Region // Lichtenfels
Bruno Kramm geht für die Piraten ins Rennen
Die Piraten haben nun auch einen Direktkandidaten für die Region. Bei der Veranstaltung ging es anders zu, als man es zurzeit von Teilen der Partei gewohnt ist.
Einst stolzierte Bruno Kramm als Haarzopf-Teufelchen mit der düsteren Elektropopband "Das Ich" über die Bretter, die die Welt bedeuten. Heute ist seine Bühne die Politik. Eine markante Persönlichkeit ist der Künstler und Musikproduzent, der auf Schloss Cottenau bei Wirsberg im Landkreis Kulmbach arbeitet und lebt, heute noch: Mit Hut, Zick-Zack-Bart und roten Haaren präsentierte er sich bei der Nominierungsversammlung der Piratenpartei am vergangenen Samstag in der Altenkunstadter Kleinkunstkneipe "Nepomuk".
Seine Wahl zum Direktkandidaten im Bundestagswahlkreis 240, der die Landkreise Kulmbach, Lichtenfels und den nördlichen Teil des Landkreises Bamberg umfasst, überraschte nicht: Als Bundesbeauftragter für das Urheberrecht gehört er zu den bekannteren Köpfen in seiner Partei. Kramm vereinte alle Stimmen der zehn Anwesenden auf sich. "Ich werde einen aggressiven Wahlkampf führen und meine Finger in die politischen Wunden dieser Republik legen", zeigte sich der frisch gekürte Kandidat von seiner kämpferischen Seite. Sollte er nicht direkt gewählt werden, dann will der 44-Jährige über die Landesliste seiner Partei in den Bundestag einziehen.
Den Piraten sagt man nach, sie kokettierten mit der Unwissenheit in allen Belangen aktueller Tagespolitik. Diese Vorstellung strafte Kramm Lügen: Ob Drogenpolitik, Schornsteinfegermonopol oder Pflichtbeiträge an die Kammern - der frisch gekürte Direktkandidat hatte auf die Fragen seiner Parteikollegen und der Presse immer eine konkrete Antwort parat, wobei sein Lieblingsthema das Urheberrecht war. Aus dem einstigen Paradiesvogel ist ein Realpolitiker geworden, dem eine sachorientierte Politik am Herzen liegt - dieser Eindruck drängte sich bei der Nominierungsversammlung auf.
Keine Verzettelung in Grundsatzfragen
Und noch etwas fiel auf: Das Bild von einer Partei, die sich in Grundsatzfragen verzettelt oder, wie derzeit in Niedersachsen, verzweifelt nach einen Spitzenkandidaten sucht, es traf auf die Veranstaltung in Altenkunstadt nicht zu. Die Gruppierung, die aus dem Internetzeitalter hervorgegangen ist, zeigte sich ganz von ihrer disziplinierten Seite: Nach rund zwanzig Minuten war der Kandidat gekürt.
Kramm machte keinen Hehl daraus, dass er von den Grünen, bei denen er einst seine politische Heimat gefunden hatte, heute bitter enttäuscht ist: "Bündnis 90/Die Grünen ist keine basisdemokratische Partei mehr. Es regieren Betonköpfe, denen es nur noch um Verbote geht und nicht mehr um die Vernunft im Menschen." An letztere glaubt der oberfränkische Pirat, der ganz im Sinne des Parteislogans "Klarmachen zum Ändern" einen neuen Politikstil umsetzen möchte, bei dem die Bürger mehr mitreden können. Sollte er mit den Piraten den Bundestag entern, dann will er in Kulmbach ein Bürgerbüro einrichten. Seine Idee: "Ich möchte mit den Menschen aus meinem Wahlkreis im Internet bestimmte Themen diskutieren."
Seiner Einschätzung nach werde über die Köpfe der Menschen hinweg Politik betrieben. Als Beispiel nannte er die Energiewende: "Darüber nachgedacht, ob es sich die ärmere Bevölkerung auch leisten kann, wird nicht." Der Redner plädierte für die Einführung von speziellen Förderprogrammen auf diesem Sektor. Zudem sprach er sich für die Legalisierung weicher Drogen aus, forderte die Einführung eines Grundeinkommens für alle Bürger und die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft in den Kammern. Das Schornsteinfegermonopol ("Die Heizungsbauer können das genauso gut") ist ihm ebenso ein Dorn im Auge wie die Gema ("Sie beschädigt das kulturelle Leben").
Schneller Internet-Ausbau
Den Blick auf die Region hatte der Bewerber um ein Bundestagsmandat ebenfalls gerichtet. Dabei lag ihm die Infrastruktur besonders am Herzen: Der Ausbau des DSL-Netzes müsse ebenso forciert werden wie der des öffentlichen Personennahverkehrs. Kramm möchte ein Team aus Unterstützern um sich herum scharen, die ihn vor allem in Sachfragen unterstützen sollen. Zu ihnen zählt der Burgkunstadter Rechtsanwalt Marcus Dinglreiter. Sein Gedanke, Mittel- und Realschulen mit der heimischen Wirtschaft und der Politik zu vernetzen, fand bei Kramm ebenso Anklang, wie Dinglreiters Vorschlag einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen den Kommunen.
Den Bau eines neuen Klinikums in Lichtenfels sehen beide in einem kritischen Licht. "In den nächsten zwanzig Jahren wird zum Beispiel die Zahl der 16- bis 18-Jährigen in Burgkunstadt um 45 Prozent sinken. Außerdem fehlt uns das Geld an allen Ecken und Enden. 115 Millionen Euro für ein Klinikum auszugeben, wo es ringsherum zahlreiche Spitäler gibt, sehe ich deshalb sehr kritisch", sagte Dinglreiter. Nach Ansicht der beiden Piraten sollte das Geld in die infrastrukturelle Förderung gesteckt werden, um die jungen Leute in der Region zu halten.
Bei der Nominierungsversammlung ging es nicht nur bierernst zu. Ein Pirat machte den einstigen Paradiesvogel der deutschen Popmusikszene darauf aufmerksam, dass es im Bundestag nicht erlaubt sei, einen Hut zu tragen. "Dann werde ich mir wieder meine Zöpfe kunstvoll nach hinten binden", erwiderte Kramm augenzwinkernd.







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