Schweinfurt
Arbeitswelt

Afz-Verein als Rettungsanker?

Lange unwissend gehalten, soll der Betriebsrat nun flott über 150 "dringliche" Neueinstellungen entscheiden.
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Es soll weitergehen für die meisten Afz-Bereiche und etwa 150 Mitarbeiter der insolventen Afz Service GmbH, auch wenn diese abgewickelt wird. Unser Foto entstand bei der Ausbildung in der Metallwerkstatt, aufgenommen im Juli 2016. Foto: Anand Anders
Es soll weitergehen für die meisten Afz-Bereiche und etwa 150 Mitarbeiter der insolventen Afz Service GmbH, auch wenn diese abgewickelt wird. Unser Foto entstand bei der Ausbildung in der Metallwerkstatt, aufgenommen im Juli 2016. Foto: Anand Anders
Im Jahr 2002 wurde die afz GmbH gegründet als Tochterunternehmen des Bildungsträgers afz e.V., der sich bei seiner Gründung 1985 auf die Fahnen geschrieben hatte, Arbeitslosen, insbesondere Jugendlichen, durch Ausbildung und Qualifizierung zu ordentlichen Jobs im ersten Arbeitsmarkt zu verhelfen. Der e.V.-Betriebsrat hat die tariflose GmbH mit ihrer Gewinnorientierung nie gewollt, weil sie seiner Meinung nach überhaupt nicht zum gemeinnützigen Bildungsträger gepasst hat. Jetzt soll der e.V. 150 von 184 Mitarbeitern der Pleite-GmbH einstellen und den Job retten.


Die GmbH wird abgewickelt

Diesen Plan hat Rechtsanwalt Klaus-Christof Ehrlicher bei der Mitarbeiterversammlung der GmbH-Beschäftigten verkündet und Zuversicht verbreitet, dass er gelingt. 25 Beschäftigte kommen darin nicht vor, sie waren laut Insolvenzverwalter in unwirtschaftlichen Bereichen angestellt: Im Garten- und Landschaftsbau, im Möbellager (Umzüge/Transporte), bei den "zentralen haushaltsnahen Dienstleistungen" (Reinigungskräfte).

Das Schicksal der fünf Mitarbeiter der Heilpädagogischen Tagesstätte in Schweinfurt Am Markt ist derzeit dagegen noch offen. Die Sparte "Beschichtungen" will der Insolvenzverwalter wohl verkaufen. Das bestätigten die Betriebsräte des afz e.V., Berthold Schatz und Mareile Müller, gegenüber der Presse.

Wer von dem Jobrettungsversuch auf keinen Fall profitiert, ist die bisherige Geschäftsführerin beider afz-Firmen, Monika Urlaub. Sie erhielt bereits ihre Kündigung vom Insolvenzverwalter, soweit es die GmbH betrifft. Und: Ihre Vorstandskollegen Artur Gaus und Kerstin Mack im afz-Verein haben ihr als Geschäftsführerin des afz e.V. fristlos gekündigt. Aus wirtschaftlichen Gründen, wie sie sagen. Gaus und Mack wollen die Geschäfte des e.V. künftig als Vorstand ehrenamtlich führen, sagen sie. Monika Urlaub selbst will sich auf anwaltliches Anraten derzeit nicht dazu äußern, wie es aus ihrem bisherigen beruflichen Umfeld heißt.

Betriebsrätin Müller findet es "unglaublich, was sich der Insolvenzverwalter und die Unternehmensberater von Rödel & Partner da einbilden, was sie Großartiges geleistet haben" . Sie spricht von dem Eigenlob in der Pressemitteilung, wonach es ihnen "unter Hochdruck gelungen" sei, den Geschäftsbetrieb der insolventen GmbH "zu stabilisieren und fortzuführen" - und den afz e.V. als Retter auszumachen. Seit Wochen habe der Betriebsrat Transparenz gefordert und nie etwas erfahren. Er habe keine Ahnung, wie die GmbH-Bereiche wirtschaftlich dastehen. Er habe Unterlagen angefordert und Vorschläge zur Neuaufstellung der GmbH gemacht - jedoch ohne Reaktion. Dass der e.V. die meisten GmbH-Beschäftigten nun weiterbeschäftigen soll, habe der Betriebsrat in der Mitarbeiterversammlung erfahren.

Mitte Juni schon habe er für den Fall eines Übergangs der GmbH-Beschäftigten des Campus-Hotels in Bad Kissingen auf den e.V. angekündigt, dass der Betriebsrat auf absoluter Transparenz und den Abbau der Ungleichbehandlung, insbesondere bei der Arbeitszeit und der Entlohnung, bestehen werde. Seine Aufgabe sei es auch, bei jeder Neueinstellung zu prüfen, ob dadurch kein Arbeitsplatz gefährdet werde.


Dringlichkeitsvermerk

Wörtlich heißt es in dem Betriebsratsbeschluss: "Insofern ist völlig offen, wer aus der GmbH in den e.V. übernommen werden kann". Bisher wissen die Arbeitnehmervertreter "von keinen ,profitablen und zukunftsträchtigen Bereichen', die der e.V. übernehmen könnte, weil ihm keine aktuellen Zahlen vorliegen".

Inzwischen hat der bisherige Verwaltungsleiter der afz Service GmbH, Artur Gaus (gleichzeitig Vorstandsmitglied im afz e.V.), rund 150 personelle Meldungen der afz-Beschäftigten übergeben, alle mit Dringlichkeitsvermerk. "Eine Unverschämtheit, so einen Druck aufzubauen", findet Mareile Müller.

Gesprächen mit dem Insolvenzverwalter und e.V.-Vorstand wollen sich Schatz und Müller nicht verweigern, vor Entscheidungen über Neueinstellungen aber Zahlen einsehen. Schließlich sei der Betriebsrat in erster Linie den 80 e.V.-Beschäftigten verpflichtet und müsse verhindern, dass es diesem so ergeht wie der Service GmbH.
Diese Sorge wollen die e.V.-Vorstände Mack und Gaus dem Betriebsrat nehmen. Kerstin Mack: "Wir wären dumm, wenn wir dem e.V. defizitäre Abteilungen zuschustern würden." Das Ziel sei ja nicht, dass der Verein auch noch insolvent werde. Unter Druck wolle der Vorstand den Betriebsrat keineswegs setzen, so Gaus und Mack. Wobei diesem die Wirtschaftspläne vieler bisheriger GmbH-Abteilungen, die seit Langem als "Dienstleister" ausschließlich im Auftrag des e.V. gearbeitet hätten, bekannt sein müssten, sagen sie.


Zeitarbeitsfilialen gescheitert

Gaus meint im Übrigen, dass die wirtschaftliche Schieflage der GmbH keineswegs die beiden letzten Geschäftsführer zu verantworten hätten. Sie sei vom vorvorletzten Verantwortlichen verursacht worden, als dieser ab 2004 bundesweit Zeitarbeitsfilialen aufgebaut habe, diese grandios gescheitert seien und zu einem Millionenverlust geführt hätten. Damals musste der e.V. der GmbH-Tochter mit einem Millionen-Darlehen beispringen. Stefan Sauer
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