Wie Tante Frieda und das Untergassen-Lenele um gelbe Mülltonnen kämpfen oder was bei Paralyse wirklich hilft

 
von NewOpinion3 (Leserbeitrag)

Meine Tante Frieda aus Ebern ist eine rüstige, energische Dame mit roten Pausbäckchen und fährt – trotz ihrer silbergrauen Haare – noch Auto. Plötzlich ein lauter Bums – ich schrak aus meinem Sessel hoch – dann noch ein zweiter energiegeladener Bums. Mit dem ersten hatte Tante Frieda mit vollem Karacho ihre Autotür zugeschlagen, mit dem zweiten Rums krachte unser Gartentor in die Zarge zurück.

Jetzt stand sie vor mir im Wohnzimmer, erhitzt und mit hochrotem Gesichtchen, unsere liebe Tante Frieda: „Du tust mir ja so leid!“, plärrte sie mich unversehens an.

Ganz verdattert brachte ich nur ein „Hä? – Warum?“ heraus.

„Du tust mir ja so leid wegen deiner Apothekengeschichte“, konkretisierte das Tantchen. „Ähem, ja, aber, nun, deswegen kommst du doch nicht zu mir hereingestürmt, oder?“, fragte ich vorsichtig.

„Das nächste Mal nimmst du mich in die Apotheke mit, dann ….“ – „Lass mal gut sein, Tante Frieda“, unterbrach ich sie, „sag einfach, was dich diesmal umtreibt.“

„Wir werden nicht jünger, Neffe, darum geht es“, versuchte sich Friedalein ihrem aktuellen Begehr zu nähern. – „Ja, der Lack ist ab“, stellte ich emotionslos fest. – „Quatsch keine Opern“, tadelte mich umgehend mein Tantchen, feierlich betonte sie: „Hier geht es um etwas wirklich Großes“.

„Nicht schon wieder!“, stöhnte ich; doch sie fragte: „Weißt du eigentlich, wie lange schon die Kreisräte mit der Gelben Tonne herumeiern? – Na? …“

„Pffffff, ein Jahr?“, riet ich. – „Ein Jaahaar?!“, wiederholte das Tantchen in höchst möglicher Stimmlage, so dass ich für einen Moment erschauderte. Sie kennen das vielleicht, so ähnlich, als ob jemand mit Kreide auf der Tafel quietscht. Normal spricht Tante Frieda nämlich fast so tief wie ein Mann. Genauer gesagt: wie ein Mann.

„Soweit ich mich erinnern kann, geht das schon seit Anfang 2015 so, das mit der Gelben Tonne“, erläuterte sie mir. – „Ja, ja, ich verstehe“, nickte ich. – „Laber doch nicht, nichts verstehst du!“, wurde mein Bemühen von der Tante sogleich hinweggefegt.

„Sie wollen es nicht einsehen“, fuhr die Tante fort, „sie wollen uns die Gelben Tonnen nicht geben und nicht gönnen!“

„Mit ‚sie‘ meinst du den Kreistag, stimmt’s?“, versuchte ich konstruktiv zu sein. – „Ja, davon rede ich doch die ganze Zeit, Neffe! – Mir scheint es, als wäre der Kreistag …“, jetzt begann das Tantchen wie eine Detektivin, die gerade beim Kombinieren ist, auf und ab zu laufen, „mir erscheint, das Gremium geradezu wie paralysiert.“ Den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Hände auf dem Rücken verschränkt und mit dem Kopf nickend: „So muss man es ausdrücken, Neffe. Traurig, aber wahr.“

„Also paralysiert heißt gelähmt“, übersetzte ich meine Tante. – „Erfasst!“, zeigte sie mit ihrem spitzen Zeigefinger auf mich. „Der Kreistag hat im März 2017 eine Bürgerbefragung zum Thema abgelehnt“, dozierte Frieda. „Und jetzt kommt’s“, Tante Frieda schüttelte ihre graue Haarpracht, „gleichzeitig will er grundsätzlich nicht gegen eine Bürgerbeteiligung sein!“

„Nein!“, rief ich ungläubig, riss die Augen weit auf und legte den Kopf zurück.

„Doch!“, hielt Tante Frieda nüchtern dagegen.

„Ooh!“, formte ich meine Lippen zu einem Rund und fragte: „Was passiert jetzt?“

„Nichts!“, replizierte das Tantchen. „Ach, ich darf gar nicht an deine Tante Hortensia aus Kirchlauter denken, der haben sie den Führerschein gezwickt. Ach du liebe Güte! Den Müll, den die macht! Den muss allen ich fortfahren!“

„Am besten produziert man so wenig Müll wie möglich“, versuchte ich den Gedankengang meiner Tante zu bereichern.

„Ach du Einfaltspinsel! Müll fällt immer an. Denk mal an das Untergassen-Lenele, dem haben sie wieder so arg mitgespielt!“, sagte Tante Frieda richtig vorwurfsvoll.

„Ach, nein, was ist denn der Untergassen-Lenele passiert?“, brannte ich vor Neugierde. „Ich frag’ nur aus Wissensdurst, nicht aus Neugier“, relativierte ich ein bisschen herum.

„Was, das weißt du nicht?“, schluckte Tante Frieda und erzählte weiter: „Es hat bloß ein kleines Tütchen mit Apfelsinenschalen und eine Konservendose in den Friedhofs-Container geworfen. – Weißt schon, so eine Mini-Plastik-Konservenbüchse mit dem famosen Zartgemüse aus der Dose. – Diese extra feinen Möhrchen und Erbschen!“

Mit meiner Reaktion: „Um Himmels willen! Spinnt die denn? Das hätte sie nicht tun dürfen! So was gehört angezeigt!“, versuchte ich, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Tante Frieda sah mich nur entgeistert an: „Hast du einen Haschmich? Mach hier nicht so einen Wirbel!“

Nach einem tiefen Seufzen oder Grunzen berichtete meine Tante weiter: „Das haben sie tatsächlich gemacht, man hat sie angezeigt.“ – „Wie das denn? Hat sie jemand gesehen?“, wollte ich wissen.

„Natürlich hat sie keiner gesehen, noch gibt’s keine Kameras am Friedhof. Aber man hat ein ärztliches Rezept von ihr im Container gefunden. Da hat sie nicht Obacht gegeben“, flüsterte die Tante.

„Was soll das schon heißen? Das gefundene Rezept hat vor Gericht keine Beweiskraft. Das Rezept kann sonst wie dort gelandet sein“, fachsimpelte ich.

„So war es dann auch. Aber trotzdem haben sie mein armes Lenele fertiggemacht. Drei Tage hat sie nur geheult und noch drei Monate danach hat sie beim Karteln immer verloren. Völlig durch den Wind“, bedauerte mein Tantchen seelenvoll. „Das arme Lenele. Und so arges Aftersausen hat es bekommen!“

Siehste, jetzt beim Aufschreiben fällt mir nachträglich auf, ich hatte bei Tante Frieda gar nicht nachgefragt, wer die bösen ‚sie‘ waren, die dem armen Lenchen so übel mitgespielt hatten.

Zurück zu Tante Frieda: Nachdem sie dreimal mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte getrommelt hatte, beschwor sie: „Das wäre alles nicht passiert, wenn es die Gelbe Tonne gegeben hätte!“

„Das heißt, wir müssen zusehen, wie wir den Kreistag aus seiner Paralyse befreien können“, schlussfolgerte ich. – „Richtig!“, stimmte die Tante zu: „Das Getrödel muss ein Ende haben!“

„Bachblüten“, meinte ich, „helfen auf die Sprünge, davon habe ich neulich im Goldenen Elternratgeber gelesen. Der Artikel hieß, glaube ich: ‚Was tun bei Trödelfritzen und Trödelliesen?‘“

„Nein, hör auf, Neffe, das ist nichts für dich, dieses Zeug müsstest du nur wieder aus der Apotheke besorgen. Und dann dürfte die Tinktur auch keinen Alkohol enthalten.“

„Warte mal, was hatten die noch geschrieben?“, grübelte ich. „Genau, mit kleinen Liedern geht alles leichter, stand dort. Eine kleine Melodie oder ein Reimchen über die Gelbe Tonne müsste die Entschlusskraft der Kreisräte beflügeln. – So: Müllerie, müllera, morgen ist die Gelbe Tonne da-ha-ha.“

„Sei nicht albern. Alles nicht das Gelbe vom Ei“, beschied das Tantchen.

So kramte ich den Goldenen Elternratgeber herbei und las meiner Tante daraus vor, wobei ich praktischerweise gleich das Wort ‚Kind‘ durch ‚Kreisrat‘ ersetzte: „Ein Kreisrat kann recht schnell überfordert sein, wenn man zu viel auf einmal von ihm erwartet.“

„Hi, hi“, gluckste Tante Frieda.

Ich las weiter: „Sagen wir ihm zum Beispiel: ‚Laufe bitte in dein Zimmer, hole deine Sitzungsunterlagen, zieh’ deine Schuhe an, die Jacke und setz’ den Hut auf‘, dann sieht der Kreisrat nur, dass er innerhalb kürzester Zeit fünf Dinge gleichzeitig machen soll. Das wird meistens mit Lustlosigkeit quittiert.

Wirkungsvoller ist es zu sagen: ‚Rate mal, was du alles brauchst, um gleich loslegen zu können? Machst du das dann bitte mal?‘“ Ich sah auf.

„Du weißt doch selber“, meinte Tante Frieda, „grau ist alle Theorie. Aber im Prinzip hat dein Ratgeber wahrscheinlich recht. Man muss den Kindern, äh, den Kreisräten sagen, was sie zu tun haben. Und zwar eins nach dem anderen.“

„Und das geht am besten wie?“, mir schwante schon, was kommen würde.

„Öffentlicher Druck“, meinte Tante Frieda kühl.

„Und den macht wer?“, mir war die Antwort schon vollkommen klar.

„Den machst du, Neffe, setz dich hin und lass dir was einfallen!“, befahl die Tante.

„Na, wenn du mich so lieb bittest, kann ich ja nicht anders als wieder das Schreiben anzufangen“, fühlte ich mich von der Tante in die Enge getrieben. „Aber diesmal machst du auch was!“, bedrängte ich Tante Frieda.

„Ich“, trommelte sich Tante Frieda mit beiden Fäusten auf die Hüften, „ich aktiviere das Untergassen-Lenele. Die hat noch eine Rechnung offen. Wenn sie will, und sie wird wollen, dann erblasst in ihrem Schatten jedes Tagblatt.“ Hugh, Tante Frieda hatte gesprochen. Und wie ich sie kenne, bestimmt nicht zum letzten Mal.


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