Georgensgmünd
Gericht

Heimtücke und niedrige Beweggründe: lebenslange Haft für "Reichsbürger" von Georgensgmünd?

Im Prozess um tödliche Schüsse auf einen Polizisten wurden die ersten Plädoyers gesprochen. Die Staatsanwaltschaft ist vom Mordmerkmal überzeugt.
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Wolfgang P. zum Prozessauftakt am 29. August vor dem  Landgericht Nürnberg-Fürth.  dpa
Wolfgang P. zum Prozessauftakt am 29. August vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth. dpa
Im Prozess um die tödlichen Schüsse von Georgensgmünd fordert die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Haftstrafe für den 50-jährigen Angeklagten. In seinem Plädoyer bewertete Staatsanwalt Matthias Held den Angriff vom Oktober 2016 als Mord sowie als versuchten Mord in drei tateinheitlichen Fällen. Bei dem Routineeinsatz im mittelfränkischen Georgensgmünd war ein 32-jähriger Beamter des Spezialeinsatzkommandos (SEK) ums Lebens gekommen, zwei weitere wurden verletzt.

Laut Held stehen die drei Mordmerkmale Heimtücke, niedrige Beweggründe und besondere Schwere der Schuld fest. Wolfgang P. habe den Angriff auf die Polizisten geplant - von Notwehr könne keine Rede sein. Vielmehr habe der 50-Jährige bereits im Vorfeld versucht in Erfahrung zu bringen, wann der Einsatz durchgeführt wird. Auch habe er sich über Notwehrmaßnahmen bei staatlichen Einsätzen informiert. Gegenüber einem Zeuge soll er zudem gesagt haben. "Ein paar von denen nehme ich mit."
Die eingesetzten Polizisten seien arg- und wehrlos gewesen. "Sie konnten nicht damit rechnen, durch die Tür beschossen zu werden", sagte der Staatsanwalt. Das Eindringen der Polizisten habe P. wahrgenommen und eine günstige Situation zur Schussabgabe gewählt. Er habe sich sogar auf einen längeren Kampf vorbereitet.

Vor Gericht hätte sich der Angeklagte zwar betroffen gezeigt - seine Reue ist aus Sicht des Staatsanwalts jedoch nur gespielt. "Das ist seine Verteidigungstaktik", sagte Held vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth. Wolfgang P. sei loyal zu Freunden, aber "unerbittlich gegenüber seinen Gegnern".


Nebenklage: "Das alles ist lebensfremd"

Die Vertreterin der Nebenklage folgte den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Der Angeklagte habe im Prozessverlauf hanebüchene Erklärungsversuche präsentiert. Unter anderem die Version, dass IS-Kämpfer seine Wohnung stürmen wollten. Auch die Einbrecher-Theorie sei nicht nachvollziehbar. "Diese kommen in der Regel lautlos und nicht mit Martinshorn, Blaulicht und lauten Rufen", sagte die Anwältin. Außerdem würde ein geübter Schütze einen Warnschuss abgeben, wenn er Einbrecher vermutet. "Aber der Angeklagte gab elf gezielte Schüsse ab. Das alles ist lebensfremd."

Ob der 49-Jährige der "Reichsbürger"-Bewegung angehört oder nicht, sei nicht relevant. "Er lehnt die staatliche Grundordnung ab und hat deshalb letztlich auch die Waffe auf die Polizisten gerichtet", sagte die Nebenklägervertreterin.


Angeklagter: Habe aus Notwehr gehandelt

Der sogenannte "Reichsbürger" Wolfgang P. soll am 19. Oktober 2016 in seinem Haus mehrfach auf SEK-Beamte geschossen haben. Bei dem Einsatz sollten dem Hobby-Jäger dessen rund 30 Waffen abgenommen werden. Von den Behörden war der Mann aus Georgensgmünd als nicht mehr zuverlässig eingestuft worden.


Psychiatrischer Sachverständiger: Angeklagter voll schuldfähig

Die beteiligten Polizeibeamten hatten vor Gericht ausgesagt, dass sie mit den Schüssen durch die geschlossene Tür nicht gerechnet hätten. "Wir wussten zwar von Waffen, die Schüsse waren aber überraschend", sagte ein Zeuge.

Wolfgang P. hatte angegeben, aus Notwehr gehandelt zu haben. Begründung: Er habe einen Einbruch vermutet. Ein psychiatrischer Sachverständiger hatte den Angeklagten als voll schuldfähig eingestuft.
Am morgigen Freitag folgt das Plädoyer der Verteidigung. Die Anwälte des Beschuldigten, der seit Mitte Oktober 2016 in Untersuchungshaft sitzt, hatten am ersten Prozesstag kritisiert, dass der Polizeieinsatz dilettantisch durchgeführt und "ein Desaster" gewesen sei. "Es war der Versuch, einen Querulanten zu zähmen", erklärte Rechtsanwältin Susanne Koller. Die Schüsse hätten alleine der Selbstverteidigung in einer Notwehrlage gedient.

Das Urteil wird voraussichtlich am kommenden Montag, 23. Oktober, gesprochen.
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