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Region  // Nürnberg

Kindesmissbrauch

Prozess gegen Lehrer aus Nürnberg wegen Missbrauchs geht weiter

Ein Lehrer aus Nürnberg steht seit zwei Wochen wegen sexuellen Missbrauchs in 27 Fällen vor Gericht. Am Donnerstag sollte das Urteil gesprochen werden.
Ein Lehrer aus Nürnberg soll Jungen in 27 Fällen sexuell Missbraucht haben. Das für Donnerstag angesetzte Urteil blieb aber aus. Symbolbild: Arne Dedert, dpa
 
von NIKOLAS PELKE
Vor dem Beginn des entscheidenden Verhandlungstages grüßt der angeklagte Lehrer offensichtlich entspannt und gut gelaunt ins Publikum. Dann tritt die leitende Ermittlerin in den Zeugenstand und berichtet, wie ein ehemaliger Schüler den Prozess gegen den sportbegeisterten Lehrer wegen sexuellen Missbrauchs in 27 Fällen ins Rollen gebracht habe und welche Erkenntnisse die Kommissarin bei ihrer Untersuchung des Falls gewonnen habe. Die Schilderungen der Polizeibeamtin klingen wie ein Rückblick des bisherigen Verhandlungsverlaufes. Die letzten Verhandlungstage ziehen an diesem Donnerstagmorgen vor den Augen der Prozessbeobachter noch einmal vorüber.

Ab der vierten Klasse habe sich der Angeklagte das Vertrauen des Jungen erschlichen, habe der Hauptbelastungszeuge berichtet, sagt die Kommissarin im Zeugenstand aus. Die Übergriffe hätten harmlos angefangen. Zunächst sei er damals beispielsweise beim Lagerfeuer auf dem Schoß des heute 59-jährigen Pädagogen gesessen. Später habe er häufig die Wochenenden bei dem Lehrer verbracht und bei dem ledigen Angeklagten im selben Bett übernachtet. In jeder dieser Nächte sei es zu sexuellen Übergriffen gekommen. Bis das mutmaßliche Opfer mit 16 Jahren zum ersten Mal eine Freundin hatte und der Missbrauch durch den Sportlehrer ohne Erklärung abrupt aufgehört habe.
Bei der Vernehmung habe der heute 28-jährige Student berichtet, dass die Mutter nur einmal nachgefragt habe, ob "da was sei" mit dem engagierten Mittelschullehrer und Volleyballtrainer. Er habe die Taten lange mit sich selbst herumgetragen und sich niemandem anvertraut, sagt die Ermittlerin. Er habe den Lehrer sehr gerne gehabt. Bis er die Übergriffe im Erwachsenenalter zunächst seiner Lebensgefährtin und später seinen Eltern gestanden habe. Er hätte sich schließlich entschlossen zur Polizei zu gehen und seinen früheren Peiniger anzuzeigen, weil er befürchtete, dass andere Kinder noch heute von dem Sportlehrer missbraucht werden könnten.


Überraschung bei der Hausdurchsuchung

Anschließend berichtet die Ermittlerin von einer seltsamen Hausdurchsuchung. An einem Dezembermorgen sei sie mit Kollegen angerückt. Der Angeklagte habe keinen überraschten Eindruck gemacht und gewirkt, als würde er auf dem Balkon stehend auf die Beamten warten. Im Wohnzimmer habe die verdutze Beamtin ihren eigenen Namen auf einem Schreibblock gefunden. Daneben sei die Telefonnummer seines Anwalts geschrieben worden. Wer den Lehrer vor der bevorstehenden Polizeiaktion gewarnt habe, habe der Angeklagte gegenüber der Polizei nicht sagen wollen. Er wolle überhaupt nichts sagen, habe er gesagt, erinnert sich die Kommissarin. Das hätte ihm seine Schwester empfohlen. Die Schwester sei als Richterin an einem Arbeitsgericht in Nürnberg tätig.

Auf den Computern des Angeklagten sei kein belastendes Material, wie kinderpornografische Bilder gefunden worden. Jemand habe die Festplatten vor der Durchsuchung ausgebaut. Die Ermittlerin ist sich sicher, dass der Angeklagte von der Schwester vor der drohenden Hausdurchsuchung gewarnt worden sei. "Warum gibt ihr Euch die Mühe? Ich habe doch Zeit gehabt, alles zu vernichten", habe der Angeklagte gegenüber der Polizei gesagt. Für die Beamtin steht fest, dass die Schwester ihren Bruder vor der drohenden Polizeiaktion gewarnt habe. Die Schwester sei schließlich zwei Tage vor der Hausdurchsuchung befragt und dabei mit den Vorwürfen gegen den Bruder konfrontiert worden. Diese erstaunlich anmutende Reihenfolge - erst wird die Schwester befragt, erst dann zwei Tage später die Wohnung des Beschuldigten durchsucht - sei zur Gefahrenabwehr erfolgt. Schließlich seien die beiden Jungen der Schwester potenzielle Missbrauchsopfer gewesen. In Vernehmungen der beiden Buben hätte sich dieser Verdacht nicht erhärtet.


Lehrerkollegen schöpften Verdacht

Dagegen habe die Polizei auf dem Handy des Angeklagten zahlreiche Chats mit Schülern entdeckt. Drei Schüler hätten bei Vernehmungen angegeben, dass sie gelegentlich auf dem Schoß des Lehrers gesessen hätten oder schon einmal einen Klaps auf den Po von ihm bekommen hätten. An der Schule sei das außerordentliche Engagement des Lehrers teilweise kritisch diskutiert worden. Einer Sportlehrerin sei das Verhalten das Fachkollegen spanisch vorgekommen. Beispielsweise habe sich die Kollegin darüber gewundert, dass der Angeklagte beim Schwimmunterricht mit den Kindern ins Wasser springe, obwohl dies absolut unüblich sei.

Zwei weitere Zeugen hätten im Laufe der Ermittlungen ebenfalls von sexuellen Übergriffen durch den Angeklagten berichtet. Einer sei über eine Skifreizeit mit dem ledigen Lehrer in Kontakt gekommen. Später habe sich der engagierte Pädagoge mit der alleinerziehenden Mutter angefreundet. Im Alter von neun Jahren hätten die Übergriffe begonnen. Jedes zweite Wochenende habe er im Bett des Angeklagten übernachtet. Unter der Bettdecke habe der Angeklagte den Buben "angefasst". Allerdings hat die Polizei keine Kinder gefunden, die sich aktuell beispielsweise in der betreffenden Schule oder in Vereinen von dem Angeklagten sexuell belästigt fühlen.

Die Verteidigung hat dem Ermittlerteam vorgeworfen, zu wenige Entlastungszeugen gesucht zu haben. Diesen Vorwurf haben Kommissarin und Staatsanwalt Matthias Engelhardt am Donnerstag zurückgewiesen. Die beiden Anwälte, Peter Doll und Harald Straßner, stellten dennoch weitere Beweisanträge, den den angeklagten Lehrer entlasten sollen. Die Verhandlung soll in genau einer Woche fortgesetzt werden.
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