Tante Frieda will sich nicht auf die Mitfahrbank setzen

 
von NewOpinion3 (Leserbeitrag)

Meine Tante Frieda aus Ebern ist eine rüstige, energische Dame mit roten Pausbäckchen und fährt – trotz ihrer silbergrauen Haare – noch Auto. Gestern quietschten die Reifen, aufgeschreckt sah ich aus dem Küchenfenster, und schon stand sie im Vorgarten, unsere gute Tante. Die Hände in die Hüften gestemmt brüllte sie mit rotem Kopf: „Du glaubst doch nicht, dass ich mich auf diese Bank setze!?“ – „Ähm", kratzte ich mir konsterniert den Hinterkopf, „welche Bank? – Du musst dich doch nicht auf die Bank setzen, du sitzt doch auf deinem Geld.“

„Papperlapapp, Neffe, was quatscht du wieder für einen Unsinn? Bei meiner kleinen Rente werde ich mir das Autofahren bald nicht mehr leisten können …“, jammerte Tante Frieda, doch ich unterbrach sie und stichelte: „Du meinst in deinem Alter solltest du deinen Lappen abgeben?“

„Neffe!“, rief sie empört, „Mit dem Alter hat das gar nichts zu tun, merk’ dir das! – Aber man muss vorsorgen“, lenkte Friedalein im Tonfall ein. „Wie soll ich denn nach Kirchlauter zu meiner Schwester Hortensia kommen, wenn ich einmal nicht mehr Autofahren kann? Oder zum Markt der Generationen? Auf keinen Fall setze ich mich auf dieses Dingsbums.“

„Um welches Dingsbums geht es denn“, fragte ich interessiert nach. – „Na du weißt aber auch wieder gar nichts“, warf mir Tantchen vor und erklärte: „Unsere Eliten plaudern im Panoptikum der sonderbaren Meinungen schon dauernd drüber!“

„Urrgh, wenn du einmal sagen könntest, was du willst, liebe Tante Frieda!“ – „Na, jetzt stell’ dich doch nicht so an, dieses Faxenbuch oder wie das heißt.“ Ich begriff: „Du meinst Facebook?“ – „Ja genau, Fehßbuck meine ich. Mensch Neffe: Mitfahrbank heißt das komische Ding!“

„Kenne ich nicht, noch nie davon gehört.“ – Darauf die Tante: „Jetzt müssen die Alten den Jungen wieder die Welt erklären. Mensch, Mensch, Mensch!“

„Ach ja“, dämmerte es mir, „ich hatte irgendwann einmal davon gelesen: Man setzt sich auf eine Bank, klappt ein Täfelchen aus, da steht drauf, wo man hin will, und der nächstbeste Autofahrer nimmt einen mit, oder so.“

„Mich nimmt das mit, Neffe, mich, aber so richtig!“ – „Warum, die Mitfahrbank ist doch eine tolle Sache“, meinte ich unbedarft. – „Uaaagrrrrhahh!!!“, Tante Frieda bekam einen Schreikrampf, so dass ich einen Moment lang im linken Ohr ein leises Klingeln verspürte. „Ich setz’ mich doch nicht auf eine Bank und lass mich von den Autofahrern angaffen, damit die sich eins ins Fäustchen lachen. Da sitzt wieder eine alte Schabracke herum, die kein Geld fürs Taxi hat!?“ Tante Frieda schüttelte sich: „Das kannst du vergessen! Das ist unter meiner Würde!“

„Würde hin, Würde her, was willst du denn machen, wenn ich dich auch mal nicht fahren kann?“, versuchte ich mäßigend auf Tante Frieda einzuwirken. – „Mir ist das außerdem zu unsicher, bei jemand Fremdem mitzufahren“, sagte die Seniorin. „Trampen würde ich nicht mal, wenn ich jünger wäre“, wusste das Tantchen bestimmt, „außer er schaut gut aus, dann kann man es sich ja noch einmal überlegen“, zwinkerte sie mir zu.

„Dann drehen wir den Spieß doch einfach um“, kam mir eine Idee. – „Was willst du umdrehen, Neffe? Drück dich deutlicher aus“, forderte mich Tante Frieda heraus.

„Na ganz einfach: Sollte es diese Mitfahrbänke tatsächlich eines fernen Tages geben, dann nehme ich dich mit und wir klappern alle Bänke ab“. – „Ach was, Neffe, willst du dir ein Zubrot als Taxifahrer verdienen?“ – „Nein, nein, Tante Frieda, wir winken den armen Geschöpfen bloß freundlich zu und wünschen ihnen einen guten Tag. Mitnehmen tun wir keinen.“ – „Du hattest schon schlechtere Ideen, Neffe. Aber so kann man das machen.

Wenn deine Tante Kunigunda vom Starnberger See zu Besuch hier ist, dann nehmen wir sie auch mit. Je mehr aus dem Auto heraus winken, desto besser. Weil dann sitzt bald keiner mehr auf der Bank und diese schöne Idee hat sich dann erledigt.“ Jetzt hörte man Tante Frieda erleichtert aufatmen. Natürlich sagte sie noch: „Aber dass du mir das ja wieder alles in die Zeitung setzt, gell?“ Nun, was blieb mir schon anderes übrig? Seufz.


Aus der Tante-Frieda-Reihe:

Tante Frieda brummelt wieder

Wer hat‘s erfunden? - Tante Frieda, die Bereitschaftspraxis und das Eberner Pechrad

Tante Frieda zwingt mich, über die Bereitschaftspraxis zu schreiben

Tante Frieda im Glückstaumel

Tante Frieda fährt zum Zug

Kennzeichen versickern wie Regenwasser oder Tante Frieda zieht nach Oberbayern



noch Zeichen



Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können:

Sie sind noch nicht registriert? Bitte hier registrieren.