Kaiserburg in Nürnberg

Keine Wien-Reise: Wie die Krone für die Ausstellung auf der Kaiserburg wirklich entstand

Wie die Replik der Kaiserkrone für die Ausstellung auf der Kaiserburg in Nürnberg wirklich entstand:
Das Modell der Kaiserkrone. Foto: Henning Kleist
 
von NIKOLAS PELKE
Im Rausch der Gefühle ist Heimat- und Finanzminister Markus Söder (CSU) neulich die Fantasie durchgegangen. Bei der Vorstellung der neuen 3D-Krone für die Kaiserburg in Nürnberg hatte Söder der Öffentlichkeit stolz berichtet, dass die Schlösserverwaltung extra nach Wien gereist sei, um anhand des Originals ein virtuelles Modell für die moderne Replik zu erstellen.

Das wertvolle Stück aus der kaiserlichen Schatzkammer habe man sich sogar ausleihen dürfen, frohlockte der Minister im Juli auf der Kaiserburg. Die Heldentat dürfte ganz nach dem Geschmack des ehrgeizigen Franken sei. Nur dummerweise ist die Geschichte frei erfunden.

Den wahren Helden hatte der Minister in seiner "Märchenstunde" einfach unterschlagen. "Ich habe die Krone anhand von alten Bildern auf dem Computer nachmodelliert", sagt Henning Kleist, 3D-Experte aus Hahnbach beim Amberg in der Oberpfalz.


Die Krone am Rechner in tausend Einzelschritten erstellt

Mit einer speziellen Software habe der 31-Jährige die Vorlage für die Krone am Rechner in tausend Einzelschritten erstellt. Perle für Perle, Stein für Stein habe er in mühsamer Kleinarbeit daheim am Bildschirm gestaltet. Eine Heidenarbeit sei das gewesen, erinnert sich Kleist.

Sein 3D-Modell sollte dem Original zum Verwechseln ähnlich sehen. Bei einem tausend Jahre alten Kunstwerk von Weltrang sei das alles andere als einfach. "Vor 1000 Jahren gab es noch keine DIN-Norm", erzählt Kleist und lacht. Jede Perle, jede Fassung, jeder Stein sei anders. Von Symmetrie könne bei der Krone keine Rede sein.

Dass die Krone danach über Jahrhunderte getragen und immer wieder ausgebessert worden sei, habe die Aufgabe nicht leichter gemacht. "Durch die lange Geschichte der Kaiserkrone gibt es viele kleine Dellen und Fehlstellen, die in der Summe das Original lebendig machen", ist sich Kleist sicher.


Aus Spaß das Projekt begonnen

Zu Beginn habe der junge 3D-Spezialist die Mammutaufgabe aus Spaß begonnen. "Ich wollte ein besonderes Projekt für mein Portfolio haben." Freilich habe er sich schon damals gedacht, dass sein ehrgeiziges Unterfangen eines Tages für Museen interessant sein könnte. Mit dieser Vorahnung lag er goldrichtig. "Vor zwei Jahren kam die Schlösserverwaltung auf mich zu. Mein 3D-Modell sollte die Grundlage für eine neue Replik der Kaiserkrone bilden", berichtet Kleist.

Anhand seiner virtuellen Vorarbeiten am Computer konnte später die Kaiserkrone in einem speziellen Druckverfahren dreidimensional gedruckt werden. An dieser Stelle hatte auch Söder den Weg zur Wahrheit wieder gefunden. "Die Krone wurde in einem Stück gedruckt", sagte der Minister bei der Präsentation der neuen Hightech-Krone seinerzeit stolz. 1750 Einzelschichten für insgesamt 21.500 Euro.

Gewundert hat sich Kleist schon ein bisschen, als er die Wien-Geschichte und Schatzkammer-Märchen in der Zeitung las. Sauer ist er deswegen nicht auf den Politiker. "Er hat es so wiedergegeben, wie er es wohl verstanden hatte", vermutet der 3D-Experte.

Als Politiker könne man sich schließlich nicht jedes Detail merken. Eine Sprecherin aus dem Heimatministerium erklärt auf Nachfrage, sie hoffe, dass sich der Finanzminister bei der Vorstellung der neuen 3D-Krone für die Kaiserburg "nicht missverständlich" ausgedrückt habe. Eine Wienreise habe es jedenfalls nicht gegeben. Eine Sprecherin der Schlösserverwaltung rudert ebenfalls zurück. Auch wenn eine Reise in die Wiener Schatzkammer durchaus ihren Reiz habe, an dieser Stelle habe sich "der Minister leider etwas ungünstig" ausgedrückt.

Sie bestätigt, dass Henning Kleist das virtuelle Modell für den Druck der Krone daheim am Rechner angefertigt habe. Schließlich suche die Schlösserverwaltung stets nach kostengünstigen Lösungen. "Wären wir selbst nach Wien gefahren und hätten die Krone selbst gescannt - wenn man sie denn zu Gesicht bekommen hätte - , wäre das viel teurer geworden", ist sich die Fachfrau sicher.

Von der Großzügigkeit der staatlichen Schlossherren kann auch Kleist ein Lied singen. Um es kurz zu machen: Reich ist er durch seine Geduldsarbeit nicht geworden. "Das meiste Geld ist in den 3D-Druck gegangen", ist sich Kleist sicher. Wer denkt, der 31-Jährige rege sich deshalb auf, der irrt. "Ich freue mich, dass ich eine Einladung zur offiziellen Enthüllung der 3D-Krone nach Nürnberg bekommen habe." Einen Termin für die feierliche Präsentation auf der Kaiserburg steht allerdings noch nicht fest. In der Schlösserverwaltung sagt man hierzu, man suche noch nach einem geeigneten Termin im September. Schließlich lasse es sich Markus Söder - Märchen hin oder her - nicht nehmen, dass neue Glanzstück der Ausstellung auf der Kaiserburg höchstpersönlich der Öffentlichkeit zu präsentieren.
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