Kulmbach
Geschichte

Als ein weltbekannter Zirkus in Kulmbach Politik machte

Im Juni 1901 gastierte der jüdische Zirkus Lorch in Kulmbach. Mit einer Show zum Kolonialkrieg der Engländer in Südafrika traf er den Nerv der Zeit.
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Akrobaten auf dem Kulmbacher Marktplatz: Die Aufnahme aus dem frühen 20. Jahrhundert stammt vermutlich von Michel Weiß. Hermann Müller hat es auf einer alten Glasplatte im Wohnhaus des Künstlers entdeckt. Bekannte Artisten traten immer wieder auf dem Marktplatz auf: 1894 und 1897 sogar die weltberühmten Seiltänzer von Franz Knie. Foto: privat
Akrobaten auf dem Kulmbacher Marktplatz: Die Aufnahme aus dem frühen 20. Jahrhundert stammt vermutlich von Michel Weiß. Hermann Müller hat es auf einer alten Glasplatte im Wohnhaus des Künstlers entdeckt. Bekannte Artisten traten immer wieder auf dem Marktplatz auf: 1894 und 1897 sogar die weltberühmten Seiltänzer von Franz Knie. Foto: privat
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Zirkus mit Raubtieren ist tot. Das Gastspiel der Familie Althoff in Kulmbach vor ein paar Wochen hat es gezeigt. Die meisten Kommunen mogeln sich trickreich an der Vergabe eines Stellplatzes vorbei. Tierschützer veranstalten Mahnwachen und laufen gegen die Zurschaustellung exotischer Tiere und die nicht artgerechte Unterbringung Sturm.

Die Zirkusunternehmen behaupten, ohne Wildtiere blieben die Zuschauer fern - eine fragwürdige Argumentation, wenn man die Veranstaltungsgeschichte Kulmbachs betrachtet. Vom 3. bis 5. Juli 1901 gastierte der Zirkus Lorch in der Stadt. Die Kulmbacher erstürmten die Vorstellungen wegen der dort gezeigten brillanten Artistik und eines politisch heißen Programms.


Dach vollständig geschlossen


Bescheidenheit ist noch nie Haupttugend der Zirkusleute gewesen. "Größte Sensation der Gegenwart" heißt es im Vorfeld täglich in Inseraten. Die Innenstadt ist mit Farbplakaten zugeklatscht. Der Zirkus ist unter den vielen, die um die Jahrhundertwende aus dem Boden sprießen und bis in die zwanziger Jahre ihre große Zeit haben, einer der größten, talentvollsten und modernsten.

Als Erster verfügt er über ein Zelt mit vollständig geschlossenem Dach, das jeder Witterung trotzt und damit für bessere Einnahmen sorgt. Als der Zirkus am 3. Juli mit einem Sonderzug aus Erlangen ankommt, verfolgen Hunderte Neugierige den Aufbau des Zeltes neben der Rizzibräu am Bahnhof in der heutigen Kronacher Straße.
Das Programm lässt sich durch die Berichte im "Kulmbacher Tagblatt" und in den "Kulmbacher Nachrichten" genau rekonstruieren. Vor dem Beginn sorgt die Zirkuskapelle für Stimmung. Zum Auftakt dann klassische Pferdenummern. Danach Auftritt des "Corps de Ballet", gefolgt von Luft- und Seilartisten.


Clowns aus der ganzen Welt


Dazwischen bespaßen Clowns aus allen Herren Ländern die Menge. Die Lachnummern sind eine besondere Spezialität bei Lorch. Nicht nur ihre Blödeleien, Tänze und Jonglierkünste faszinieren die Zuschauer, auch ihr babylonischer Sprach-Mix. Die Lorch-Familie ist kosmopolitisch und polyglott wie kaum eine andere.
Die jüdische Tradition wird hochgehalten. Am Sabbat zum Beispiel erfolgt kein Auftritt, und selbst auf das Rauchen verzichten die meisten.

Dann die Hauptattraktion: der Kolonialfeldzug der Engländer gegen die Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Südafrikanische Republik. Der Krieg ist seit 1899 voll im Gange. Die Briten wollen die Bodenschätze der Region - Gold und Diamanten - ausbeuten und die Kapkolonie dem British Empire einverleiben. Mit einer Übermacht von 400 000 kampferprobten Soldaten gehen sie gegen die Buren vor, die eine Miliz mit 52 000 Mann aufgestellt haben.

Als der Zirkus Loch in Kulmbach gastiert, treibt der Krieg seinem Höhepunkt zu. Auf die Guerillataktik und die Sabotageakte der Buren reagiert General Lord Kitchener mit der Taktik der verbrannten Erde: Die Farmen werden abgefackelt, die Felder verwüstet, die Ernten vernichtet, Nutztiere erschossen. Frauen und Kinder werden in riesige "Concentration Camps" gebracht.


Krieg in der Manege


Dass der Zirkus einen brandaktuellen Krieg in die Manage bringt, ist überraschend. Vor allem auch wagemutig. Die deutsche Öffentlichkeit ist gespalten. Während sich die Bevölkerung mehrheitlich über die brutale Härte der Briten empört und dem Präsidenten von Transvaal, Paul "Ohm" Krüger, in Köln zujubelt, bleibt Kaiser Wilhelm II. demonstrativ neutral und empfängt ihn nicht in Berlin.

Es muss eine grandiose Show gewesen sein, wenn man dem Kritiker des "Kulmbacher Tagblatt" Glauben schenken kann: dramatisch, doch nicht reißerisch, ergreifend, doch nicht kitschig. Viele Zuschauer sind geschockt. Zirkusdirektor Louis Lorch hat die sieben Szenen des Stückes selbst einstudiert. 120 Artisten und drei Dutzend Pferde wirken mit. Gezeigt wird das große Sterben auf dem Schlachtfeld und dem Lande. Die Einzel- und Massenauftritte werden eindrucksvoll choreografiert: atemberaubende Kavallerie-Gefechte, Kampf Mann gegen Mann auf dem Pferderücken, Brandfackeln, die in Gehöfte geworfen werden, Zivilisten, die von Berittenen brutal abgeschleppt werden.


Endstation Auschwitz


Kurz nach dem Auftritt in Kulmbach arbeitet Louis Lorch an einer neuen Nummer, mit der sein Sohn Julius nach Tournee-Auftritten in Europa, Nord- und Südamerika Weltruhm erlangt: die fliegende Menschen, auch "Ikarier" genannt. Er bringt es fertig, auf dem Rücken liegend, seinen Sohn Egon dreimal hintereinander mit den Füßen nach oben zu stoßen, während dieser jeweils einen Doppelsalto vollführt.

Am 13. September 1930 muss der Zirkus Lorch Konkurs anmelden. 1933 wird er von den Nazis enteignet. Viele Mitglieder der Zirkusfamilie werden ins KZ Auschwitz abgeführt.
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