Ich willige einX

Diese Website verwendet das Besucheraktions-Pixel von Facebook für statistische Zwecke. Mit einem Cookie kann so nachvollzogen werden, wie unser Marketing auf Facebook wirkt und wie wir es verbessern können. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihr Einverständnis hierzu erteilen. Eine genaue Beschreibung zum „Besucheraktions-Pixel“, zu Cookies im Allgemeinen und Ihrem Widerspruchsrecht, das Sie jederzeit ausüben können, steht Ihnen in unserer Datenschutzerklärung unter hier zur Verfügung.

Klassik Open Air

Klassik Open Air 2017: So verabschiedet sich Nürnberg von Dirigent Alexander Shelley

80.000 Menschen haben am Samstagabend Dirigent Alexander Shelley beim Klassik Open Air im Luitpoldhain in Nürnberg verabschiedet.
80.000 Menschen haben sich am Samstagabend von Dirigent Alexander Shelley beim Klassik Open Air in Nürnberg verabschiedet. Foto: Nikolas Pelke
 
von NIKOLAS PELKE
Samstagabend, kurz vor sieben. Hinter der Bühne im Luitpoldhain bläst Matthew Brown in seine silberne Trompete. "Ich lockere die Lippen ein wenig vor dem Konzert", erzählt der Symphoniker und trötet die Tonleiter erneut rauf und runter. "Das Abschlusskonzert mit unserem Dirigenten wird heute Abend etwas ganz besonderes", ist sich Brown sicher. "Alexander Shelley ist ein toller Musiker und er hat einfach Charisma", schwärmt der trompetende Orchestermusiker von dem Maestro, der an diesem Abend beim Klassik Open Air zum letzten Mal am Pult der Nürnberger Symphoniker stehen wird.
Derweil macht es sich Yvonne Stock in ihrem Campingstuhl vor der Bühne gemütlich. "Den ersten Regenschauer haben wir gerade schon gut überstanden", sagt Stock und schaut skeptisch zum Himmel mit den dunklen Wolken hinauf. Neben ihr weht ein tropfend nasser "Union Jack" müde im sanften Abendwind. Die meisten Regenschirme liegen derweil schon wieder zusammen geklappt neben den Picknick-Körben. "Ich bin stolze Engländerin und deswegen natürlich ein Fan von Alexander Shelley und von den ,Last Night of the Proms`, die ich als Kind immer mit meinem Vater im Fernsehen angeschaut habe", erzählt die patriotische Musikfreundin aus Großbritannien während immer mehr Besucher in den Luitpoldhain strömen, wo der 37-jährige Chefdirigent aus dem Inselreich nach acht Jahren am Pult der Nürnberger Symphoniker an diesem Samstagabend sein Abschlusskonzert vor rund 80.000 Besuchern unter freiem Himmel geben wird.

Derweil lassen sich die ersten Musiker schon auf der Bühne blicken. Dahinter singt sich der Hans-Sachs-Chor für seinen späteren Auftritt ein. Zehn Minuten vor dem Beginn der Show eilt Shelley durch den Bühneneingang. "Ich freue mich einfach auf die besondere Atmosphäre. Das wird sicher ein wunderschönes Abschiedskonzert", sagt Shelley und eilt zur Bühne. Seinen allerletzten Konzertabend hat der Dirigent unter die Überschrift "Last Night" gestellt. Dieser Titel, sagt, Shelley zur Begrüßung der vielen Gäste, sei aus drei Gründen passend. Einerseits sei es die letzte Nacht für sein Orchester, das sich anschließend in den wohlverdienten Urlaub verabschiedet. Anderseits sei es für ihn am Pult die letzte Nacht in Nürnberg. Außerdem sei der Titel eine Anspielung auf das englische Musikereignis "The Last Night of the Proms" in seiner Heimatstadt London. Bei diesem Sommerkonzert sei die Atmosphäre sehr gelöst. Während in der ersten Hälfte phantastische Werke im Zentrum stünden, würden in der zweiten Hälfte "patriotischen" Werke im Mittelpunkt stehen. Außerdem dürfen und sollen die Konzertbesucher zum Beispiel pfeifen oder lauthals mitsingen. An diesem Abschiedsabend sollen die 80 000 Besucher in dem weiten Rund der Freiluftbühne zusätzlich mit Taschentüchern winken.

Bevor der Spaß im Vordergrund steht, zeigt Shelley gemeinsam mit seinen Symphonikern sein musikalisches Können. Schwärmerisch führt er den Taktstock zur Ouvertüre der "Meistersinger von Nürnberg", die am Anfang eines denkwürdigen Konzertabends stehen. Anschließend betritt Star-Geiger Daniel Hope die Bühne und streichelt zur untergehenden Sonne seine Violine nach den Noten von Max Bruch und seinem Konzert in g-Moll. Die Wunderkerzen werden nach der Pause ausgepackt. Zur süßlichen Filmmusik des Hitchcock-Klassikers "Spellbound" von Miklós Rózsa sprühen 80.000 Sternenspeier (vorher hat jeder Besucher die kleinen Mini-Feuerwerke am Stil gratis in die Hand gedrückt bekommen) in der Nacht.

Danach ist es richtig britisch geworden. Bei den berühmten "Sea Songs" von Henry Wood mussten die Zuschauer nicht nur richtig im Takt klatschen. Das Publikum war sogar aufgefordert an einer bestimmten Stelle mit Tröten zu pfeifen. Dummerweise wurde die Musik immer schneller. Der Maestro war über den ersten Versuch "not amused" und ließ die Takte zur Freude des Publikums kurzerhand wiederholen. Zur Krönung des britischen Abends im Stile der "Proms" intonierten die Symphoniker mit "Land of Hope and Glory" von Edward Elgar die heimliche Hymne der Insel. Vorher machte Shelley klar, dass er mit seinem Heimatland der "Hoffnung und des Ruhmes" derzeit nicht so einverstanden ist. "Ich bin natürlich ein stolzer Brite. Aber ich bin auch stolzer Europäer", rief Shelley dem Publikum zu und erinnerte daran, dass er mit 18 Jahren angefangen habe, in Düsseldorf zu studieren. Deutschland sei mittlerweile seine zweite Heimat geworden. "Bei mir zu Hause in England, gibt es viele, die trotz des Brexits weiter an Europa glauben", versicherte der britische Dirigent dem Publikum. Letzterem machte er zum Abschluss ein liebevolles Geständnis. "Die neun Jahre hier in Nürnberg werde ich bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen." Das Publikum in Franken sei immer wahnsinnig warmherzig und offen gewesen. Als Zugabe wählte Shelley mit "Hallelujah" von Friedrich Händel das Werk eines deutschen Komponisten, der zeitlebens sehr viel Zeit in England verbracht hat. Ganz am Ende tanzten 80.000 gemeinsam zum "Colonel Bogey March" durch die Nacht. Das Taschentuch kam übrigens ganz am Ende beim Stück "Auf Wiedersehen" zum Einsatz. Ein paar Tränen sind natürlich auch geflossen zum Abschluss dieser bezaubernden Klassiknacht voller Emotionen.
Newsletter kostenlos abonnieren


noch Zeichen



Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können:

Sie sind noch nicht registriert? Bitte hier registrieren.