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Podiumsdiskussion Kulmbach (3): Was tun gegen den Ärztemangel?

Stehen die Bürger in ländlichen Gebieten bald vor verschlossenen Praxen, weil die Nachfolger fehlen? Ein heftig debattiertes Thema.
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Kommt die Landarztquote, wie sie Emmi Zeulner (CSU, links) auf den Weg gebracht hat? Die Gesundheitspolitik war ein heiß diskutiertes Thema, auch bei (von rechts) Markus Tutsch (Grüne) und Stefan Wolf (FDP).Matthias Hoch
Kommt die Landarztquote, wie sie Emmi Zeulner (CSU, links) auf den Weg gebracht hat? Die Gesundheitspolitik war ein heiß diskutiertes Thema, auch bei (von rechts) Markus Tutsch (Grüne) und Stefan Wolf (FDP).Matthias Hoch
Die Gesundheitspolitik ist häufig ein Garant für erbitterte Streitereien, eine Gesundheitsreform jagte in der Vergangenheit die nächste. Explodierende Kosten, benachteiligte Kassenpatienten, Mangelversorgung auf dem Land: Die Liste der Kritikpunkte ist lang. Vor allem der Ärztemangel ist ein heißes Eisen.

FDP-Kandidat Stefan Wolf hat einen Vater, der selber Arzt gewesen ist. "Man muss kein Prophet sein, um zu sehen: In spätestens fünf bis acht Jahren bekommen wir ein Riesenproblem. Laut Kassenärztlicher Vereinigung sind über 30 Prozent der Hausärzte 60 Jahre oder älter in Oberfranken. Wenn diese Mediziner gehen, werden wir schon in fünf Jahren eine spürbare Unterversorgung haben." Um das zu verhindern, müsse dringend an gesundheitspolitischen Stellschrauben gedreht werden. Einerseits forderte Wolf daher eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, "denn es sind immer mehr Ärztinnen, die nachrücken". Zum anderen gelte es im finanziellen Bereich Änderungen vorzunehmen. "Die geltende Budgetierung ist ein großes Problem. Im ländlichen Raum gibt es vor allem Kassenpatienten, an denen der Arzt durch die Budgetierung quasi nichts verdient, denn der Arzt kann nur eine bestimmte Anzahl versorgen - und dann ist ein Deckel drauf."

Emmi Zeulner (CSU) entgegnete: "Wir haben bereits in dieser Legislaturperiode den besagten Deckel für die Hausärzte abgeschafft - wohlgemerkt nicht für die Fachärzte. Das war eine ganz wichtige Forderung von uns. Das bedeutet: Kein Patient, der vom Arzt behandelt wird, bedeutet einen Abzug für den Mediziner im Budget."

Als ihr Baby bezeichnete die Abgeordnete die Landarztquote. "Sie wurde schon von vielen gefordert, unter anderem noch unter der Ägide von FDP-Minister Philipp Rösler. Sie wurde aber niedurchgesetzt. Nun hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe, auch auf meinen Druck hin, ein Gutachten auf den Weg gebracht, Demnach ist es mit unseren Grundrechten vereinbart, eine solche Quote zu ermöglichen. Das bedeutet: Wer bereit ist, sich als angehender Mediziner in einer unterversorgten Region niederzulassen, darf vorrangig zum Studium zugelassen werden. Und zwar auch ohne NC.

"Diese Quote überzeugt mich nicht", antwortete Stefan Wolf. "Ich halte es für ein merkwürdiges Menschenbild, einem 19-Jährigen nach dem Abitur folgende Zusage abzuverlangen: Okay, ich verpflichte mich in zehn Jahren, als Arzt aufs Land zu gehen. Kann ich das einem jungen Menschen zutrauen? Wussten Sie, Frau Zeulner, mit 18 schon, dass Sie mal im Bundestag landen?" Insofern bezweifle Wolf, dass es ein gutes und vor allem umsetzbares Modell sei. "Der Betreffende, der dann ja sagt, könnte vielleicht ein hervorragender Chirurg werden - aber weil er sich verpflichtet hat, Hausarzt zu werden, um den nötigen NC nicht einhalten zu müssen, verbauen wir ihm diese Chance. Und abgesehen davon: Das System greift erst in Jahren - damit lösen wir nicht die akuten Probleme."

Klaus-Georg Purucker (Freie Wähler) forderte eine Gleichwertigkeit von Ärzten in der Stadt und auf dem Land. "Wenn der angehende Doktor in der Stadt das Doppelte seiner Kollegen auf dem Land verdient - wofür wird er sich dann wohl entscheiden?"

Einen Haken im System sah auch Thomas Müller (ÖDP): "Ich bin gerne Apotheker, weil ich Menschen helfen will. Aber wir werden mit derart viel Bürokratie zugemüllt, dass wir an sich gar nicht mehr zu unserer Kernaufgabe kommen." Das große Problem im System sei: Das Geld stehe im Mittelpunkt und nicht mehr das Wohl des Patienten. "Da müssen wir das Thema vom Kopf wieder auf die Füße stellen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen. " Er erinnerte an eine Reform vor 20 Jahren. "Damals hat ein Gesundheitsminister namens Horst Seehofer dieses System eingeführt. Der hat aus dem Gesundheitswesen einen Markt gemacht. Er wollte, wie es Politiker eben so machen, alles verbilligen. Was ist passiert? Der Patient ist eine Ware. Die Mitarbeiter, die Leistungsträger, sind die Stellschrauben, an denen bei Bedarf gedreht wird. Die einzigen Profiteure, die es noch gibt, sind die Pharma- und die Krankenhauskonzerne."

Zum Thema gehört auch: Wie sieht die künftige Krankenversicherung der Bürger aus?SPD-Vertreter Thomas Bauske sagte: "Die Zwei-Klassen-Medizin ist ungerecht und gehört abgeschafft. Deswegen sind wir dafür, eine Bürgerversicherung einzuführen." Ebenso müssten die Beiträge zur Krankenversicherung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder gleich hoch sein. "Das bekommt man nur mit der SPD."



Auch Markus Tutsch (Grüne) ist ein Anhänger der Bürgerversicherung. Und mit Blick auf die ausländerkritischen Äußerungen der AfD sagte er: "Deutschland ist bei Medikamenten und den Rohstoffen dafür bis zu 90 Prozent abhängig von Importen aus dem Ausland. Wer da meint, er könne sich komplett abschotten, der soll mir erklären, wo diese Mittel dann herkommen sollen?"
"Ich bin ein Anhänger der Grundsicherung, ich nenne sie nicht Bürgerversicherung", sagte Georg Hock (AfD). Bei seinem Modell zahlten demnach alle ihren Beitrag ein: "Alle Arbeiter, Angestellte, Beamte und Bezieher von Kapitaleinkommen, ähnlich wie in der Schweiz. Ich rede hier von einem System, das die allgemeinen Lebensrisiken absichert. Alles, was darüber hinausgeht, sprich körperliche Schäden verursacht durch Risikosportarten wie Skifahren und Ballonfliegen, aber auch die Vieltrinker und -raucher, müssen sich zusätzlich privat versichern." Ein Anreizsystem für Ärzte löse das Problem nicht, sagte Hock. "Das Problem ist nicht, dass wir zu wenige Ärzte auf dem Land haben - wir haben zu viele Ärzte in der Stadt. Da muss eingeschränkt werden, ja krass gestrichen."
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