Im Oktober 1983 saß Christian Ehrenberg erstmals im Städtischen Stadion in Nürnberg. Gegen den 1. FC Köln gab es eine 1:3-Niederlage. Geschlagene sechs Mal in Folge musste der damals Zehnjährige wiederkommen, bis er endlich seinen ersten Sieg als Club.Fan erleben durfte. Und nach einer desolaten Saison mit 14:58 Punkten stieg der FCN zum dritten Mal in seiner Geschichte ab. Doch für Christian stand fest: Einmal Club-Fan, immer Club-Fan.

"Meine ersten Spiele haben mich auf das, was an Enttäuschungen und Demütigungen noch kommen sollte, wunderbar vorbereitet", resümiert der mittlerweile 38-Jährige mit dem für Nürnberg-Anhänger typischen Sarkasmus. Heute besitzt Ehrenberg eine Dauerkarte in der Nordkurve (Block 4). Seinen Freunden hat er versprochen, dass er dort auch dann sitzen wird, wenn er am Sonntag in den neunköpfigen Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg gewählt wird. Dessen Mitglieder bekommen zwei VIP-Tickets, doch die will Ehrenberg gar nicht haben. Seine Welt ist die Kurve - "auch wenn ich in meinem Alter nicht mehr 90 Minuten so mitsingen kann wie die Ultras."

Rund 11 000 Mitglieder zählt der 1. FC Nürnberg, etwa 1000 werden am Sonntag ab 14 Uhr in der Nürnberger Messehalle zur Jahreshauptversammlung der Fußballabteilung erwartet. Bei der gleichen Veranstaltung vor einem Jahr entschloss sich der Kulmbacher zur Kandidatur. "Als der damalige Präsident Franz Schäfer die Fans angegriffen hat, bin ich aufgestanden und habe meine Meinung gesagt." Gepasst hat ihm damals zum Beispiel nicht, dass der Verein auf seiner Internetseite nur die Aufsichtsratskandidaten vorgestellt hat, die ihm genehm waren. Diesmal werden alle vorgestellt."Es hat sich schon etwas geändert", sagt Ehrenberg.

Der Kulmbacher kandidiert für das "Bündnis Aktiver Clubmitglieder" (BAC, www.clubmitglieder.com), dessen Gründer entscheidend an der Satzungsänderung 2009 mitgewirkt hatten. Diese brachte dem 1. FC Nürnberg mit der Abschaffung des Präsidialamtes (Ehrenberg: "Ein Relikt aus alter Zeit") und der Einführung eines hauptamtlichen, zweiköpfigen Vorstandes (Ralf Woy, Martin Bader) moderne Strukturen.

Der Club muss "e.V." bleiben

Nach Rechtsanwalt Ralf Peisl, der 2010 in den erstmals basisdemokratisch gewählten Aufsichtsrat (Ehrenberg: "Auch ein Verdienst der Satzungsänderung") berufen wurde, will Ehrenberg nun der zweite BAC-Vertreter werden. "Die Basis soll noch mehr gehört werden", meint Ehrenberg. Und eben jener Basis fühlt er sich einzig und allein verpflichtet. "Schließlich sind die Mitglieder der Verein." Und deshalb will Ehrenberg auch verhindern, dass der 1. FC Nürnberg einmal zu einer Kapitalgesellschaft "oder einem anderen Firmenungetüm" mutiert und in die Hände von Investoren gerät. Negativbeispiele gebe es zuhauf. "Beim HSV haben jahrelang die Mitglieder und die Vereinsführung aneinander vorbei gelebt. Jetzt stehen sie vor einem Trümmerhaufen", sagt Ehrenberg, der beruflich selbstständig ist und für eine Beratungs- und Investment-Firma im Musik- und Medienbereich arbeitet.

Eigene Marke entwickeln

Festhalten an Traditionen sieht der Kulmbacher keineswegs als "Verweigerungshaltung vor der Zukunft", sondern als "große Chance des 1. FC Nürnberg". Der Verein müsse ein eigenes Selbstverständnis, eine eigene Marke entwickeln, fordert Ehrenberg. Konkret würde er sich wünschen, dass das Stadion künftig "Max-Morlock-Stadion" heißt, nachdem der von der Fanmasse verabscheute Name "easy-credit" 2012 sowieso verschwindet. "Es wäre ein Paukenschlag, wenn der Club als erster Verein in Deutschland wieder von der kommerziellen Vermarktung des Stadionnamens abrücken würde."

Chris Ehrenberg ist sich sicher, dass ein einzigartiges Profil ein Argument für manche Firmen sein kann, einen Verein zu sponsern. "Andere Vereine wie Mainz oder Freiburg haben schon früher kapiert, dass man eine Idee oder Marke aufbauen muss. Da hängt der Club noch hinterher", sagt Ehrenberg.

Der Aufsichtsratskandidat aus Kulmbach träumt sogar noch weiter: "Und vielleicht sagt ja auch der ein oder andere Spieler, ich bleibe noch ein Jahr länger als üblich beim Club, weil der Verein glaubwürdig ist."

Die Initiative BAC kann jedoch schon greifbare Erfolge vorweisen. Unter anderem hat BAC-Aufsichtsratsmitglied Ralf Peisl erreicht, dass die Bewirtungsfirma im Stadion den Preis für ein günstigeres alkoholfreies Getränk deutlich gesenkt hat.

Überhaupt versteht sich Christian Ehrenberg "als Stimme des normalen Fans". So wie man eben jemanden wie ihn als "normal" bezeichnet, der zusätzlich zu allen Heimspielen auch noch zehn bis zwölf Mal in der Saison Auswärtsspiele besucht. "Der Club ist halt Teil meines Lebens", lächelt der ledige 38-Jährige.