O-Ton: "Am Rand hier, ganz rechts außen steh´n/ein paar trübe braune Flaschen./ Ihr Inhalt, wie Sie jetzt gleich seh´n,/sind Reste adolfierter Massen./Geschmacklos ist das Zeug und schal,/es riecht nach Brom, auf Deutsch:/es stinkt, und reagiert meist radikal,/wenn man es durcheinander bringt."Zänglein schüttete dabei Substanzen in einen Becher, die Flüssigkeit färbte sich plötzlich braun, begann aufzuschäumen.


Politischer Karneval vom Feinsten

Dann der Knalleffekt: Zänglein packte den "braunen Haufen" und sagte: "Zum Glück ist das nur Schaum hier und/hat dieserhalb auch kaum Gewicht,/doch zeigt der braune Untergrund,/ja bereits schon sein Gesicht!". Dem Publikum drehte er die Unterseite des Haufens zu - ein Bild Hitlers. Reaktion war ein Aufschrei, Jubel für die Pointe, auch Nachdenklichkeit, erinnert Driesel. Das sei politischer Karneval vom Feinsten gewesen "wie man ihn heute nur noch selten findet".

Warum ist das so? Zum einen die gesellschaftliche Entwicklung mit "zu viel Abwechslung" durch "Social Media". Viele wollen nur Spaß, nicht wenige Redner, auch in den Hochburgen, reagierten darauf. Es freut Driesel, dass es heute weit über 300 Gesellschaften in Franken gibt, aber trotz guter Nachwuchsarbeit des Verbandes seien herausragende Redner noch immer dünn gesät.


Der Kirche Spiegel vorgehalten

In der Bütt und am Faschingssonntag habe er bis heute, obwohl Pfarrer, immer auch der Kirche einen Spiegel vorgehalten, sagt Breitenbach. Driesel hatte 1992 bei "Fastnacht in Franken" Papst Paul II. (Karol Wojtyla) kritisiert, der in Afrika eine Großfamilie zum guten Beispiel fürs "wachset und mehret euch" erhoben hatte. Die BR-Redaktion wollte die Passage streichen. Driesel weigerte sich. Der Text blieb unverändert.


Sachen gepackt, heimgefahren

Als der BR einen Text der "Siebenschläfer" zusammenstreichen wollte, "haben wir kurz vor der Live-Übertragung unsere Sachen gepackt und sind heimgefahren", erzählt Driesel.Das habe schon ein wenig Mut gebraucht, sei aber nichts im Vergleich zu den Mainzer Legenden Martin Mundo oder Seppel Glückert, die bis 1938 kein Blatt vor den Mund nahmen. Driesel wünscht sich heute mehr Mut, mehr kritische Beiträge, als nur "Witze erzählen, Witze erzählen, Witze erzählen". Hannes Helferich

zum Thema "Fasching Schweinfurt"

Newsletter kostenlos abonnieren


noch Zeichen



Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können:

Sie sind noch nicht registriert? Bitte hier registrieren.