Abenteuer

Sechs Monate unterwegs: Schüler aus Nürnberg segeln in die Karibik

Mit einem Klassenzimmer um die halbe Welt segeln - dieses Abenteuer geht für Jan (15) aus Lauf und Klara (14) aus Nürnberg bald in Erfüllung.
Sechs Monate unterwegs: Schüler aus Nürnberg segeln in die Karibik, Seegang auf der Thor bei der Atlantiküberquerung Foto: KUS-Projekt
 
von NIKOLAS PELKE
In wenigen Wochen sticht die "Thor Heyerdahl" zum neunten Mal in See. Kurz bevor Kapitän Detlef Soitzek zum ersten Mal "Leinen los!"" ruft, gibt es jede Menge zu erledigen. Neulich hat die Projektleiterin Ruth Merk von der Friedrich-Alexander-Universität die neue Schüler-Crew zum Infoabend nach Nürnberg eingeladen. Immer brennender drängt sich zum Beispiel die Frage auf: Was packe ich in meinem Koffer für die sechsmonatige Reise von Kiel in die Karibik?

"Ich habe meinen Seesack schon gepackt", sagt die 15-jährige Luise und strahlt. "Meine Schwester war auch schon auf der Thor. Seitdem will ich auch an Bord. Und bald geht mein Traum in Erfüllung", freut sich die Schülerin und nimmt die Mama in den Arm. Angst habe sie nicht, wenn das Kind um die halbe Welt segelt, versichert die Mutter. "Ich bin eher ein bisschen neidisch auf meine Tochter", sagt sie und lacht. "Ein bisschen mulmig" ist dagegen dem 15-jährigen Jan aus Lauf an der Pegnitz kurz vor der Abreise. "Ich habe schon ein bisschen Bammel vor den hohen Wellen", gibt der Schüler aus dem Nürnberger Land zu. Dabei ist Jan alles andere als ein Leichtmatrose. "Ich segele seitdem ich klein bin." Bislang sei er freilich nur über Binnengewässer geschippert.

Der endlose Ozean sei eine ganze andere Hausnummer, ist sich der 15-Jährige sicher. "Ich freue mich auf die Herausforderung auf hoher See." Respekt habe er aber durchaus vor der Reise über den großen Teich.

Der Kapitän kann den Jugendlichen beim Info-Abend die letzten Ängste und Bedenken vor dem Ablegen nehmen. Die Wunderwaffe von Detlef Soitzek gegen Fracksausen heißt "Thor Heyerdahl". 50 Meter lang und über sechs Meter breit ist der Dreimaster. Schon dutzende Male hat der Traditionssegler den Atlantik überquert. Wenn mal kein Wind bläst (der Kapitän spricht von einer "Flaute") sorgt ein zuverlässiger 400-PS-Dieselmotor aus dem Hause "Deutz" für den Vortrieb. Mit über 16.000 Liter hat das 1930 in Holland als Frachtsegler gebaute Schiff übrigens auch immer ausreichend Süßwasser an Bord. Segeln müssen die Kinder den Kutter natürlich nicht alleine. Dem Kapitän steht eine erfahrene Crew aus Seebären zur Verfügung, um die stolze Segelfläche von über 800 Quadratmetern in Schach zu halten.

Weil die Schüler an Bord trotzdem anpacken müssen, hat die 34-köpfige Junior-Mannschaft bereits einen Probetörn absolviert, um das Segeln zu trainieren. "Da sind wir allerdings nur über die Schlei in kleinen Segelboten gesegelt. Da ging es mehr um das Kennenlernen und die Teambildung", berichtet die 14-jährige Klara aus Nürnberg. Beim Probesegeln auf dem Meeresarm der Ostsee sei es aber noch relativ ruhig zugegangen. Von hohen Wellen keine Spur. Nur der Wind habe schon kräftig ins Gesicht geweht. Während der halbjährigen Reise bekommt das segelnde Klassenzimmer nicht nur "normalen" sondern auch "nautischen" Unterricht. Der Vorteil liegt auf der Hand. Die Schüler müssen die zehnte Jahrgangsstufe nicht wiederholen, wenn sie nach einem halben Jahr schwankend wieder von Bord gehen.

Einen kleinen Haken gibt es trotzdem. Rund 20.000 Euro kostet die außergewöhnliche Reise auf dem Schulschiff pro Nase. Weil das nur wenige Eltern aus der Portokasse bezahlen können, können Stipendien durch einen Förderverein gewährt werden. In diesem Jahr hat der ehemalige Kanzler der Universität Erlangen-Nürnberg, Thomas Schöck, 10.000 Euro gespendet, damit auch Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern auf große Abenteuerfahrt gehen können. Die Macher sind sich sicher, dass das Geld gut investiert ist. Denn spurlos wird die Reise an den Teilnehmern sicher nicht vorübergehen.

Für die Entwicklung der Persönlichkeit leistet der Trip auf dem Weg zur Mündigkeit wertvolle Beiträge leisten, ist sich Ruth Merk sicher. Schließlich wird Leben, Lernen und Arbeiten auf der Erlebnis- und Forschungsreise an Bord miteinander verknüpft. Der Stundenplan ist der Reiseroute angepasst, so dass bei den zahlreichen Landaufenthalten auf dem Weg in die Karibik beispielsweise Fremdsprachenkenntnisse konkret angewendet werden können. "Ganzheitliches Lernen" lautet das Zauberwort. Die Schüler können Erfahrungen aus erster Hand machen. Den tropischen Regenwald erforscht man eben am besten vor Ort und nicht im nasskalten Klassenzimmer in Deutschland. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin hat das Projekt vor acht Jahren ins Leben gerufen. Heuer sticht die Klasse unter Segeln bereits zum neunten Mal in See. Am 15. Oktober läuft die "Thor" aus.



Klassenzimmer unter Segeln - was ist das?

KUS folgt den Spuren der großen Entdecker wie Alexander von Humboldt oder Christoph Columbus. Die Reise beginnt in Deutschland, führt zu den Kanarischen Inseln über den Atlantik in die Neue Welt. Neben dem Besuch einiger kleiner Inselstaaten in der Karibik finden in Lateinamerika mehrwöchige Landaufenthalte statt. Schüler aus der 9. Jahrgangsstufe können sich für den übernächsten Törn im Schuljahr 2017/2018 im Internet unter www.kus-projekt.de bewerben. Dort erfährt man auch alle Details zu den Voraussetzungen. Dazu zählt beispielsweise ein gutes Zeugnis. Segelerfahrungen brauchen Bewerber dagegen nicht. Leider ist die Teilnahme mit rund 20.000 Euro (ohne Taschengeld) nicht ganz billig. Deshalb gibt es einen Förderverein der Stipendien vergibt.
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