Memento mori

Themenseite: Der Totentanz als Anregung, über die Vergänglichkeit nachzudenken
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Auch die Papstwürde rettet nicht vor dem Tanz mit dem Tod. Kupferstich von Matthäus Merian (um 1649) nach dem Totentanz von Basel.  Foto: Christian Dijkstal
Auch die Papstwürde rettet nicht vor dem Tanz mit dem Tod. Kupferstich von Matthäus Merian (um 1649) nach dem Totentanz von Basel. Foto: Christian Dijkstal
Traditionell ist der November der Monat, in dem man der Verstorbenen gedenkt. Die Tage werden kürzer und dunkler, die Natur scheint sich zurück zu nehmen: Der Mensch wird sich seiner Vergänglichkeit bewusst. Mit der Erkenntnis, dass alles Leben endlich ist, haben die Menschen sich von jeher auseinandersetzen müssen.

Nicht nur die Frage, was nach dem Tod geschieht, hat sie dabei beschäftigt; alleine die Tatsache, dass der Moment des Sterbens für jeden irgendwann ansteht und dass der Zeitpunkt dieses Augenblicks keinem bekannt ist, hat über Jahrhunderte zu einer Vielzahl von philosophischen und religiösen Spekulationen geführt, hat in der Folge Gedichte, Bilder, Musikstücke hervorgebracht.
Ganz wichtig war lange Zeit die Sorge um einen "guten Tod". Ein interessantes Ergebnis dieser Sorge sind die Totentänze, die in unterschiedlicher Form in den letzten rund tausend Jahren entstanden sind. Bis in die heutige Zeit beschäftigen sich Künstler mit diesem Sujet; Anlass und Form waren dabei wechselhaft.



Tod und Opfer

Darstellungen "lebendiger" Toter oder des personifizierten Todes gibt es schon lange; sie lassen sich bereits in vorchristlicher Zeit finden. Hier soll es um den Totentanz, wie er sich ab dem Mittelalter in Europa verbreitet hat, gehen. Worin genau er seinen Ursprung hat, ist nicht ganz klar. Es mag sein, dass am Anfang Mysterienspiele standen, in denen Tod und Opfer Dialoge in Versform hielten, die im Lauf der Zeit zu gemalten Szenen wurden. Eine der frühesten bekannten, wenn auch nicht mehr existierenden "klassischen" Totentanzdarstellungen war eine um 1420 herum an die Mauer des "Cimitière des Innocents" in Paris gemalte Bilderfolge.
Sie war wohl aus der "Chorea Machabaeorum", einem zur Tugend mahnenden Spiel, in dem den standhaften sieben Makkabäischen Brüdern eine besondere Rolle zukam, abgeleitet worden. Im Namen dieses Spiels sehen übrigens einige Forscher den Grund für die französischen Bezeichnung "Danse macabre"; andere verweisen auf hebräische oder arabische Worte, die im Zusammenhang mit den Begriffen "Grab" oder "begraben" stehen. Eindeutig aber ist, welchen Zweck die Abbildungen verfolgten. Die Angst vor einem überraschenden, einem unvorbereiteten Tod war allgemein verbreitet.



Buße und Beichte

Wie ein Pfeil konnte dieser den Menschen treffen; vor allem in Kriegs- und Pestzeiten. "Geschwind, geschwind", dichtete Friedrich Spee von Langenfeld noch 1637 in einem Bußlied, "all" Uhr und Stund" der Tod auf uns kommt eilen: Ist ungewiss, wen er verwundt" mit seinen bleichen Pfeilen. Wen er nit findt" in Gnadenzeit wär nützer nie geboren: Wer unbereit" von hinnen scheidt" ist ewiglich verloren."
Buße und Beichte sowie ein möglichst sündenloses Leben waren die einzige Möglichkeit, der ewigen Verdammnis zu entgehen. Daran erinnerten die Totentänze des Mittelalters: Sie waren gemalte Bußpredigten. Und sie mahnten ausnahmslos alle, machten deutlich, dass jeder Mensch -gleich, ob hohen oder niederen Standes- sich angesprochen fühlen musste. Ihr Aufbau war daher stets ähnlich. Nach einer Predigtszene begann der Reigen, in dem der Tod, dargestellt als Skelett oder tanzender Leichnam, zunächst den Papst, dann Kaiser, Kaiserin und Kardinal bis hin zum Bauern und zum Kleinkind im Tanz mit sich zog. Er machte auch die -seinerzeit unverrückbar geltenden - Hierarchien lächerlich, ohne allerdings Kritik an der Ständegesellschaft zu üben.



Spiel und Lebensfreude

Die Richtung des Totentanzes, der mit dem ersten Atemzug des Menschen beginnt, ist die Tanzbewegung nach links; der Tod tanzt gleichsam verkehrt herum -und er zieht durch diese Bewegung seine Tanzpartner auf die linke, also die schlechte Seite, auf der sich beim Jüngsten Gericht die Sünder finden werden. Überhaupt ist der Totentanz eigentlich eine ganz und gar ungeheuerliche, die Ordnung störende Sache.
Tänze im Trauerhaus und auf dem Friedhof waren vielerorts mit empfindlichen Strafen bedroht. Und nicht nur, dass der Tanz Spiel und Lebensfreude bedeutet, also das Gegenteil von Tod und Sterben: Tanz bedeutete auch Gelegenheit zur Sünde, denn er war auch Werbung, die auf Liebesvereinigung hinauswollte -und da zwang der Tod sogar Bischof und Nonne zum Tanz? Ja, der Tod, ein betörender Spielmann, führte alle Sünder tanzend in die Hölle. Er war schließlich die Strafe für die im Paradies begangenen Sünde. Nur wenige selige und heilige Menschen würden von den Engeln in den Himmel geleitet werden. Eine Betrachtung sind die Instrumente, die der Spielmann Tod verwendet, wert: Es sind regelmäßig solche, die aus Material gefertigt wurden, das von toten Lebewesen stammt.
Die Pauke oder Trommel, deren Fell aus Haut besteht; die Geige, deren Saiten aus Darm hergestellt wurden; die Tibia, eine Knochenflöte; der Dudelsack, der nicht nur schaurig klingt, sondern seinen gleichmäßigen Luftstrom aus einem Balg erhält. Auch die Trompete, ein Kriegsinstrument, findet sich.



Freude am Horror

Selbstverständlich kommen immer wieder auch Totenschädel vor, die der Tod mit Knochen als Schlägeln zum Klingen bringt. Das liest sich nicht nur drastisch, es ist auch entsprechend dargestellt worden. Denn abgesehen davon, dass die Totentänze mit weltlichem Thema zu bußfertigem Leben mahnten, waren sie im späten Mittelalter auch gekennzeichnet von einer Lust, grausige Dinge abzubilden. Die Freude am Horror und am Ekel ist nicht erst von Filmregisseuren des 20. Jahrhunderts erfunden worden. Was seinerzeit zu diesem Bedürfnis führte, lässt sich heute schwer nachvollziehen. Ein besonders schönes Beispiel für die Weiterentwicklung des Totentanzes findet sich in Bamberg. Die Heiliggrabkapelle des Klosters Michelsberg hat Abt Anselm Geißendorfer 1729 bis 1731 durch den Stuckateur Johann Georg Leinberger und den Hofmaler Jakob Gebhard ausgestalten lassen.



Tod als Knochenmann

Neben dem Leichnam Christi finden sich hier Ölgemälde und Stuckreliefs, die den Tod als Knochenmann zeigen, der Papst, Kaufmann, Maler und Lehrer holt, der grübelt und der aus einer Muschelschale mit einem Halm Seifenblasen bläst -Sinnbilder einer nur widergespiegelten, zerbrechlichen Welt. "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben", dichtete um 1650 Michael Franck.



Vergänglichkeit

Zu Zeiten der Aufklärung war der Totentanz kein Mahnmal mehr; er verkam bestenfalls zum kunsthistorisch interessanten Relikt einer vergangenen Zeit, eines finsteren Mittelalters. Man spottete über die Abbildungen, schuf gar Karikaturen, in denen Menschen sich infolge von eigener Dummheit oder Überheblichkeit "den Tod holten". Bald begannen Künstler, ihn als Möglichkeit zu politischem Kommentar oder zur Kritik zu sehen. Viele Totentänze bedeutender Maler und Grafiker vom 19. Jahrhundert bis in unsere Tage sind aus den Eindrücken sinnloser Kriege entstanden; hier sei stellvertretend nur Frans Masereels "Danse Macabre" von 1941 genannt. Vergänglichkeit, Flüchtigkeit sind Stichworte, die der Totentanz zum Gegenstand der Betrachtung macht. Ohne das Thema der "Vanitas", der Nichtigkeit alles Irdischen, und der damit zusammenhängenden Fragen weiter zu vertiefen, ist es interessant zu sehen, dass auch der Totentanz selber ein Erzeugnis menschlichen Geistes und Schaffens ist, der der Vergänglichkeit unterworfen ist.
Zum einen ganz direkt: Bedeutende historische Totentänze fielen blinder Zerstörungswut oder bürgerlichem Ordnungssinn zum Opfer. Der berühmte Lübecker Totentanz, der in der Beichtkapelle der dortigen Marienkirche hing, wurde ein Opfer der Bomben des Zweiten Weltkriegs. Rund 140 Jahre zuvor rückten die Bürger Basels der Friedhofsmauer an der Dominikanerkirche mit Spitzhacken zu Leibe, auf die der bedeutende Totentanz von Basel gemalt war; die Stiche Matthäus Merians hatten ihn europaweit bekannt gemacht. Der "Schandfleck" musste weg und stand überdies im Weg. Nur wenige Fragmente überlebten die Attacke der Praktiker und Saubermänner. Bewusst spielte mit dieser Erwartung Anfang der 1980er Jahre Harald Naegeli, der "Sprayer von Zürich", mit seinem "Kölner Totentanz", für den er zahlreiche tanzende und musizierende Skelette auf Parkdecks, an Brückenpfeiler und Brandmauern in der Stadt am Rhein sprühte.



Zerstörung

Er wollte hier nicht nur - ohne Ständedenken, ohne Bußpredigt- den getanzten Tod aus der Enge der Friedhofsmauern hinaus quer durch die Stadt führen, er rechnete auch mit dessen baldiger Zerstörung durch ordnungsliebende Mitmenschen und machte so dessen Vergänglichkeit von vornherein mit zum Gegenstand seiner Arbeit.
(Anm. der Redaktion: Der lateinische Ausdruck "Memento mori"- Gedenke zu sterben entstammt dem mittelalterlichen Mönchslatein) Christian Dijkstal
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