Rugendorf
Theater

Hochhackige und "Dubber-Barti"

Die Premiere dauerte dreieinhalb Stunden. Aber es gab nicht eine Sekunde Leerlauf im Stück "Castinglust und Rollenfrust" der Rugendorfer Theatergruppe.
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Verwirrung pur: Wer ist tatsächlich eine Frau und we r tut nur so? Im Stück "Castinglust und Rollenfrust" der Rugendorfer Theatergruppe verschwimmen die Geschlechtergrenzen. Fotos: Klaus Klaschka
Verwirrung pur: Wer ist tatsächlich eine Frau und we r tut nur so? Im Stück "Castinglust und Rollenfrust" der Rugendorfer Theatergruppe verschwimmen die Geschlechtergrenzen. Fotos: Klaus Klaschka
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Wer biederes Volkstheater auf dem Land von den Rugendorfern erwartet hatte, der wurde nicht bedient. Es war ganz großes szenisches Schauspiel geboten, bei dem die Handlung fast schon nebensächlich war. Alfred Moppel (Marco Wölfel) liegt mit fleckiger Turnhose und einem Käseblättchen auf der Couch, kratzt sich, wo man es in der Öffentlichkeit an sich nicht tut, und schreit nach seiner "Elfriede! Hullmer amol a Bier. Und wennst schon in Kehler gist, nimm gleich des Leergud mit nunner! Elfriiiedeee!"

Moppel hat gerade seine Nachmittagsruhe. Eigentlich hat er immer Ruhe. Rund um die Uhr. Er ist nicht nur arbeitslos, sondern arbeitsscheu "so lang des Sozioolamt zohlt." Und damit es weiter zahlt, leidet er an unsäglichen Schmerzen als Folgen von aufopferungsvoller (angeblicher) Arbeitsleistung, sobald sich das Sozialamt (Annerose Hohner) umschaut.

Anders seine beiden Kumpels Harry (Stefan Bär) und Paul (Manuel Rödel). Harry, zu blöd für kreative Gesundheitsangaben beim Amt, ist die Stütze schon gestrichen und er fliegt in Kürze aus der Wohnung. Paul geht mit der Zeit und hat sich beim Primitiv-Sender RT-elf anheuern lassen, wo er hanebüchenes Zeugs aus der sozial-schwachen Elends-Schublade über seine Lebensumstände fabuliert. Gegen gute Gage. Und er bringt seinen Kumpels und deren Ehegesponsen ein lukratives 30 000-Euro-Angebot mit. Sie sollen für eine Big-Brother-Show ihren Alltag vor aller Welt ausbreiten - aber mit vertauschten Rollen.


Männer in Frauenrollen funktioniert

Trotz ausgiebiger Bedenken, weil die Männer ja dann die unbequemen Rollen ihrer Frauen übernehmen müssen, willigen sie schließlich doch ein. Das vermutet schnell verdiente Geld lockt. Allerdings sind die Bedingungen des Vertrags nicht nur kleingedruckt, sondern auch nur für den Sender von Vorteil, falls die drei Paare nicht spuren.
Das ganze wird live ganz streng notariell (Franz Schnaubelt) beobachtet und unter Umständen hinter den Kulissen bissig von der ansonsten die Zuschauer anschleimenden Moderatorin (Anja Rosenberger) eingefordert.

Zweiter Akt: Die Rollen sind getauscht. Alfred Moppel muss jetzt selbst die Tür öffnen, wenn es klingelt, muss Küchensklaverei über sich ergehen lassen und seiner Elfriede folgen, die Alfreds aufbrausenden Charakter übernommen hat. Stakst in Hockhackigen Größe 44 und mit Leopardenmuster-Leggings aufgebrezelt von einer Sonderaufgabe in die andere. Hilfe von seinen ebenfalls "chic" wie auch unbequem gewandeten Kumpels kann er nicht erwarten. Die haben selbst mit ihrer Existenz unter dem Pantoffel ihrer nun ungewohnt dominanten Furien zu leiden. Und sind haushaltsmäßig total überfordert - auch bei einer "Dubber-Barti," bei der ihnen Alfred "Dee? Pfuiteibl!" zu servieren hat, und sie keinen Schimmer haben, wozu das Plastikzeug gut sein soll - für die vermutete Aufbewahrung von Schrauben wohl nicht.


Szene ausgekostet

Dritter Akt: Das Publikum denkt nicht daran, wie die Geschichte ausgeht, sondern genießt jede Sekunde der Darstellung. Die Schauspieler arbeiten sich in ihren Rollen schier auf. Marco Wölfel als Alfred ist selbst beim Schlussapplaus noch hör- und sichtbar voll Adrenalin. Andrea Schubert zieht die Rolle als dessen eher resolute Elfriede noch im Hintergrund der Handlung durch. Stefan Bär als Harry bleibt selbst in der Frauenrolle unbedarft - improvisiert die Szene, in der er Alfred die Beine enthaaren muss, noch weiter aus, als er merkt, dass diese das Publikum besonders köstlich amüsiert. Andrea Schubert behält die Haare auf den Zähnen als dessen Agathe und erst recht wenn sie ihren Harry herumscheuchen darf.

Manuel Rödel bleibt in beiden Rollen konsequent der eher jugendlich Unbedarfte, ähnlich wie Lena Krauß als dessen Franziska, die furchtlos bis zum Bühnenrand stolpert, nachdem sich die Ehefrauen beim Einkauf im Baumarkt ordentlich besoffen hatten. Regisseur Matthias Keller hat die drei Paarungen mit sicherem Gespür dafür zusammengestellt, wer mit wem am besten passt. Und mit der Auswahl des Stückes führt er das Rugendorfer Konzept weiter: Möglichst jedes Mal was anderes, aber auf keinen Fall mehr abgedroschene "Volksstücke."

Weitere Aufführungen sind am 8. und 15. April, jeweils ab 19.30 Uhr, sowie am 9. April ab 18.30 Uhr im Haus der Jugend in Rugendorf. Ein paar Karten gibt es noch bei Ramona Löffler unter Telefon 0170 / 5528932 und bei der VR-Bank Rugendorf. red
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