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Geschichte

Stimmen aus dem Krieg

Jutta Lange beschäftigt sich seit Jahren mit dem Schicksal von Vertriebenen, die nach 1945 in Kulmbach Fuß gefasst haben. Aktuell sind Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika dazu gekommen. Entstanden ist ein erschütterndes, sehr persönliches Buch. Am kommenden Dienstag stellt die Autorin ihr Werk der Öffentlichkeit vor.
Abtransportiert im offenen Viehwaggon: Ilse Pfitzner hält die Vertreibung aus ihrer Heimatstadt Jägerndorf im Juli 1945 in einer Skizze fest.
 
von WOLFGANG SCHOBERTH
"Krieg ist Scheiße!" so drastisch hat der vor ein paar Tagen verstorbene Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt immer wieder gesagt. Und von "Scheißkrieg" spricht auch Jutta Lange in dem Vorwort zu ihrem Büchlein "50 Kilo aus deinem bisherigen Leben". Man mag dies als derb empfinden, doch es ist genau das, was der Verfasserin angesichts von Gewalt, Terror, Misshandlung einst und heute auf der Seele liegt.
Für ihre Beschäftigung mit dem Elend der Flüchtlinge gibt es einen Auslöser: die Nuklearkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011, als von einem Tag auf den anderen 170 000 Menschen aus der verstrahlten Zone evakuiert und in weit entfernte Notunterkünfte gebracht wurden.
Just zu diesem Zeitpunkt stößt die Kulmbacherin auf die Tagebuchaufzeichnungen der 12-jährigen Edeltraud Specht, die die Flucht aus Niederschlesien nach Kulmbach minuziös festhält. Sie versteht die Welt nicht, Freunde, Nachbarn, Tiere, die heißgeliebte Heimat verlassen zu müssen. Doch das Kind hat eine naive Hoffnung, die es mit vielen Erwachsenen teilt: "Wenn der Krieg vorbei ist, können wir alle wieder heim."


Gräuel bei Kriegsende

Jutta Lange ist von Edeltrauts Tagebuch gebannt, möchte die Verfasserin kennen lernen. Als sie sie endlich aufspürt, ist sie tot. Ihr Mann kann ihr einige Erinnerungsstücke übergeben, darunter eine besondere Kostbarkeit: die Aufzeichnungen des Gendarmeriemeisters Ernst Hoeppe.
In erschreckend kühlem Beamtendeutsch beschreibt er Gräuel bei Kriegsende: erfrorene Kleinkinder, die von den durchziehenden Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen einfach in den Schnee geworfen worden sind. Eine Soldateska aus Russen, Tschechen, "fremdländischen Völkern", die die Bewohner ausraubt, aus den Häusern treibt und viele Frauen, manchmal noch Kinder, vergewaltigt. Nicht minder brutal verhalten sich die versprengte Deutsche: "Sie schreckten nicht davor zurück, mit der Waffe in der Hand ihren Willen durchzusetzen."
Auch Ilse Pfitzner stellt ihr Tagebuch zur Verfügung. Sie hält darin fest, wie sie als 19-Jährige die Evakuierung und nachfolgende Besetzung ihres Heimatortes Jägerndorf (Sudetenland) durch die Russen erlebt. Die Männer werden in die Eisenwerke nach Witkowitz gebracht, die Frauen in offene Viehwaggons gequetscht und nach Westen verschoben. Den Albtraum, der ihr lebenslang nicht weicht, hat sie im Juni 1945 in einer Skizze festgehalten.
Da Jutta Lange die Erfahrungen der Menschen möglichst authentisch wieder geben möchte, montiert sie jeweils längere Passagen der Aufzeichnungen. Sie verzichtet auf besserwisserische Kommentare und lässt die Menschen sprechen. Das gilt auch für die vielen Gespräche mit Flüchtlingen, die sie geführt hat: zum Beispiel Ernestine Döring, Renate Kneifel, Günter Trotzke. Sie hört zu, protokolliert, bringt Unerhörtes in nüchterne Sprache.


Gesprengte Brücken

Besonders unter die Haut geht Eva Flanderkas dramatische Flucht von Tiegenhof, einem idyllischen kleinen Ort an der Danziger Bucht in Westpreußen. Als 17-Jährige erlebt sie, wie sich ihre Familie vor den anrückenden Sowjets einem Flüchtlingstreck anschließt, in der Hoffnung, sich über die Weichsel in Sicherheit zu bringen. Doch die Brücken sind schon gesprengt. So schlagen sie sich zur Frischen Nehrung durch und erhalten einen letzten Platz auf der mit 10 000 Menschen völlig überladenen "Goya". Am 15. April 1945 erreichen sie Kiel. Einen Tag später wird das Frachtschiff bei seiner Rückfahrt von einem russischen U-Boot versenkt. 7000 Menschen ertrinken in den Fluten.
Wenn sich die Flüchtlinge aus den Ostgebieten retten können, dann mit nur ein paar wenigen Habseligkeiten - ein kärglicher Rest von dem, was ihnen einst Heimat und Zuhause gewesen ist. Der Titel des Büchleins "50 Kilo aus deinem bisherigen Leben" möchte anspielen auf die Weisung des Potsdamer Abkommens, nur 50 Kilo Gepäck mitnehmen zu dürfen.


Hoffnung auf normales Leben

Eine "neue Heimat" hat man damit noch nicht gefunden. Das bleibt ein langwieriger Prozess, der vielleicht durch Sesshaftwerden, Arbeit und Familiengründung positiv verläuft. Doch der Verlust der Heimat schmerzt lebenslang.
Die Zerrissenheit lässt sich auch bei den neuen Flüchtlingen beobachten, die aktuell dazu gekommen sind: eine syrische Familie und zwei junge Somalier, die über Äthiopien, den Sudan, Libyen, Mittelmeer, Italien nach Deutschland gekommen sind. Sie führen Hoffnung im Gepäck - die Hoffnung, ein "ganz normales Leben" führen zu können.
Für mich in dem Buch am stärksten berührt hat, sind die Stimmen der Kinder. Sie sind die eigentlichen Opfer des Krieges, die dem Morden und der Gewalt sprach- und verständnislos gegenüber stehen. Ihre stumme Klage richten sie nicht selten an ihre Spielfiguren, wie die kleine Friederike Köstner aus Gleiwitz an ihre lockenköpfige Puppe Paula. Die zwinkert ihr mit ihren blauen Schlafaugen zu: "Es wird schon alles gut!"
Die dreijährige Isolde Rothkegel, die mit ihren Eltern aus Kaschnitzberg (ehemaliges Sudetenland) vertrieben wird, klammert sich an die alte Zompel. Eine hässliche Strickpuppe mit Blechkopf, die mit ihr spricht, ihr Trösterin und Nothelferin wird.

Buchvorstellung Dienstag, 24. November, 19 Uhr, Buchhandlung Friedrich, Grabenstraße, Kulmbach

Spende 5 Euro pro verkauftes Exemplar gehen an die UNICEF-Nothilfe, die überall dort auf der Welt zum Einsatz kommt, wo Kinder unter Kriegen leiden oder auf der Flucht sind, wo Hunger herrscht oder Naturkatastrophen ihr Überleben gefährden. Allein unter dem seit mehr als vier Jahre andauernden Bürgerkrieg in Syrien leiden rund 14 Millionen Kinder und Jugendliche.

Das Buch Jutta Lange: 50 Kilo aus deinem bisherigen Leben. Gespräche, Aufzeichnungen, Protokolle über die Flucht. Verlag Leben in der Sprache. 9,80 Euro. ISBN 978-3-940911-57-5.


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