Ich willige einX

Diese Website verwendet das Besucheraktions-Pixel von Facebook für statistische Zwecke. Mit einem Cookie kann so nachvollzogen werden, wie unser Marketing auf Facebook wirkt und wie wir es verbessern können. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihr Einverständnis hierzu erteilen. Eine genaue Beschreibung zum „Besucheraktions-Pixel“, zu Cookies im Allgemeinen und Ihrem Widerspruchsrecht, das Sie jederzeit ausüben können, steht Ihnen in unserer Datenschutzerklärung unter hier zur Verfügung.

Geschichte

Wurde der "Hauptmann von Köpenick" in Kauernburg uraufgeführt?

Vor 110 Jahren lachte die halbe Welt über den falschen Hauptmann von Köpenisck. Dass er auch Kulmbach veränderte, wissen die wenigsten.
Heinz Rühmann in der Rolle des Hauptmanns bei der Besetzung des Köpenicker Rathauses. Die 1956, 50 Jahre nach dem Ereignis, gedrehte Komödie von Helmut Käutner zählt zu den Klassikern der Filmgeschichte. Foto: privat
 
von WOLFGANG SCHOBERTH
Es gibt Geschichten. Es gibt Geschichte. Und es gibt Geschichten, die so skurril sind, dass sie Weltgeschichte schreiben. Über das, was sich vor genau 110 Jahren in Köpenick zutrug, hat man nicht nur in der nahen Reichshauptstadt gelacht. Auf der ganzen Welt hatte man seinen Spaß. Und selbst der säbelrasselnde, gefährlich schnauzbärtige Kaiser Wilhelm II. nahm's mit Galgenhumor: "Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!"


Maskerade vom Trödelmarkt


Was war geschehen? Am 16. Oktober 1906 kaufte Wilhelm Voigt (57), ein Schuster, der eben aus dem Knast entlassen worden war, auf dem Trödelmarkt eine Hauptmanns-Uniform. In einer Toilette zog er sie an. In seiner Maskerade befahl er den nächstbesten Soldaten, ihm zu folgen.

Mit dem zehnköpfigen Trupp marschierte er im Köpenicker Rathaus ein, konfiszierte auf "allerhöchsten Befehl" die Stadtkasse mit knapp 4000 Mark. Den Kämmerer und den Bürgermeister Georg Langerhans ließ er verhaften.

Er selber begab sich nach dem Coup zum Bahnhof und entschwand in einem Regionalzug. Was man im Bezirk Tegel fand, waren der Säbel des falschen Hauptmanns und ein Karton mit seiner Second-Hand-Uniform.


Kulmbach spottet über Berlin


Der tollkühne Handstreich schlug ein. Da war es einem kleinen Mann gelungen, Militär, Polizei und die gebildete Beamtenschaft zu narren und den wilhelminischen Untertanengeist lächerlich zu machen. Seine Courage wurde bewundert. Die Presse stieg groß ein, Extra-Blätter wurden auf den Markt geworfen, Karikaturen und Spottgedichte erschienen.

Auch die "Kulmbacher Nachrichten" und das"Kulmbacher Tagblatt" berichteten ab dem 18. Oktober 1906 täglich spaltenlang über das Husarenstück und die fieberhafte Jagd nach dem falschen Hauptmann. Spürbar war, dass die Journalisten, und gewiss auch ihre Leser, an der Blamage Berlins nicht nur klammheimliche Freude hatten. Genüsslich breiteten die "Kulmbacher Nachrichten" am 20. Oktober das "ungeheuere Hohngelächter" aus, "das an allen Ecken und Enden ausbricht". Um dann spitz zu enden: "Ei, ei, ihr Herren von Köpenick. So nahe an Berlin, der Metropole der Intelligenz, und doch so leicht düpiert von dem ersten besten hergelaufenen Subjekt."


Uraufführung in Kauernburg?


Der Kulmbacher Klub "Waldlust" muss sofort die Idee gehabt haben, die Komödie auf die Bühne zu bringen. Sein Vorsitzender Ernst Merk, ein Maschinenmeister, machte sich gleich ans Werk und schrieb eine Posse in drei Akten. Am 3. November erfuhren die Kulmbacher Zeitungsleser den Premierentermin: 18. November im Kauernburger Schlösschen. Vielleicht deutschlandweit die erste Aufführung der Köpenickiade. Wenige Stunden später war der Saal bereits ausverkauft.

Leider hat sich die Spielfassung nicht erhalten. Man wüsste heute zu gerne, wie sie ausgeschaut hat, 25 Jahre bevor Carl Zuckmayer sein berühmtes Stück schrieb, das zum Kassenschlager wurde, bis die Nazis den Schriftsteller als "Asphaltliteraten" diffamierten und das Stück von der Bühne verbannten. 1956, 50 Jahre nach dem Köpenicker Vorfall, wird dann Helmut Käutner den Stoff mit Heinz Rühmann in der Titelrolle verfilmen und dem Hauptmann cineastische Unsterblichkeit verleihen.


Vorwurf des Amtsmissbrauchs


Durch die Desavouierung der Berliner Autoritäten witterten auch die kleinen Leute in Kulmbach ihre Chance, gegen die Obrigkeit aufzubegehren. Zwei Wochen nach dem Vorfall bezichtigte der Brauereiarbeiter Andreas Reuter Bürgermeister Wilhelm Flessa des Amtsmissbrauchs. Er habe Unternehmern amtliche Dokumente zugesteckt und damit die Arbeiterschaft verraten.

Reuther rief zu einer Volksversammlung am 4. November 1906 im Geutherschen Saal auf. Über die genauen Hintergründe soll Michael Goller, ein Gewürzhändler aus dem Oberhacken, referieren. Er hatte 1902 einen SPD-Ortsverein gegründet und war der politische Kopf der sich formierenden Arbeiterschaft.

Der Stadtmagistrat, dem Flessa vorstand, ließ sich die Provokation nicht gefallen. Er verhängte ein polizeiliches Verbot. Doch die SPD-Anhänger ließen sich nicht mundtot machen. Im Gegenteil: Sie luden den prominentesten bayerischen Sozialdemokraten nach Kulmbach ein: Max Süßheim, gebürtiger Kronacher, Landtagsabgeordneter, Mitglied des Staatsgerichtshofs, brillanter Jurist und Rhetoriker. Wenige Stunden vor der Aufführung des "Köpenick"-Stücks in Kauernburg sprach er im Saal Geuther über die "Feinde der Arbeiterbewegung".


Bierstadt aufgemischt


Die Kampfbereitschaft der SPD trug Früchte. Bei der anstehenden Landtagswahl am 31. Mai 1907, erstmals eine Direktwahl, erreichte Goller mit 2178 Stimmen den dritten Platz hinter Kommerzienrat Wilhelm Meußdoerffer und dem Hummendorfer Gutsbesitzer Luitpold Weilnböck.

Kein Zweifel: Der falsche Hauptmann hatte Kulmbach kräftig aufgemischt.
Newsletter kostenlos abonnieren





Bitte melden Sie sich an, um kommentieren zu können:
Benutzer     Passwort    

Sie sind noch nicht registriert? Bitte hier registrieren.