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Bildung

Das iPad wird zum Sprachorgan für Kinder

In der Regens-Wagner-Schule in Burgkunstadt werden nicht-sprechende Kinder unterrichtet. Doch wie funktioniert das in der Praxis?
iPad gegen Ordner: Susanne Rech und Tobias Fürst zeigen verschiedene Methoden, wie man nicht-sprechende Kinder unterstützen kann.  Foto: Lisa Kieslinger
 
von LISA KIESLINGER
Es ist Zeit für das Frühstück in der Regens-Wagner-Schule. Ein Junge sitzt mit seinem PECS-Buch (Picture Exchange Communication System) am Tisch und heftet mit einem Klettverschluss kleine Bilder aneinander. Es entsteht der Satz: Ich will Brötchen. Er zeigt seiner Lehrerin die Bilder und bekommt daraufhin seine Brotzeit. Ein gängiges Bild in der Regens-Wagner-Schule, in der viele nicht-sprechende Kinder unterrichtet werden. Als Außenstehender fragt man sich da schnell: Wie funktioniert das?


Mit den Händen komunizieren - oder mit dem iPad

Unterstützte Kommunikation, kurz UK, ist das Zauberwort. "Viele unserer Schüler können sich nicht so gut ausdrücken. Unsere Aufgabe ist es, für jeden Schüler das passende Kommunikationsmedium zu finden", sagt Susanne Rech, Sonderschullehrerin und in der Regens-Wagner-Schule als UK-Beraterin tätig. Gemeinsam mit Schulleiter Tobias Fürst erklärt sie die gängigsten Hilfsmittel: Von den Händen bis zum iPad.


Jedes Kind braucht eine individuelle Hilfestellung

Die einfachste Möglichkeit ist natürlich, mit den Händen zu kommunizieren, unter Verwendung der Mimik und Gestik der deutschen Gebärdensprache. Damit die Kinder die Zeichen besser lernen, hat Susanne Rech für die Schüler eine Mappe mit Bildern dieser Gebärden angelegt. Darunter ist immer ein Symbolbild, damit die Kinder wissen, was welche Gebärde bedeutet. Komplexe Gebärden vereinfacht Susanne Rech oft, um die Kinder nicht zu überfordern. Die Hände hat man zwar immer dabei, doch jeder Schüler führt die Gebärde anders aus und macht auch andere Laute dazu. Das ist die größte Schwierigkeit bei dieser Form der Unterstützten Kommunikation. Doch nicht jeder Schüler ergreift gleich die Initiative. Manche sind eher in sich gekehrt. Bevor hier an Sprache überhaupt gedacht werden kann, muss erst der sogenannte Ursache-Wirkungs-Zusammenhang verinnerlicht werden. Dabei drückt der Schüler auf einen Taster, der an ein Spielzeug angeschlossen ist, und es passiert etwas. "Je nachdem, was den Schüler anspricht, wird das angepasst", erklärt Rech. In der Regens-Wagner-Schule gibt es verschiedenste Szenarien: ein Ventilator, der auf Tastendruck startet oder eine Ente, die zu laufen beginnt. "Da muss man viel ausprobieren, um die Schüler aus der Reserve zu locken", erklärt die UK-Beraterin. Doch erst wenn die Kinder den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang verinnerlicht haben, kann man einen Schritt weiter gehen.


Kleine Computer als Helfer

Susanne Rech stellt einen roten Buzzer, ein akustisches Signalgerät, auf den Tisch und drückt drauf. "Guten Morgen", ertönt aus dem sogenannten Bigmack, einem kleinen Computer für Behinderte. Bei dieser Form der Unterstützten Kommunikation kommt die Sprache dazu. Der Bigmack könne flexibel und unterschiedlich eingesetzt werden. Zum Beispiel im Morgenkreis, wenn sich alle gegenseitig begrüßen. Während sprechende Kinder einfach "guten Morgen" sagen, drückt der nicht-sprechende Schüler auf die rote Taste, und begrüßt so seine Mitschüler. Der "Guten Morgen"-Wunsch kann vorher individuell von Eltern oder Betreuern aufgenommen werden.


Beim "Step by Step" sprechen Eltern oder Betreuer ein, was das Kind anderen mitteilen will

Der nächste Schritt wäre dann das Gerät namens "Step by Step" - hiermit können im Gegensatz zum Bigmack gleich drei verschiedene Nachrichten hinterlassen werden. Im Morgenkreis am Montag erzählt jeder Schüler von seinem Wochenende. Nicht-sprechende Schüler bekommen durch den "Step by Step" die Möglichkeit, von ihren Highlights zu erzählen. Auch hier sprechen wieder Eltern oder Betreuer die Erlebnisse auf, die der Schüler in der jeweiligen Situation per Tastendruck abrufen kann. "Im Grunde ahmt man die normale kindliche Sprachentwicklung nach - nur mit entsprechenden Hilfsmitteln. Von einem Wort bis zu den ersten Sätzen", vergleicht Fürst.


Drückt man auf ein Symbol, ertönt das Wort dazu

Susanne Rech holt vom Nebentisch ein weiteres batteriebetriebenes Hilfsmittel mit mehreren kleinen Bildern - "Talker" nennt man dieses Hilfsmittel. Durch das Drücken auf die Bilder ertönt das jeweilige Wort dazu. Diese "Talker" gibt es mit vier, neun oder sogar 20 verschiedenen Bildern - sie müssen natürlich an die Schüler angepasst werden. Pro "Talker" kann es bis zu fünf Ebenen, also fünf verschiedene Blätter mit Bildern geben. "Eine Ebene könnte zum Beispiel den Einkauf thematisieren. Beim Metzger könnten die Schüler so mit einem Druck auf das Bild Salami oder Wiener bestellen", erklärt Tobias Fürst.
Für Schüler mit hohen Kommunikationsfähigkeiten gebe es noch den "Dynamischen Talker". Er funktioniert vom Prinzip her genauso wie der einfache "Talker", nur ist die Bandbreite an Wörtern und Sätzen viel größer. Der "Dynamische Talker" ist ein Tablet, das über 3000 Wörter gespeichert hat. "Da muss der Schüler nur wissen, wo das einzelne Symbol ist", sagt Rech. Innerhalb der Schulzeit können die Schüler immer mehr Vokabular erlernen und üben, sich in Sätzen auszudrücken.


Die Technik wird immer besser und Geräte kompakter

Seit kurzem ist die Regens-Wagner-Schule stolzer Besitzer von drei iPads. "Das ist die Zukunft: in einem Gerät alle Hilfsmittel", sagt Tobias Fürst. Diese Anschaffung war durch Spenden möglich, denn noch unterstützt die Krankenkasse diese Form der UK nicht ausreichend.
Bei Susanne Rech haben bereits zwei Eltern nachgefragt, die privat für ihre nicht-sprechenden Kinder ein iPad anschaffen wollen. Kostengünstig ist diese Variante nicht. Denn neben den Anschaffungskosten von iPad, Hülle und Schutzfolie, kommen auch noch die Kosten für die Apps dazu. Von drei bis 150 Euro ist alles dabei. Doch dadurch, dass Susanne Rech in der Schule bereits viele Apps ausprobiert hat, kann sie den Eltern Tipps geben, welche Apps ihr Geld wert sind und von welchen sie lieber die Finger lassen sollten.
Die Weiterentwicklung der Technik macht die UK für Lehrer, Eltern und auch Schüler immer kompakter. Doch einen großen Nachteil wird sie immer haben: Sie ist wesentlich langsamer als die normale Sprache. Und hier müsse die Gesellschaft mehr Akzeptanz und Geduld zeigen. Denn so beim Metzger seine Salami zu bestellen, koste vielen Schülern schon genug Überwindung.

zum Thema "Klartext"



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