Wenn Steine reden könnten, würden sie am Rehturm sicherlich tagelang nicht mehr verstummen. Das Mauerwerk könnte mit seinen Geschichten sicherlich ganze Bücher füllen. Schlachten und schreckliche Begebenheiten könnte es schildern, aber auch die Idylle der Natur preisen, die fröhlichen Kinderspiele beschreiben und sicherlich auch die ein oder andere Liebesgeschichte.

Der Rehturm war Mittelpunkt kriegerischer Auseinandersetzungen, Schauplatz von Belagerungen, wichtiges Medium in Mittelalter und früher Neuzeit, aber auch ein Platz der Ruhe inmitten der Natur. So gut wie jeder Kulmbacher Schüler ist schon hierher gewandert, und als Ausflugsziel erfreut er sich noch heute großer Beliebtheit.


Vereinzelt Vandalismus


Zwar braucht man nicht mehr befürchten, dass der Aussichtsturm wegen seiner strategischen Lage erneut zerstört werden könnte, an die Stelle der kriegerischen Ausschreitungen ist heute jedoch leider der Vandalismus einzelner Leute getreten.

Doch dank der Bemühungen der Stadt Kulmbach und vieler engagierter Mitbürger trotzt der Rehturm auch heute noch jeglichen Angriffen. Der Besucher des Turms bemerkt bei genauerer Betrachtung auch verschiedene Jahreszahlen im Mauerwerk. Heute möchten wir diese näher erklären.


Stadtwappen am Zugang


Über dem Zugang befindet sich das Kulmbacher Stadtwappen. Links die Schwarz-Weiß-Vierung der Hohenzollern, oben rechts der meranische Adler und darunter der staufische Löwe, der durch die Verbindungen der Herzöge von Andechs-Meranien mit den Hohenstaufen hinzukam. Dieses Wappen in der heutigen Form ist nachweisbar bis 1420.

Im Jahr 1498 wurde der Rehturm als Wachturm in der Kette der markgräflichen Signaltürme durch den Markgrafen Friedrich den Älteren errichtet. Damit konnte das Land oberhalb des Gebirges bei Gefahr sehr rasch gewarnt werden, indem Feuer entzündet, Fackeln ausgehängt oder Rauchzeichen gegeben wurden.

Anschlusstürme waren die Hohe Warte bei Bayreuth im Südosten, die Burg Zwernitz in Sanspareil im Südwesten, der Magnusturm bei Kasendorf im Südwesten, der Culmberg und der Sophienberg im Süden sowie der Schneeberg und der Weißenstein im Osten.

1889/90 bemühte sich der Verkehrs- und Verschönerungsverein Kulmbach um die Wiederinstandsetzung und Erhöhung des Turmes. Am 5. Juni 1889 erteilte der Magistrat dem Rehturmbau- Comites die Erlaubnis, den Rehturm auf 30 Meter Höhe zu vergrößern und das nötige Material an Sand und Steinen aus dem Stadtwald unentgeltlich zu entnehmen.


Als Signalturm genutzt


Große Verdienste um den Rehturm erwarb sich der Gastwirt Conrad Nützel. "Am 28. Juni 1890 übergab das Rehthurm-Baukomite den aus seinen Trümmern zu einer schönen, äußerst lohnenden Aussichtswarte wieder aufgebauten alten Signalthurm - Rehthurm genannt - der Öffentlichkeit zur Benutzung", heißt es in der Chronik.

In jener Zeit hat sich in Kulmbach einiges getan. Unter der Führung von Bürgermeister Rosenkrantz nahm die Stadt auch durch den Eisenbahnbau einen unheimlich starken wirtschaftlichen Aufschwung. Der Exportbierbrauer Lorenz Sandler eröffnete im Kressenstein das Restaurant "Wolfsschlucht", schräg gegenüber enstand der Gasthof "Goldener Löwe". Die Innenstadt wurde gepflastert und das Waisenhaus neu gebaut. Und die katholische Kirche konnte einen Bauplatz zur Errichtung einer eigenen Kirche erwerben - der heutigen Stadtpfarrkirche "Zu Unserer Lieben Frau".


Fleißige Turner


Mit der Inschrift 1889 wird auf eine Anzahl junger Turner aus Kulmbach hingewiesen, die die Idee Friedrich Ludwig Jahns in die Tat umsetzten, sich darüber hinaus am öffentlichen Leben beteiligten und in großem Umfang am Wiederaufbau des Rehturmes mitarbeiteten. Der Verein fand sehr bald Anerkennung, der "hochwohllöbliche Stadtmagistrat" stellte den Platz hinter der Vogelstange auf der Draht als Turnplatz unentgeltlich zur Verfügung. Diesen 1861 gegründeten Turnverein kennen wir heute noch, es ist der ATS Kulmbach.

An der Innentreppe ist die Markierung "500 m" eingezeichnet. Zum Vergleich: Das Rathaus liegt 308,82 Meter hoch. 1972 musste der Turm wegen Baufälligkeit gesperrt werden. Aber 1976 konnte das einsturzgefährdete Wahrzeichen dank einer erfolgreichen Spendenaktion der Bürgerschaft, durch Zuschüsse der Stadt Kulmbach und des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege restauriert und am 27. September 1977 für die Öffentlichkeit wieder freigegeben werden.

Von der Plattform bietet sich ein herrlicher Blick über die Plassenburg und das Kulmbacher Land.
Auf Vorschlag von Oberbürgermeister Henry Schramm wurde auf der Plattform eine Stehle mit einem Kompass errichtet, der auch das Umland erklärt.

Aber falls ein Spaziergänger sich in den Abendstunden am Rehturm aufhält und die Nebelhexen die Sicht etwas eingetrübt haben, soll er auf die Stimmen des Waldes achten, liegt doch am Fuße des Turms ein gefallener Hauptmann begraben ...