Nürnberg
Bunker

Spurensuche in Nürnberg: Die geheime Schaltzentrale im "Dritten Weltkrieg"

Ein Bunker unter dem Verkehrsmuseum in Nürnberg spielte während des Kalten Krieges eine zentrale Rolle für die Verkehrs-Infrastruktur der gesamten Region.
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Von diesem Schreibtisch aus hätte im Ernstfall der gesamte Zugverkehr der Region gesteuert werden können.  Foto: Nikolas Pelke
Von diesem Schreibtisch aus hätte im Ernstfall der gesamte Zugverkehr der Region gesteuert werden können. Foto: Nikolas Pelke
Geheimsache Bahnbunker: Bis nach dem Fall der Mauer durfte die Öffentlichkeit von dem Bunker unter dem Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg nichts wissen. Im Ernstfall hätten Offiziere der Bundeswehr hier das Sagen gehabt. Von den Telefonen in der abgeschotteten Kommandozentrale unter dem DB-Museum wäre bei Ausbruch des "Dritten Weltkrieges" der Bahnverkehr zwischen Bamberg, Nürnberg und Regensburg gesteuert worden.

Hinter den schweren Türen im Bauch des Museums verstecken sich 28 Räume. "Von hier aus wäre im Ernstfall den Bahnverkehr in ganz Nordbayern kontrolliert worden", erklärt Museumsdirektor Oliver Götze und zeigt auf die zahlreichen Telefone mit den Wählscheiben.


1938 bis 1989: Niemand durfte von der Anlage wissen

In der Warnzentrale hängen alte Karten. Darauf sind die kriegsentscheidenden Bahnstrecken in der Republik verzeichnet. Per Knopfdruck gibt es Direktleitungen in die Befehlsleitstellen von Aschaffenburg bis Augsburg. "Das ist ein echtes Relikt des Kalten Krieges. Das ist hier alles noch wie direkt nach der Wende", schwärmt der Museumsdirektor und zeigt auf den Schreibtisch, auf dem alte Warnzettel für den Ernstfall bereit liegen. Die Zeit scheint in dem Bunker stehen geblieben zu sein.

Ursprünglich ist der Bunker bereits im Jahr 1938 für den Zweiten Weltkrieg gebaut worden. Spuren aus dem Zweiten Weltkrieg sucht man in dem Bunker vergeblich. Selbst Fotos gibt es aus dieser Zeit nicht. Die sensible Schaltzentrale der kriegswichtigen Bahn war "top secret".

Während alliierte Bomber über Städten wie Nürnberg kreisten, wurden aus dem geheimen Bahnbunker wie von Geisterhand die Züge umgeleitet oder auf offener Strecke in dunklen Wäldern "geparkt", bis die Luft am Himmel wieder rein war. Nach dem Krieg verlor der Bunker nicht an Bedeutung.

In den 70er Jahren ist die alte "Reichsbahn-Befehlsstelle" sogar für die Anforderungen des drohenden Nuklearkonfliktes zwischen den Ländern des westlichen Verteidigungsbündnisses Nato und den sowjetischen Ostblockstaaten des Warschauer Paktes umgerüstet worden. "Danach bot der Bunker sogar Schutz gegen Angriffe mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen", erklärt Götze.



Steuerzentrale des gesamten Bahnverkehrs der Region

65 Menschen hätten in den 28 Räumen arbeiten können. Im Zweischichtbetrieb hätten die Bahner im Bunker versucht, im Kriegsfall den Bahnverkehr über der Erde am Leben zu erhalten. Vom Nürnberger Bahnbunker hätten die Mitarbeiter nicht nur alle Fahrpläne und Züge kontrolliert. Aus der bombensicheren Bahnzentrale wären auch alle Bahnhöfe, Brücken und Gleise überwacht worden.

Im Ernstfall wären auch die Truppentransporte zu den großen Übungsplätzen in Hohenfels, Hammelburg, Grafenwöhr und Wildflecken aus den geheimen Katakomben tief im Keller des Eisenbahnmuseums über das Gleisnetz gesteuert worden.


Im Ernstfall nur Schutz für zwölf Tage

Bis zuletzt ist in dem Bunker der Kriegsfall durchgespielt worden. Einmal im Jahr ist der "Dritte Weltkrieg" im Nürnberger Bahnbunker geprobt worden. Die letzte Übung fand 1989 statt.
Bis zum Jahr 2005 blieb der Bunker unter militärischem Oberkommando. Heute hütet das Museum den Bunker als einzigartiges Relikt des Kalten Krieges.

"Die Befehlsleitstelle ist für viel Geld eingerichtet und unterhalten worden. Im Ernstfall hätten die Menschen hier aber nur zwölf Tage unter der Erde überleben können." Dies verdeutliche die ganze Absurdität des Kalten Krieges, mit seiner schizophrenen Militärdoktrin vom Gleichgewicht des Schreckens.

An diesem Wochenende können Besucher des Eisenbahnmuseums in Nürnberg den einzigartigen Geheimbunker unter der Stadt in 45-minütigen Sonderführungen besichtigen.
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