Kulmbach
Engpass

Tierheim Kulmbach: Ohne Futterspenden geht's nicht

Jede Sammelbox ist wichtig für die Verantwortlichen im Tierschutz. Denn nicht nur die Versorgungskosten steigen, sagt Tierheimleiterin Susanne Schilling.
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Im "Fressnapf" dürfen sich die Mitarbeiterinnen Adriana Schade (links) und Christine Streich über reichlich Futterspenden freuen. Foto: Jochen Nützel
Im "Fressnapf" dürfen sich die Mitarbeiterinnen Adriana Schade (links) und Christine Streich über reichlich Futterspenden freuen. Foto: Jochen Nützel
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Im Eingang des Discounters steht sie. Rechteckig, 1,40 Meter hoch, ein Drahtgeflecht mit einem Einwurf oben für Futterspenden. Unten ein Schild, das auf den Zweck verweist: Das Tierheim Kulmbach bedankt sich bei den noblen Gebern. Die Spendenbox in der Landkreisgemeinde Neudrossenfeld ist eine von vielen und bislang gut angenommen worden, wie Tierheimleiterin Susanne Schilling sagt. "Binnen drei Monaten kamen 250 Kilogramm zusammen." Die Kunden sammelten fleißig, Marktleitung und Mitarbeiter standen hinter der Sache.
Dann aber folgte eine Anordnung - offenbar von ganz oben, aus der Konzernzentrale: Die Spendenbox muss weg; angeblich störe sie den optischen Gesamteindruck. Kopfschütteln bei den Gewerbetreibenden vor Ort, Ratlosigkeit und Wut bei den Tierfreunden. Auf Facebook kocht die Diskussion hoch. Schließlich vor zwei Wochen Entwarnung seitens der Discounter-Belegschaft: Die Box darf stehen bleiben.


Etwa 20 Prozent abgedeckt

"Für uns ist das eine ganz wichtige Entscheidung", betont Susanne Schilling. "Ohne solche privaten Futterspenden könnten die Hunde, Katzen, Hasen und Meerschweinchen bei uns nicht versorgt werden." Die Tierheimleiterin schätzt, dass durch die Spenden etwa 20 Prozent des Futterbedarfs gedeckt werden. Unter anderem stehen solche Behältnisse in Supermärkten und Discountern.

Aber auch im Handel für Tierbedarf wie dem "Fressnapf" in Kulmbach. Dort ist es für die Mitarbeiter eine Selbstverständlichkeit, für die Vierbeiner im Tierheim zu sammeln. Bei jeder eingeworfenen Packung ertönt ein "Wuff! Danke!" Es gehört zur Firmenphilosophie, die Spendenbox nicht nur zu haben, sondern auffällig am Eingang zu positionieren.

Susanne Schilling betont aber auch, dass es Unternehmen gibt, "die das prinzipiell nicht wünschen. Wirkliche Begründungen dafür gibt es nicht, zumindest keine stichhaltigen. Aber wir respektieren das natürlich." Das gespendete Futter kommt übrigens auch der Versorgung verwilderter Katzen im Landkreis zugute. "Wir verteilen das an Privatpersonen, die sich um die kastrierten Tiere kümmern, die nicht im Tierheim aufgenommen werden können, weil sie zu scheu sind zum Vermitteln."


Kosten im sechsstelligen Bereich

Ob Sachspende oder finanzielle Zuwendung: Bei laufenden Kosten von bis zu 170 000 Euro pro Jahr sind die Tierheimbetreiber auf Unterstützung angewiesen. Ohne käme man definitiv nicht über die Runden. Die Einnahmen für das Tierheim speisen sich aus mehreren Quellen. Da sind zunächst die Zuwendungen aus der kommunalen Pflichtaufgabe (siehe Artikel unten). Weitere Möglichkeiten bestehen über Tier-Patenschaften. "Die laufen sehr gut", sagt Susanne Schilling.

Jeder, der einen Hund oder eine Katze abholt, muss dafür eine Schutzgebühr entrichten. Für Katzen werden 70 Euro fällig, für Hunde etwa 180 Euro. "Man muss bedenken, dass wir hier in Vorleistung getreten sind", sagt die Leiterin und zählt auf: Jeder Hund wird geimpft, entwurmt und gechipt. Bei Katzen geht vor allem die Kastration ins Geld. "Das allein kostet mehr, als die Schutzgebühr bringt. Und Hund und Katze brauchen Futter. Für jede Woche, die das Tier im Heim ist, wird die Deckungslücke für uns größer. Ganz abgesehen davon, sollten außerplanmäßige Tierarztkosten bei Erkrankungen dazu kommen."

Natürlich überlegten die Mitarbeiter, ob und wo sich Gelder einsparen ließen. "Wir könnten auf das Kastrieren von verwilderten Katzen verzichten. Aber was wäre damit langfristig gewonnen?", fragt die Leiterin. "Es würde immer mehr Streuner geben, die womöglich früher oder später bei uns landen."

An eine andere Alternative will Susanne Schilling gar nicht denken: "Wir könnten Abgabetiere abweisen, also Katzen oder Hunde, die zum Beispiel wegen des Todes ihres Besitzers niemanden mehr haben und dann zu uns kommen." Zur Aufnahme von Fundtieren, beispielsweise ausgesetzten Hunden, ist der Tierschutzverein verpflichtet. "Insofern sind wir darauf angewiesen, durch Aktionen wie unser Tierheimfest oder den monatlichen Flohmarkt zusätzliche Gelder zu akquirieren." Um die Spendenbereitschaft sei es hierzulande gut bestellt, sagt Susanne Schilling. Die eine oder andere größere Zuwendung wie etwa durch Erbschaften füllt das Konto zusätzlich auf, in der Vorweihnachtszeit spült die Glühwein-Aktion in der Kulmbacher Langgasse Geld in die Kasse.Was den Tierbestand angeht, so vermeldet das Heim "absolute Überfüllung bei den Katzen", wie Susanne Schilling angesichts von etwa 60 Stubentigern erklärt. Dazu kommt ein hoher Besatz bei Kleintieren wie Kaninchen, Ratten und Chinchillas. Lediglich bei den Hunden sind die Reihen überschaubar.


Hundevermittlung via Ungarn

Über den Tierschutz sind Hunde auch aus Ungarn zu bekommen. Das Tierheim pflegt seit einem Jahr eine Kooperation mit dem Verein "Tierheimleben in Not", der Vierbeiner sogar aus Tötungsstationen holt. "Die Leute dort machen einen Top-Auslandstierschutz, übernehmen pflichtgemäß die Impfungen und treffen alle Vorbereitungen für einen tiergerechten Transport nach Deutschland. Das kostet uns nichs. Aber wir sind natürlich bestrebt, dass Hunde aus unserer Region im Notfall einen Platz finden. Da soll keiner zurückgewiesen werden müssen."

Ohne fleißige Helfer und Gönner geht es nicht - das weiß auch Wolfgang Hain. Er steht seit 2014 an der Spitze des Tierschutzvereins Kulmbach und Umgebung, ist seit fast zehn Jahren Vorstandsmitglied. "In den vergangenen sechs Jahren kamen wir fünf Mal mit einem Minus in der Endabrechnung raus und nur einmal null für null." Die Lücke in der Bilanz war bisweilen so immens, dass der Griff in die Rücklagen notwendig wurde. Bis zu 30 000 Euro Unterdeckung mussten dadurch ausgeglichen werden.
Eine "schwarze Null" wäre schon ein Erfolg, sagt Hain. "Wenn wir mehr Mitglieder hätten, würde uns das weiterhelfen. Aber die Bereitschaft zum Engagement hat leider abgenommen." Der Tierschutzverein stellt jedem Interessierten den Jahresbeitrag frei; Minimum sind es 30 Euro. "Damit sind zumindest schon mal die Verwaltungskosten gedeckt." Momentan seien noch Rückstellungen vorhanden. "Aber die sind in ein paar Jahren aufgebraucht. Wenn wir nicht zusätzliche fest kalkulierbare Einnahmen generieren, können wir in der aktuellen Situation auf Dauer nicht überleben, das muss man klar sagen."


Die Kosten

Zu den größten Kostenposten im Tierheim zählen: Mitarbeitergehälter; Nebenkosten für Wasser, Strom, Müll, Heizung, Fahrzeug(e); Aufwendungen für Tierarztbehandlungen/Medikamente und Futter; ferner Instandhaltung und Erneuerungen am Gebäude und Gelände. Pro Jahr kommen so rund 150 000 bis 170 000 Euro zusammen, sagt Hain. Davon sind allein für Tierarztkosten 30 000 Euro einzukalkulieren. Die Löhne für die vier Angestellten (die Tierheimleitung ist eine Vollzeitkraft, dazu zwei Halbtags- und eine Teilzeitkraft) betragen 30 000 Euro pro Jahr. Das Tierfutter mache in etwa die gleiche Summe aus.


Die Einnahmen

Das Tierheim finanziert sich unter anderem durch Mitgliedsbeiträge. In Kulmbach laufen etwa 16 000 Euro pro Jahr auf, rechnet Hain vor. Dazu kommen Spenden und Patenschaften, Abgabe- und Vermittlungsgebühren sowie die Erlöse aus besonderen Aktionen. Geld gibt es ferner von Stadt und Landkreis in Form einer Umlage: Diese beläuft sich (nach einer Erhöhung 2014) auf mittlerweile 50 Cent pro Einwohner. Macht rund 30 000 Euro bei etwa 60 000 Einwohnern.
Der Deutsche Tierschutzbund hat ausgerechnet: Der Satz müsste auf bis zu 1,50 Euro steigen, um die Kosten für ein Fundtier tatsächlich zu decken. Bei einer Katze sei realistisch mit einem Tagessatz von sechs Euro zu rechnen, zwölf Euro seien es beim Hund.
Tierheime werden in Deutschland entweder von Städten geführt oder über einen Trägerverein. Städtische Tierheime sind aber mittlerweile die Ausnahme und nur noch in Ballungsgebieten wie Berlin oder München zu finden.
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