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Pflege-Europameisterschaft

Die National-Elf in Sachen Pflege

Bundestrainer Marcus Rasim versammelt die besten Pflegekräfte des Landes im mittelfränkischen Scheinfeld.
Mohammad Reza Nikbin hilft der "Patientin" unter den strengen Blicken der Jury aus dem Bett.  Fotos: Ralf Dieter
 
von RALF DIETER
Der Jogi Löw der Altenpflege kommt aus Scheinfeld. Marcus Rasim ist nicht nur Leiter der Landkreisschule in dem mittelfränkischen Städtchen im Steigerwald. Er ist auch Bundestrainer für Pflegeberufe.

Eine Woche lang hat Rasim seine Nationalmannschaft in Scheinfeld versammelt. Sechs junge Menschen hatten sich in Vor- und Endausscheidungen für das Team qualifiziert. In Scheinfeld galt es, den einen deutschen Vertreter für die Europameisterschaften Ende November in Göteborg zu finden. Am finalen Ausscheidungstag waren noch drei Bewerber übrig. Sophia Warneke aus Bremen hat die Jury letztendlich überzeugt. Warneke verfügt über die meiste Erfahrung. Sie hat die deutschen Farben schon im letzten Jahr bei der Weltmeisterschaf in Sao Paulo vertreten.

Alle zwei Jahre treffen sich die besten Auszubildenden und jungen Arbeitskräfte der Welt in so unterschiedlichen Berufen wie Fliesenleger, Mechatroniker oder Kosmetikerin, um ihre Weltmeister zu ermitteln. Seit 65 Jahren gibt es die "World Skills". Eine deutsche Pflegekraft ist erst seit 2015 dabei. "Für uns ist es schwer, Sponsoren zu finden", erklärt Rasim.

Zwei Wochen Sao Paulo oder Abu Dhabi (2017) sind schließlich kein Pappenstiel. Hinter den Pflegeberufen stehen keine Handwerkskammern oder finanzkräftige Unternehmen. Rasim musste erst einmal für sein Anliegen werben. "Ich habe vor sechs Jahren das Bildungsministerium angeschrieben und den Wunsch geäußert, dass die Pflegeberufe auch an den World Skills teilnehmen", berichtet er. Wenig später hatte er das Amt des Bundestrainers inne. Und noch weniger Freizeit.

Rasim ist Jurymitglied bei den bundesdeutschen Vorentscheiden in Berlin, er bereitet das einwöchige Trainingslager in Scheinfeld vor und er wird als Bundestrainer demnächst chinesische Lehrer schulen. "Die Chinesen wollen das Niveau ihrer Pflegekräfte anheben."

Aus Asien kommen die Seriensieger bei den Weltmeisterschaften der Pflegeberufe. Singapur stellte bis zum letzten Jahr die stärkste Nation. Rasim weiß, warum: Zur fachlichen Kompetenz gesellt sich eine gewisse Leichtigkeit. Fließende Bewegungen und ein natürliches Lächeln zeichnen die asiatischen Teilnehmerinnen aus.
"Die Mentalität spielt bei den Pflegeberufen eine nicht zu unterschätzende Rolle", sagt er. Außerdem verfügen die meisten asiatischen Teilnehmer über eine extra Portion Motivation. Sie werden von ihren nationalen Verbänden großzügig bedacht. "Für einen Sieg erhalten Japaner ein Haus oder ein Auto", erzählt Sophia Warneke. Manche Ländern loben eine Lebensversicherung aus.

Die Vorbereitungen sind entsprechend intensiv. Ein ganzes Jahr lang bereiten sich die meisten World-Skills-Mannschaften aus Asien in Internaten auf die Weltmeisterschaften vor. Voraussetzungen, von denen Bundestrainer Marcus Rasim nur träumen kann.

Die 22-Jährige Sophia Warneke aus Bremen trainierte für Sao Paulo 2015 quasi nebenher. Die Vorbereitungen auf ihre Abschlussprüfung standen im Vordergrund. Für die Reise nach Brasilien musste sie einen Großteil ihres Jahresurlaubs opfern. "Ein wenig mehr Wertschätzung hätte ich mir von Seiten meines damaligen Arbeitgebers schon gewünscht", sagt sie.

Bundestrainer Rasim arbeitet genau daran: an der Wertschätzung. Mit rund 700.000 Mitarbeitern gehört die Pflege zu einem der größeren Berufsfelder in Deutschland. "Aber sie hat ein schwieriges Image." Mit Hilfe seines Nationalteams will er auf die Leistungen aufmerksam machen, die tagtäglich in der Alten- und Krankenpflege bewältigt werden.

"Wir wollen zeigen, dass wir in Deutschland gut pflegen können", nennt Nationalmannschaftsmitglied Mohammad Reza Nikbin seine Motivation. Der 24-Jährige aus dem Allgäu hat nach dem Abitur eine Technikerschule besucht. Nebenbei arbeitete er ehrenamtlich beim Roten Kreuz.

Mehrere Praktika in einer Klinik überzeugten ihn, seine berufliche Laufbahn doch noch mal zu überdenken. Mit Menschen arbeiten und Verantwortung übernehmen: Das gefällt ihm am Pflegeberuf.
"Wir können mit kleinen Dingen viel bewegen", sagt Dorothea Thurner, mit 19 Jahren die Jüngste im Nationalteam. Empathie sei neben dem Fachwissen die Voraussetzung für den Beruf - und für einen Erfolg bei nationalen oder internationalen Meisterschaften.

Theoretisches und praktisches Wissen müssen die Teilnehmer dabei unter Beweis stellen. Und das kann ganz schön schlauchen. Vier Tage lang dauerte der Wettkampf bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Praktische Aufgabenstellungen mussten die Teilnehmer vor einem großen Publikum lösen - immer verfolgt von TV-Kameras. "Das ist wahnsinnig anstrengend", sagt Warneke.

Etwa 200 000 Zuschauer kamen zu den letzten "World Skills". In manchen Ländern werden die Wettbewerbe live gesendet. "Auf so ein Umfeld wollen wir unsere Teilnehmer vorbereiten", erklärt Rasim. Beim Trainingslager in Scheinfeld fungierten die Schüler der dortigen Altenpflegeschule als Publikum. Erfreulicher Nebeneffekt: Sie konnten sich so von den Besten Deutschlands Anregungen für die eigene Arbeit holen.

Nach drei komplizierten Aufgabenstellungen am Abschlusstag des Trainingslagers war sich die Jury einig: Sophia Warneke wird Deutschland bei der Europameisterschaft in Göteborg Ende November vertreten - begleitet von den besten Wünschen ihrer Teamkameraden. "Natürlich drücken wir Sophia die Daumen", sagt Mohammad Reza Nikbin und Dorothea Thurner ergänzt: "Das ist doch selbstverständlich. Wir kommen schließlich aus einem sozialen Beruf."


Kommentar von Ralf Dieter: Olympioniken und Berufsweltmeister

Die Olympischen Spiele halten uns in den diesen Tagen in Atem. Athleten aus aller Welt gehen auf Rekordjagd. Das Medieninteresse ist groß. Dabei starten die wahren Meister ganz woanders.

"World Skills" nennt sich ein Wettbewerb, den es seit über 60 Jahren gibt, der im Vergleich zu Olympia allerdings regelrecht unscheinbar ist - völlig zu Unrecht. Bei den "World Skills" geht es nicht darum, wer am weitesten oder höchsten springen kann, wer am schnellsten die 100 oder 5000 Meter hinter sich bringt. Es geht auch nicht darum, welche Mannschaft beim Handball, Volleyball oder Basketball am erfolgreichsten zusammenspielt. Es geht nicht um die besten Sportler, sondern um die jeweils Besten in ihren Berufen.

Alle zwei Jahre treten Auszubildende, Studierende und junge Fachkräfte bei den "Berufsweltmeisterschaften" an. Landschaftsgärtner, Stahlbetonbauer, Schreiner, Schweißer, Maurer und viele mehr ermitteln ihre Meister. Von weltweitem Ruhm, von Heldenverehrung und Reichtum können die Berufsweltmeister nur träumen - zumindest hierzulande. In Japan erhalten Weltmeister in der Krankenpflege immerhin ein Auto oder sogar ein Haus. Bei uns bekommen sie oft nicht einmal Applaus.

Das öffentliche Interesse richtet sich in diesen Tagen auf Rio. Auf Segler, Kanuten, Springreiter und Gewichtheber. Auf Menschen, die es verdient haben, zumindest alle vier Jahre im Rampenlicht zu stehen. Den weltbesten Fliesenlegern und Fahrzeuglackierern sollten wir mindestens die gleiche Wertschätzung entgegen bringen. Wie wär's mit einem Besuch bei der Deutschen Meisterschaft im CNC-Drehen und -Fräsen Mitte September in Stuttgart? Oder bei der Deutschen Meisterschaft der Landschaftsgärtner in Nürnberg, ebenfalls im September? Auch Kälte- und Klimatechniker, Grafikdesigner, Elektro- und Anlagentechniker, Kosmetiker, Systemadministratoren und viele mehr ermitteln demnächst ihre Besten. Lust auf einen meisterlichen Ausflug?

Nähere Infos: www.worldskillsgermany.com
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