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Vortrag

Rüdiger Nehberg: vom Würmerfresser zum Verdienstkreuzträger

Rüdiger Nehberg gilt als der Abenteurer schlechthin. Dabei hat "Sir Vival" mehr zu bieten als Würmer fressen, wie die Menschenrechtsaktionen belegen.
Viele hielten Rüdiger Nehberg schlicht für einen Bekloppten - aber seine Survival-Abenteuer sind legendär. Davon berichtete der 81-Jährige im Bayreuther "Zentrum" vor 170 begeisterten Zuhörern. Foto: Kay Nittfeld/dpa
 
von JOCHEN NÜTZEL
Das dunkelhäutige Mädchen, acht Jahre alt, sitzt auf dem Boden der Hütte und strahlt. Es hat ein neues geblümtes Kleidchen bekommen extra für diesen Tag, an dem es zur Frau werden soll. Im gleichen Raum tunkt eine alte Dame mit brüchigen, rot lackierten Fingernägeln eine Rasierklinge in saure Milch; Sterilisation auf Äthiopisch. Zwei Erwachsene treten hinzu, legen das Mädchen auf eine Decke, setzen sich auf seine Arme und Beine. Das Lachen weicht der Furcht. Die Alte nähert sich mit der Klinge dem Unterleib der Heranwachsenden. Schreie. Tränen. Blut. Die Prozedur dauert wenige Minuten. Das Mädchen wird lebenslang gezeichnet sein. Wenn es denn überlebt.

Rüdiger Nehberg erspart am Donnerstagabend den Zuhörern im Bayreuther "Zentrum" die furchtbarsten Bilder seines Videos aus dem Jahr 2000. "Meine Frau, die dabei war, hat heute noch Albträume davon." Genitalverstümmelung im Namen Allahs: Wie können Menschen diesem unmenschlichen Treiben tatenlos zuschauen, es auch noch in Einklang bringen wollen mit dem Koran? Die Frage treibt den gebürtigen Bielefelder seit 15 Jahren um.


Von Torten zu Torturen

In diesen Momenten ist beim Vortrag des 81-Jährigen nichts zu spüren vom trockenen Humor des gelernten Konditormeisters. Früh in seinem Leben hatte Nehberg Torte mit Tortur getauscht und in lebensgefährlichen Aktionen im Urwald und auf dem Meer bewiesen, dass er nicht aus Zucker ist. Der Abenteurer, der zum Menschenrechtler wurde, muss in seinen Schilderungen nicht zwischen den beiden Polen seiner Persönlichkeit zu differenzieren, denn: Es gäbe den Menschen- und Naturschützer Nehberg ohne den Überlebenskünstler gar nicht.

Seiner Neugier auf die Welt war und ist es zu verdanken, dass er den Genozid an den Yanomami-Indianern im brasilianischen Regenwald aufdeckte. Von seinen Reisen in den Amazonas-Dschungel brachten er und sein Kameramann jene Bilder mit, die bewiesen, wie Goldschürfer den wertvollen Boden wegspülten, Tonnen von Gift ins fruchtbare Erdreich brachten und "die Affen", wie sie die Ureinwohner verächtlich nannten, für sich schuften ließen oder wahlweise umbrachten, wenn sie dem - laut Staatsverfassung illegalen - Geschäft im Weg waren.

Quasi en passant kam er auf einer seiner Reisen auf die Spur der Genitalverstümmelung. Die Begegnung mit der jungen Aischa, die vor den männlichen Häschern aus ihrem Dorf geflohen war, und später das Buch "Wüstenblume" von Waris Dirie ließen den Umtriebigen nicht ruhen. "Meine Frau, die Arzthelferin ist, und ich erfuhren, dass dieses Schicksal täglich 8000 Frauen und Mädchen betrifft, in den allermeisten Fällen Muslima. Da packte mich die Wut. Wie kann eine Weltreligion wie der Islam sich das unwidersprochen in die Schuhe schieben lassen?" Ihm war klar: Er muss die höchsten religiösen Würdenträger zusammenbringen, um dem Irrsinn ein Ende zu setzen.

Wer Nehberg kennt, der weiß: Was nach Schnapsidee, ja schierem Wahnwitz klingt, mündet bei ihm in ernsthaftes Bemühen, nicht weniger als in die Speichen des Weltenrades greifen zu wollen. "Wir gründeten den eigenen Verein TARGET, um unabhängig von Bedenkenträgern zu sein. Die beste Entscheidung meines Lebens."
Was die UNO und Amnesty International nicht schafften, gelang dem Konditor aus Hamburg: Selbst die Hardliner im Zehner-Gremium, vom Scheich bis zum Mufti, unterzeichneten 2006 in Kairo das Papier, das Beschneidung bei Mädchen ächtet und unter Strafe stellt. Als Beleidigung der Schöpfung Allahs.

Ein Schriftstück ist das eine - seinen Inhalt in den hintersten Winkeln des schwarzen Kontinents zu verbreiten eine Herkulesaufgabe. "Eigentlich dürfte ich jetzt gar nicht hier in Bayreuth stehen, sondern müsste mich auf die Socken machen. Es fehlen noch 30 Länder, in denen ich das Abkommen, die Fatwa, zu den Menschen bringen muss." Jetzt lächelt der 81-Jährige sein Hanseatenlächeln. Sein Körper wippt vor und zurück. Er wirkt wie der Tiger: immer auf dem Sprung. In Gedanken plant er gerade die nächste "Karawane der Hoffnung", wie er es nennt, durch den Niger, den Tschad, Somalia, Oman.


Reminiszenz ans frühere Leben

Vor ihm auf der Bühne lodert ein Lagerfeuer-Imitat - aus Stoff und Flacker-LED. Ein Buschmesser steckt im Holzblock. Insignien des Überlebenskünstlers Rüdiger Nehberg, wie Reliquien aus einem früheren Leben, als er noch zum Probewürgen mit der Felsenpython antrat, als "Würmerfresser der Nation" galt und sich, nur mit einem Messer bewaffnet, allein im Urwald absetzen ließ. Das Film- und Bildmaterial, das über die Leinwand flimmert, zeugt mit seinen Rucklern und Rissen vom Alter der Aufnahmen. Nur ein vergilbtes Bild existiert vom Fahrrad, mit dem Nehberg als 17-Jähriger nach Marrakesch radelte, um Schlangenbeschwörer zu werden. Bewegtbilder zeigen ihn als jungen Mann in der Matschgrube, bei den Bundeswehr-Kampfschwimmern in Eckernförde und mit seiner Frau Annette bei der Einweihung ihrer Klinik in Afrika sowie der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2008, bei der"Sir Vival" Bundespräsident Horst Köhler begeistert abknutschte.
Großer Applaus im "Zentrum" als Anerkennung für eine Lebensleistung, die vermeintlich gar nicht in die Spanne eines einzigen Lebens passen kann. (Ein ausführliches Interview gibt es unter www.infranken.de.)
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