Nürnberg
Interview

FCN-Vorstand Meeske: Diese Vorteile bringt die Profi-Ausgliederung

Finanzvorstand Meeske will die Profis des 1. FC Nürnberg in eine Kapitalgesellschaft ausgliedern. Doch dafür muss er noch viel Überzeugungsarbeit leisten.
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Hofft auf frisches Kapital durch Investoren: Michael Meeske, kaufmännischer Vorstand des 1. FC Nürnberg Foto: Imago
Hofft auf frisches Kapital durch Investoren: Michael Meeske, kaufmännischer Vorstand des 1. FC Nürnberg Foto: Imago
Im letzten Geschäftsjahr wuchsen die Schulden des 1. FC Nürnberg um 1,9 auf 17,7 Millionen Euro an. Das schränkt die Möglichkeiten im sportlichen Bereich stark ein, zumal die Rückkehr von der Zweiten Liga in die Bundesliga im Sommer misslang. Der neue kaufmännische Vorstand Michael Meeske verordnete im laufenden Geschäftsjahr, das er verantwortet, notgedrungen einen Sparkurs.

Über eine Ausgliederung der Profis in eine Kapitalgesellschaft, wie sie auch bei den Würzburger Kickers erfolgte, verspricht sich Meeske jedoch eine bessere Zukunft mit frischem Geld für den Club. Über die dafür nötige Satzungsänderung soll Mitte nächsten Jahres eine Mitgliederversammlung entscheiden.

Im Interview spricht Meeske über die Ziele der Auslagerung und darüber, warum der Verein mit ablehnenden Reaktionen von Fans sensibel umgeht.

inFranken.de: Herr Meeske, der 1. FC Nürnberg hat sich letzte Woche mit dem 2:1-Sieg gegen Kaiserslautern versöhnlich in die Winterpause verabschiedet. Wie sieht Ihr Fazit zum Vorrundenschluss aus?
Michael Meeske: Es ist bisher sicher keine perfekte Saison gewesen. Wir hatten nach dem schlechten Start einen Aufwärtstrend, aber mit dem Aufstieg wird es auch diese Saison schwer werden.

inFranken.de: Ihr Torjäger Guido Burgstaller hat sich gegen Kaiserslautern mit dem Siegtreffer kurz vor Schluss noch einmal in Erinnerung gebracht. Im Sommer läuft sein Vertrag aus. Wenn Sie ihn im Januar verkaufen, könnten sie noch etwas an ihm verdienen, würden aber die Mannschaft sehr schwächen. Muss er vielleicht aus wirtschaftlichen Gründen in der Winterpause verkauft werden, gibt es den Transferdruck dafür?
Meeske: Einen Transferdruck spüren wir immer. Aber Guido Burgstaller hat eine eminente Wichtigkeit für die Mannschaft und deswegen gehen wir davon aus, dass er bis zum Ende der Vertragslaufzeit im Sommer bei uns bleibt. Wenn morgen ein Angebot in Millionenhöhe reinkommt, dann müssen wir die Situation neu beurteilen. Da es das bisher nicht gibt und uns auch keine Anfrage erreicht hat, ist unsere Erwartung, dass er bleibt.

inFranken.de: Noch kurz vor Weihnachten hat erstmals die Arbeitsgruppe "e.V.olution" getagt, die Sie wegen der angestrebten Ausgliederung der Profi-Mannschaft in eine Kapitalgesellschaft ins Leben gerufen haben.
Meeske: Ja, wir wollten das alte Jahr noch nutzen, um die ersten Schritte mit der Gruppe festzulegen. Ab Januar 2017 werden wir uns regelmäßig treffen, um den Diskussionsprozess voranzutreiben.

inFranken.de: Dass die Fans starken Anteil an den Plänen ihres Vereins nehmen, das dürfte Ihnen aus Ihrer langen Zeit beim FC St. Pauli bekannt sein.
Meeske: Richtig, von daher waren die Reaktionen aus Teilen der engagierten Fanszene keine Überraschung. Dass sie zum Teil auch kritisch ausgefallen sind, ist normal. Ein Fan muss nicht immer die kaufmännische Brille aufhaben, er betrachtet seinen Verein mit vielen Emotionen.

inFranken.de: Wie schwierig ist der Vorstandsjob beim Club?
Meeske: Man spürt täglich, dass die Anspruchshaltung groß ist. Das macht es nicht immer einfach. Dieses Problem haben andere Klubs auch, die lange gute Zeiten erlebt haben. Der Markt hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren radikal verändert. Das merken vor allem Traditionsvereine. Die wendigen, kleinen Vereine, die artifizielle Mittel erhalten haben durch jemanden, der sich irgendwann zum Verein bekannt hat, und die deshalb nicht jede Werbebande verkaufen müssen, sind im Vorteil gegenüber einigen Dickschiffen.

inFranken.de: Ist die Auslagerung der Lizenzspieler-Mannschaft ein Thema, das Sie schon mit nach Nürnberg gebracht haben, oder hat sich die Notwendigkeit dafür während Ihres ersten Jahres gezeigt?
Meeske: Das hat sich in Nürnberg konkretisiert. Natürlich überlegt man sofort, welche Möglichkeiten sich ergeben, um die wirtschaftliche Lage substanziell zu verbessern.

inFranken.de: Was würde sich durch die Auslagerung zum Vorteil für den FCN verändern?
Meeske: Die Risiken für den eingetragenen Verein würden sich verringern, wie die schwieriger gewordene Anerkennung von Gemeinnützigkeit, die Haftungsfragen für den ideellen Teil. Die allgemeine Professionalisierung ließe sich forcieren. Eine Kapitalgesellschaft erhält in der Regel Darlehen zu besseren Zinsen als ein Verein, weil die Struktur für die Bank transparenter ist. Vor allem aber steigt die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit durch eine Ausgliederung. Da gibt es zwei Stufen: Bei einigen Vereinen hat alleine die Ausgliederung den technischen Vorteil erbracht, dass sich das Bilanzbild positiv verändert hat. Das negative Eigenkapital konnte durch das Heben stiller Reserven schneller abgebaut werden, ohne dass ein Investor einzahlen musste. Das ist ein Vorteil, bei dem wir derzeit prüfen, ob wir ihn substanziell nutzen können. Der zweite Aspekt ist, dass man durch Investoren frisches Kapital hinzuführen kann.

inFranken.de: Gegen die Ausgliederung hat sich beispielsweise die Initiative "Mein Club, mein Verein" gebildet. Sie gibt der Sorge vor einem Kontrollverlust der Mitglieder Ausdruck. Jede Form von Auslagerung, so heißt es, würde zur Aufgabe von Mitgliederrechten führen.
Meeske: Den Verein würde es weiterhin geben. Von Fan-Seite wird auch das Thema "Verlust der emotionalen Identität" eingebracht. Da würde ich aber die These wagen, dass die Identifikation vor allem eine Frage der Gesamtentwicklung des Vereins ist. Entspricht das sportliche Abschneiden den Erwartungen der Öffentlichkeit, dann kann man sich dort leichter zu Hause fühlen und emotionale Nähe aufbauen. Salopp formuliert: Ich glaube, in Dortmund und Köln wird momentan keiner sagen, das ist nicht mehr mein Verein. Anders ist es vielleicht bei 1860 oder beim HSV.

inFranken.de: Das Entscheidende ist, was ein Fußball-Klub aus den zusätzlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten einer Ausgliederung macht.
Meeske: Ja, es ist eine Frage von erfolgreichem Management - unabhängig von der Rechtsform. In der häufig emotional geführten Diskussion, die ich natürlich jedem zugestehe, kommt ein Punkt häufig zu kurz: Zwangslagen werden gerne auf den Investor zurückgeführt und nicht auf fortwährenden Kapitalbedarf der Vereine, weil wirtschaftliche Erwartungen nicht eingetroffen sind. Auch im eingetragenen Verein kann ich fortwährenden Kapitalbedarf haben und in eine Zwangssituation geraten.

inFranken.de: Sehen Sie Investoren, die bereit wären, beim Club unter geänderten Voraussetzungen einzusteigen?
Meeske: Es gibt Vertreter der regionalen Wirtschaft, die dem Verein finanziell bereits geholfen und das Interesse signalisiert haben, sich mit dem Thema Anteilserwerb zu beschäftigen.

inFranken.de: Sie gehen das Thema Ausgliederung sehr behutsam an. Das hat auch einen konkreten Grund. Sie brauchen in einer Mitgliederversammlung eine Zustimmung von 75 Prozent, um die Ausgliederung durchzubekommen.
Meeske: Wir gehen sensibel mit diesem Thema um, weil wir uns in einem großen Traditionsverein bewegen. Natürlich gibt es das gefühlte Risiko, dass, wenn ich etwas verkaufe, es nicht morgen wieder zurückkaufen kann. Deshalb haben wir auch entschieden, uns Zeit zu nehmen und zu versuchen, die Mitglieder in positiver Weise mitzunehmen. Die angestrebte Rechtsform-Reform soll uns eine positive Zukunft bescheren, deswegen lohnt es sich, länger nachzudenken. Deshalb gilt es, aufmerksam zuzuhören und bestmöglich zu diskutieren. Gerade bei der Vielzahl von Details, die gestaltet werden können.

inFranken.de: Das Risiko des Scheiterns müssen Sie eingehen?
Meeske: Ja, und wir werden uns dem Votum auch fügen können. Unsere Planung ist darauf ausgerichtet, dass wir uns auch in der aktuellen Struktur bei einem Verbleib in der Zweiten Liga peu a peu konsolidieren würden. Aber das wäre dann ein längerer, steiniger Weg mit dem Risiko, dass sportlich schwierigere Jahre dabei sind.

inFranken.de: Machen Sie Ihre persönliche Zukunft beim Club von der Zustimmung zur Ausgliederung abhängig?
Meeske: Nein. Es würde keinen Sinn machen, Dinge zu vermengen. Ich weiß auch nicht, ob ich in der Lage wäre, jemanden zu erpressen mit der Drohung, dass ich morgen dann nicht mehr da wäre (grinst).

inFranken.de: Die Club-Ultras lehnen die Ausgliederung kategorisch ab. Schon deshalb werden Sie eine hohe Beteiligung an der Mitgliederversammlung benötigen, um eine Chance zu haben.
Meeske: Uns muss es gelingen, möglichst viele Leute für das Thema zu interessieren und zu motivieren, an der Entscheidung mitzuwirken. Wir sagen: Bildet Euch eine Meinung. Es geht um den Verein.

inFranken.de: Wie ist Ihr derzeitiges Verhältnis zu den Ultras? Es gab Ausschreitungen, dann Sanktionen wie ein Choreografie-Verbot und dann das vor dem Spiel gegen Würzburg von den Ultras verteilte Flugblatt, in dem sie auf ihren radikalen Positionen beharrten.
Meeske: Wir haben Sanktionen verhängt. Es gab vor dieser Entscheidung Gespräche. Es ist gerade nicht die Hochphase unserer Beziehung, aber ich würde es auch nicht dramatisieren wollen. Ultratum lebt aus meiner Sicht auch von kraftvoller Sprache und einem gewissen Grenzübertritt. Sonst würden Ultras nicht Ultras, sondern Normalos heißen. Von Gewalt grenzen wir uns natürlich entschieden ab.

inFranken.de: Was sind die Ziele der Club-Führung für 2017?
Meeske: Die Konsolidierung des Haushalts, die weitere Minimierung des Transferdrucks in den nächsten zwei, drei Jahren. Wir haben die Möglichkeit, Spieler-Verträge anzupassen und neu zu gestalten, Belastungen laufen aus. Es gilt, zu zeigen, dass wir mit weniger Geld genauso viel oder gar mehr erreichen können, als es in den letzten zwei Jahren geschehen ist.
Was den wirtschaftlichen Bereich angeht: Mit der Nürnberger Versicherung und der Messe Nürnberg konnten wir Mittelständler für uns gewinnen. Diesen positiven Trend gilt es fortzuführen. Es gibt noch einige Unternehmen aus der Region, die wir gerne für den Club begeistern würden.


Zur Person

Michael Meeske ist seit September 2015 kaufmännischer Vorstand des 1. FC Nürnberg. Im Detail ist der 45-Jährige für Marketing, Verwaltung, Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Karriere Im zweiköpfigen Club-Vorstand betreut Andreas Bornemann den Bereich Sport. Der aus Oldenburg stammende Meeske studierte Sozialökonomie und arbeitete zunächst bei einer Strategieberatung und einer Beteiligungsgesellschaft. 2002 wurde er Marketingdirektor bei Hannover 96. Ab 2005 war Meeske über zehn Jahre lang Mitglied der Geschäftsleitung des FC St. Pauli. Seit August gehört Meeske dem neunköpfigen Präsidium der Deutschen Fußball Liga (DFL) an. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Das Gespräch führte Hans Strauss
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