Ein Schwanengesang auf das Kujath-Haus oder der Triumph der Langeweile

 
von NewOpinion3 (Leserbeitrag)

Nun ist es weg, das alte Kujath-Haus. An seine Stelle tritt ein Einheitsgebäude, ein viereckiger fader Glas- und Betonpalast mit einfallslosen Formen. Die Schuhschachtel kommt dicht an die Stadtmauer ran.

Die Stadt wird in ihrer Ansicht bedrängt werden, aber die stolze Stadtmauer kann den Architektur-Müll, der ihr auf die Pelle rücken wird, nicht abhalten. In Deutschland sieht es immer mehr gleich aus, und Ebern darf keine Ausnahme bilden.

Quader mit Flachdach und großen Fenstern, so sehen die Allzweck-Monster zwischen Flensburg und Oberstdorf aus. Die zu Beton erstarrte Mutlosigkeit frisst alles, angefangen vom Springbrunnen über das Einfamilienhaus der dreißiger Jahre bis hin zur grünen Wiese.

Vernünftig sollen wir sein. Das Minimum-Maximum-Prinzip will mit dem vermeintlich geringsten Aufwand das beste Ergebnis erzielen. Welch ein Unfug! Mit Margarine kann man keine Butterhörnchen backen. Niemand muss Architekt oder Architekturkritiker sein, um zu erkennen: minimale Baukosten plus maximale Raumausnutzung ergeben ein Maximum an Hässlichkeit.

Keine kabarettistische Bauherren-Prosa der Welt vermag die Realität schönzudichten. Nein, hier wird sich nichts harmonisch in die Umgebung einfügen. Hier wird weder ein wirtlicher Ort noch etwas Wohlgefälliges entstehen. Das neue trostlose Gebäude soll einfach nur billig und zweckmäßig sein.

Eine Wegwerf-Halle, die möglicherweise in 25 Jahren schon wieder abgerissen wird, weil sie frühzeitig verschlissen ist. Weil sie niemand vermissen wird. Bis es soweit ist, werden vielleicht absurde bunte Punkte an den Wänden darauf aufmerksam machen, dass hier Kinder betreut werden sollen.

Mit der Aufenthaltsqualität einer Autobahnraststätte. Ein müder Triumph der Langeweile, wie ein breitarschiger Trapezkünstler, der kraftlos ins Netz gefallen ist. Unsere Stadt soll hässlich werden. Die Topographie des Bauens und Bewahrens hat sich anscheinend im Denken nicht hinreichend verankert. Vielleicht hilft ein Griff in die Mediathek: „Unser Dorf soll hässlich werden“, ein Film von Dieter Wieland aus dem Jahr – 1975!

Wie heißt es doch in diesem Film, ab der sechsten Minute und fünfundfünfzig Sekunden: „Wie konnte solche Barbarei genehmigt werden? Man muss bedenken, dass jedes Bauvorhaben in Bayern eine Reihe von gesetzlichen und bürokratischen Hürden nehmen muss, bis es endlich bewilligt wird.“


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