Kulmbach
Open-Air

Mittermeier treibt es "Wild" auf der Plassenburg

Michael Mittermeier seziert mit seinem aktuellen Programm die Lage der Welt und den kleinen Wahnsinn zwischendurch. 1350 Besuchern gefällt das.
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Manchmal, denkt Michael Mittermeier, hat die Welt einfach nur den Stinkefinger verdient - aber natürlich nicht sein treues Publikum. Der Comedian trat am Freitagabend vor 1350 Zuschauer auf der Plassenburg auf. Foto: Jochen Nützel
Manchmal, denkt Michael Mittermeier, hat die Welt einfach nur den Stinkefinger verdient - aber natürlich nicht sein treues Publikum. Der Comedian trat am Freitagabend vor 1350 Zuschauer auf der Plassenburg auf. Foto: Jochen Nützel
In einigen Momenten blitzt das spitzbübische Milchgesicht noch durch, bricht sich jene Kautschuk-Mimik Bahn, wie sie Michael Mittermeier vor über 20 Jahren bei seinem Erstling "Zapped" als durchgeknallter TV-Junkie dutzendfach aufsetzte. Das mag jetzt nicht mehr so recht passen zu den grauen Haaren. Der gebürtige Dorfener ist Ü50 - und nimmt auch das mit Humor. Jüngst heimste er den "Prix Pantheon" ein, den Bonner Satire-Preis, und zwar in der Kategorie "Reif & bekloppt" für seine Verdienste um den Comedy-Standort Deutschland.

Mittermeier und reif? Naja. Bisweilen kommt der Kindskopf durch - und seine Fans lieben ihn dafür. Bei seinem Auftritt am Freitagabend auf der Plassenburg demonstriert der Comedian, dass er noch immer "Wild" sein kann, wie es der Name des Programms verspricht. Wild werden kann er, und zwar fuchsteufels, wenn er dem Irrsinn der Welt in die Fratze zurücklacht - wie etwa bei jenen Selfie-Machern, die im besten Darwin'schen Ausleseverfahren und im Zuge des Eigen-Porträts höchstdämlich aus dem Leben scheiden. Oder Pokémon fangenden Kindern. Hier gelingt ihm gar der Sprung zur aktuellen brenzligen Polit-Lage. Die Türkei spielt das Spiel mit missliebigen Regime-Kritikern: "Sammeln, fangen - und weg damit! Putschemon Go quasi."

Ganz lassen mag er freilich nicht von den TV- und vor allem Kinolieblingen. Einer wie er, der sozialisiert wurde mit "Star Wars". Und so zieht sich die Weltraum-Sage wie ein roter Laserschwertpointer durch den Abend. Darth Vader war für ihn und seine Generation das personifizierte Böse. "Ich zucke heute noch zusammen, wenn in der Münchner U-Bahn jemand hinter mir ein Asthmaspray benutzt." Der Krieg der Sterne - das sei wie eine Art Religion gewesen, das Neue Testament jener Epoche vor 40 Jahren. Für manche jüngeren Gäste auf der Burg schob er zur Sicherheit die Erklärung nach, was Luke und Jesus unterscheidet: "Der eine war der Skywalker, der andere der Waterwalker. Nicht verwechseln."

Die Verehrung für die Sci-Fi-Helden geht so weit, dass Mittermeier beim Anblick eines vor einer Ampel wartenden schwarzen Smart mit getönten Scheiben an den Helm des Sith-Lords denken muss. "Ich wolle schon immer wissen, wie es im Kopf von Darth Vader aussieht. Also habe ich an der Scheibe geklopft. Drin saß ein kleiner alter Mann - und ich konnte nicht anders und sagte: ,Bei Rot anhalten Du musst!'"

Nicht immer funktioniert das Kopfkino beim Publikum so reibungslos. Bisweilen kramt Mittermeier im eigenen Archiv und zieht dabei auch olle Kamellen wie George W. Bush aus dem Texanerhut, dem man bei der Jubel-Arie in Albanien die Taschenuhr geklaut hat. Klischee, ick hör Dir trapsen...Warum er das tut? Es erschließt sich nicht wirklich, derlei Einsprengsel wirken bisweilen deplatziert und als unnötiges Streckmittel.

Dabei kann er es doch auch herrlich doppelbödig, ja richtig zynisch. Ein kleiner Geniestreich ist - gerade angesichts der Ereignisse um den G20-Gipfel in Hamburg - seine Schilderung jener Tage im bayerischen Schloss Elmau, als der G(7)-Punkt der Weltpolitik nicht Donald Trump, sondern Barack (The Waterwalker) Obama hieß. Mittermeier verbürge sich für eine wahre Geschichte aus jenen Tagen im Juni 2015. Ein Bekannter kenne den Bürgermeister von Krün bei Garmisch-Partenkirchen, jenem Ort des Spektakels um das Treffen der sieben mächtigsten Vertreter der Welt. Der Mann spricht keinen Satz Englisch, sollte aber für die Kameras einen kleinen Schwatz mit Obama führen, bevor der Schwarze zum Weißwurst-Essen (!) eingeladen wurde. Da es keine Tonübertragung gab, war es völlig egal, was der Rathauschef sagt; Hauptsache der Mund bewegt sich. "Das Problem ist nur: Direkt mit dem US-Präsidenten verbunden waren mehrere Scharfschützen, die in Bäumen saßen. Die hörten natürlich alles genau mit. Bei der kleinsten Bedrohung hätten die draufgehalten." Und dann seziert Mittermeier genüsslich, wie oft der Bürgermeister durch seine Gestik und sein Boarisch wohl nur knapp dem finalen Rettungsschuss in den Kopf entgangen ist und damit sein letztes Stündlein geschlagen hätte.

Apropos Stündlein: Die Turmuhr der Plassenburg, die zu jeder Viertelstunde ein unüberhörbares Läuten über den Schönen Hof schickt, reizt den Comedian zu einem witzigen Duell, das sich durch den ganzen Abend zieht. Angesichts der Tatsache, dass auf einem der Türme der Burg eine Zwiebelhaube thront, unkt Mittermeier sarkastisch: Wenn der IS sein neues Kalifat in Kulmbach erreichtet, dann passt sich dieser Teil der Wehranlage schon man den optischen Vorstellungen der neuen Herrscher an.
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