Gemünden am Main
Beziehung

Main-Spessart: Sie liebt eine Frau - 23-Jährige aus Gemünden über ihr Coming-out

Hanna ist mit einer anderen Frau zusammen. Dass die 23-Jährige aus dem Raum Main-Spessart auf Frauen steht, daraus macht sie kein Geheimnis.
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Eine junge Frau aus Gemünden im Kreis Main-Spessart über ihr Coming-out. Foto: Michael Reichel/dpa
Eine junge Frau aus Gemünden im Kreis Main-Spessart über ihr Coming-out. Foto: Michael Reichel/dpa
Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist für sie und ihre Freundin selbstverständlich. Doch für die junge Frau war es zunächst alles andere als einfach, sich überhaupt bewusst zu werden und einzugestehen, dass sie lesbisch ist. Ihre Familie hingegen habe so etwas schon länger geahnt, erzählt sie.

Das Gespräch mit der Redaktion führt Hanna alleine, ihre einige Jahre jüngere Partnerin kann aus persönlichen Gründen nicht dabei sein. Dass sie als Jugendliche ein ganz miserables Selbstbewusstsein hatte, mag man der 23-Jährigen kaum abnehmen.


Ohne Scheu antwortet Hanna

Ohne Scheu antwortet sie auf Fragen und erzählt, macht einen zufriedenen und lebenslustigen Eindruck. Das habe sich erst mit Beginn der Beziehung so entwickelt, sagt sie. Als sie noch vor einem Jahr einem Freund sagte, sie habe kein Selbstbewusstsein, habe der entgeistert erwidert: "Du läufst mit einem Mädchen händchenhaltend rum und sagst, du hast kein Selbstbewusstsein?"

Noch keine negativen Erfahrungen

Ganz selbstverständlich ist das Thema Homosexualität trotz der geplanten Öffnung der Ehe für alle noch nicht, erst recht nicht auf dem Land. Deswegen steht in diesem Bericht nicht der richtige Name der 23-Jährigen, sondern das Pseudonym Hanna. Aber sie betont: "Angepöbelt worden sind wir noch nie." Natürlich gebe es manchen neugierigen Blick.

Als sie damals mit ihrer Freundin frisch zusammen war, habe ihr eine Freundin gesagt: "Wisst ihr eigentlich, dass ihr das Dorfgespräch Nummer 1 seid?" Davon hätten sie ehrlich nichts mitbekommen, erzählt Hanna. "Ich war nie so das typische Mädchen-Mädchen", sagt die junge Frau mit den kurzen Haaren, die gern Schlabberpullis trägt. Mit Barbies habe sie beispielsweise nie gespielt. Ihre Eltern seien deshalb gar nicht überrascht gewesen, als sie ihnen eröffnete, dass sie lesbisch ist.

Sogar ihre Oma habe gesagt, dass sie sich das schon gedacht habe. Es dauerte, bis sie sich ihrer Homosexualität bewusst wurde Ihr Coming-out, also ihr öffentliches Bekenntnis zu ihrer Homosexualität, hatte Hanna mit dem Beginn ihrer Beziehung zu ihrer Partnerin. Es sei sogar so, sagt sie, dass ihr vorher nicht wirklich klar gewesen sei, dass sie lesbisch ist. "Ich wollte am Anfang nicht, dass ich lesbisch bin. Ich wollte nicht anders sein." Tatsächlich versuchte sie als Jugendliche, sich in Jungs zu verlieben, aber das geschah nie.


Sie merkte nur: Irgendetwas stimmt nicht


Mit 15, 16 habe sie langsam begonnen zu ahnen, dass sie womöglich lesbisch sein könnte, habe diesen Gedanken jedoch immer wieder von sich geschoben. Sie merkte nur: Irgendetwas stimmt nicht. In dieser Phase ihres Lebens zog sie sich sehr zurück, hatte immer wieder grundlos Heulkrämpfe. Heute weiß sie: "Man wird ja nicht glücklich, wenn man es verdrängt." Als sie fast 17 war, beichtete sie einer Freundin, dass es sein könnte, dass sie lesbisch ist. Die Freundin habe locker reagiert. Wenn es so sei, dann sei es eben so, für ihre Freundschaft ändere sich dadurch ja aber nichts. "Ich war nie so das typische Mädchen-Mädchen." Die 23-jährige Hanna über ihre Kindheit Irgendwann lernte sie im Fasching ihre Freundin kennen. Es dauerte ein halbes Jahr etwa, dann waren die beiden ein Paar. Von da an sei es ihr prima gegangen, erzählt Hanna. Sie habe sich gesagt: "Wenn ich eine Freundin habe, will ich das auch öffentlich machen."

Dazu gehöre auch Händchenhalten in der Öffentlichkeit. Ihr Coming-out. Hätten manche anfangs noch gemutmaßt, bei ihrer jüngeren Freundin sei das nur eine Ausprobierphase, es knutschen ja viele Mädchen zum Spaß mal mit einer Freundin, habe sich das nach über drei Jahren erledigt. Ihre Beziehung, sagt Hanna, sei in ihrer Clique, in der sonst keiner homosexuell sei, überhaupt kein Problem. Sie und ihre Partnerin hätten sogar den Vorteil, dass sie gemeinsam auf einen Mädelsabend gehen können, bei dem sonst keine Partner willkommen seien. Über ihre Homosexualität würden in der Clique ab und an ebenso harmlose Späßchen gemacht wie über alles andere. Für Hanna ist das ein Zeichen von Normalität. Freundeskreis hatte jede Menge Fragen Sie selbst habe sich anfangs mehr Gedanken darüber gemacht, was ihre Freundinnen jetzt denken mögen, als diese sich tatsächlich machten.

Natürlich seien Kumpels und Freundinnen neugierig gewesen und hätten jede Menge Fragen gehabt. "Es ist eine ganz normale Beziehung, wir haben dieselben Problemchen wie andere auch", sagt Hanna. Ein Problem, das auf sie zukommen könnte, ist jedoch nicht wie bei allen anderen: Sie hätte gern Kinder, auch ihre Freundin könnte sich Kinder vorstellen. Doch wie soll das funktionieren? Hanna könnte sich vorstellen, Kinder zu adoptieren. Sie hofft, dass auch homosexuelle Paare bald Kinder adoptieren können.

Hanna: Homosexuelle sollten sich nicht verstecken Aber die beiden sind jung, Dinge wie Heiraten und Kinder liegen für sie in ebenso weiter Ferne wie für viele heterosexuelle Paare in dem Alter. Im Raum Gemünden fühlen sich die beiden wohl, hier kommen sie her. Schon in Würzburg, sagt Hanna, fühle sie sich etwas unwohl, mit ihrer Freundin Händchen zu halten, hier überhaupt nicht.

Deshalb wollen sie im Bereich Gemünden bleiben und bald zusammenziehen, wenn ihre Freundin mit der Ausbildung fertig ist. Hanna findet, dass sich Homosexuelle nicht verstecken, sondern offen mit ihrer Neigung umgehen sollten. Das könnte dabei helfen, dass Homosexualität als etwas Normales angesehen wird. Björn Kohlhepp

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