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Interview

Rüdiger Nehberg: eine Weltreise in Worten

Er gilt als "Sir Vival": Rüdiger Nehberg ist der Überlebenskünstler schlechthin. Im Bayreuther Zentrum erzählt er darüber am 20. Oktober ab 20 Uhr.
Er kennt die Hai-Society ebenso wie die Urvölker der Welt: Rüdiger Nehberg berichtet in Bayreuth aus seinem bewegten Leben. Foto: privat
 
von JOCHEN NÜTZEL
Früher als Konditor in Hamburg erfolgreich, wusste Rüdiger Nehberg sehr früh, dass er definitiv nicht in den engen angepassten Formen der genormten bürgerlichen Karrierewelt leben wollte. Und so verbrachte und verbringt er sein Leben damit, sich Träume zu erfüllen. Träume, die ihn bisweilen an die Grenzen seiner körperlichen und seelischen Leistungsbereitschaft führ(t)en. Einer wie er, der hat was zu erzählen - das tut er am Donnerstag, 20. Oktober, ab 20 Uhr im Bayreuther Zentrum (Tickets gibt es überall an den Vorverkaufsstellen oder online unter reserviX.de, eventim.de oder okticket.de).

Wir haben uns mit dem 81-jährigen gebürtigen Bielefelder unterhalten.


Herr Nehberg, wie oft hat es Sie - den gelernten Konditor - mitten im Urwald schon nach einer Ihrer Torten gelüstet?
Oft. Aber Bananensuppe stand den Torten nichts nach. Selbst dann nicht, wenn sie mit Totenasche der verstorbenen Yanomami-Indianer gemischt war. Nur die Farbe war unappetitlich.

Wann sind Sie das letzte Mal verzweifelt, als Sie die Nachrichten verfolgten?
Eben und gestern und vorgestern. Und morgen. Wenn's anders kommt, stimmt etwas nicht mit der Menschheit.

Als Sir Vival wird man nicht geboren. Wann hat Sie das Fernweh gepackt?
Im achten Monat der Schwangerschaft meiner Mutter. Ich hielt es in der Enge ihres Leibes nicht mehr länger aus und kam als Frühchen. Zum Kummer meiner Mutter erhielt ich dadurch ein anderes Sternzeichen. Weiter ging's mit vier. Da wollte ich meine Großmutter am anderen Ende Bielefelds besuchen. Ich verlief mich, übernachtete unter einem Rhododendronbusch. Passanten zeigten mir morgens den Weg zur Polizei und die den Weg nach Hause. Meine Art, Eltern glücklich zu machen.

Mittlerweile ist eine Survival-Branche in Deutschland aufgekommen. Hand aufs Herz: Sind Outdoor-Janker und "Funktionsunterwäsche" in unseren Breitengraden nicht in etwa so lächerlich wie der Hausfrauen-SUV in der gepflasterten Einfahrt?
Diese Schicki-Micki-Absurditäten waren noch nie mein Ding. Ich bin Pragmatiker, der notfalls auch ohne Ausrüstung in der Natur klar kommt. Wie jeder Indianer oder jedes freilebende Tier. Ein Stein wird dann zum Handbeil. Das Handbeil zaubert einen Grabstock. Der verschafft die Nahrung und eine Höhle, um warm über die Nacht zu kommen. Als mich vor wenigen Jahren ein Hubschrauber im brasilianischen Regenwald ausgesetzt hatte, ohne Nahrung und Ausrüstung, stand ich nach drei Wochen wieder auf der Matte der Zivilisation. Orgiastisch.

Sie galten schon mehrfach als verschollen, sind dann aber wieder aufgetaucht. In welcher Situation mussten Sie ernstlich befürchten, dass das letzte Stündlein geschlagen hat?
Am Blauen Nil in Äthiopien, als wir drei Freunde frühmorgens von etwa einem Dutzend vermummter bewaffneter Männer überfallen wurden. Als Michael sie begrüßen wollte, schossen sie ohne Anruf. Ihn trafen sie in den Kopf. Wir anderen beiden hatten im ersten Moment Glück. Die Kugeln, die uns gegolten hatten, verfehlten ihr Ziel. Bevor die Männer nachladen konnten, hatten wir bereits zurückgeschossen. Denn unter unseren Hemden trug jeder Tag und Nacht einen Überlebensgürtel. Dazu zählte ein Revolver. In solchen Notwehrsituationen hat er den Vorteil, dass man ihn nicht erst entsichern muss: man zieht und drückt ab. Die Angreifer flohen und wir entkamen über den Fluss unter Zurücklassung der gesamten Ausrüstung. Nach fünf Tagen waren wir in Sicherheit. Die Täter haben wir anschließend gefangen. Diese fünf Tage waren Panik ohne Ende.

Stimmt es, dass Sie Angst vor Wasser haben und sich trotzdem mit dem Tretboot über den Ozean wagten?
Ja, auch mit einem Bambusfloß und einem massiven Baumstamm (heute im Technik-Museum, Speyer). Ich kenne jetzt jeden Breitengrand persönlich. Die Angst war ja gerade eine der besonderen Herausforderungen. Vor jedem Vorhaben analysiere ich bestmöglich die denkbaren Gefahren und stelle mich darauf ein. Die Angst vorm Wasser haben mir die Kampfschwimmer abtrainiert. Durch sie erhielt das Wasser Balken. Ich bin nicht gefahren, sondern über den Ozean gewandert (aber das nur vertraulich!).Außerdem war ich chronisch seekrank und hatte keine Ahnung von Seenavigation. Es gibt Piraten und Stürme. Wenn ich das auch noch erkläre, wird das zu ausschweifend.

Ihre erste Tour führte Sie nach Marokko. Afrika scheint Ihr besonderes Interesse geweckt zu haben. Sehen Sie für den schwarzen Kontinent auch schwarz?
Pechschwarz mit nur sehr wenigen hellen Schattierungen.

Wem würden Sie mit welcher Begründung einen Orden verleihen?
Prof. Michael Braungart. Der Mann arbeitet erfolgreich an der Vision, dass sämtliche menschgemachten Produkte wiederverwendbar hergestellt müssen. Projektname "Cradle to Cradle", "Wiege zu Wiege". Eines seiner Wunderprodukte ist der Teppich, der recycelt essbar wird. Fehlt nur noch, dass der besser schmeckt als Bananensuppe. Gegen Visionär Braungart bin ich ein Waisenknabe.

Wenn Sie sich selber einschätzen sollten: Was hat das Leben als Globetrotter aus Ihnen gemacht?
Was mit Neugier auf die Welt, Abenteuerlust und Freude am Risiko begann, änderte sich, als ich Augenzeuge schlimmer Verbrechen wurde und mich entschloss, dagegen Front zu machen. Ich tauschte Torten gegen Torturen und wurde Aktivist für Menschenrechte. Beim ersten Mal war es der drohende Völkermord am letzten Urvolk Amerikas, den Yanomami-Indianern in Brasilien. Das Engagement hat fast zwei Jahrzehnte gedauert. Als sie 2000 einen akzeptablen Frieden erhielten, hat sich mein Interesse verlagert. Es wurde und ist der Kampf gegen das Verbrechen Weibliche Genitalverstümmelung. Mit survivalmäßiger Strategie: nämlich eigener Organisation (das erspart Ewigdiskussionen), dem Islam als Partner und spektakulärem Erfolg. Über den Islam erreichen wir 80% der täglich 8000 Opfer (Uno).
2006 durften meine Frau und ich im Heiligtum der Sunniten, der Institution Al-Azhar zu Kairo (vergleichbar mit dem Vatikan der Katholiken) eine internationale Gelehrtenkonferenz durchführen. Großmufti Ali Gom"a hatte dafür die Schirmherrschaft übernommen. Der Beschluss, die Fatwa, wird als historisch eingestuft: "Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen, das höchste Werte des Islam verletzt." Die wichtigste Voraussetzung für ein Ende. Leider geht das nicht von heute auf morgen in die Köpfe der Betroffenen. 5000 Jahre wurde ihnen etwas anders vorgetäuscht.

Sie möchten noch in Mekka ein Transparent über die Kaaba spannen mit dem Slogan: "Weibliche Genitalverstümmelung ist Sünde. Sie beleidigt Allah und den Islam." Sind Sie etwa doch lebensmüde?
Nein. Ich sprühe vor Lebensenergie, und Sie ahnen nicht, wie viele Muslime mir Standing Ovations bei den Vorträgen schenken, weil ich ihnen damit aus der Seele spreche. Eine solche Aktion, in direkter Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern Saudi-Arabiens, wäre die historisch größte pro-islamische Kampagne aller Zeiten, weil sie der Welt auf friedliche Weise von den wahren Werten einer Religion kündet und es nicht Terroristen überlässt, den Islam auf ihre Weise zu definieren. Der Erstentwurf des Transparents ist fertig. Ich zeige ihn auf den Vorträgen.
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