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Geschichte

Ein Kämpfer für die Demokratie

Heute wird in ganz Bayern der Geburtsstunde des Freistaates vor 70 Jahren gedacht. Einer der Väter der Verfassung war der Kulmbacher Georg Hagen.
Georg Hagen ist von 1946 bis zu seinem Tod 1. Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Das Foto zeigt ihn auf dem Vorsitzenden-Stuhl.
 
von WOLFGANG SCHOBERTH
Wie mag einer fühlen, der am 26. Februar 1946 die Marmortreppen im Lichthof der Münchner Universität hochsteigt und an der Stelle vorbeikommt, an der fast auf den Tag genau drei Jahre zuvor Hans und Sophie Scholl Flugblättern der "Weißen Rose" ausgelegt haben - jene Studenten, die von der Gestapo aufgespürt, vom Volksgerichtshof verurteilt und in Stadelheim enthauptet wurden?
Dann sitzt er, nur ein paar Schritte weiter, in der Großen Aula der Universität, dem einzigen Festsaal Münchens, der den Bombenhagel unbeschadet überstanden hat. Der 58-jährige Georg Hagen ist eines der 128 Mitglieder des Beratenden Ausschusses der Bayerischen Verfassung, der zu einer ersten Arbeitstagung in der Aula zusammenkommt. Die Idee zu diesem "Vorparlament" stammt von Wilhelm Hoegner, der von den Amerikanern zum Bayerischen Ministerpräsidenten ernannt worden ist. Es sind keine gewählten Abgeordneten, sondern geeignete Männer (und eine Handvoll Frauen), die von den Parteien ernannt worden sind. Was sie verbindet, sind Verfolgungen, schlimme Kriegserfahrungen, oft Verluste von Familienmitgliedern. Nicht wenige waren aktiv am Widerstand gegen die NS-Diktatur beteiligt.
Einer, der sich durch die NS-Jahre durchgekämpft hat, ist Georg Hagen. Aus einer einfachen, sozialdemokratisch geprägten Lohgerber-Familie stammend, ergreift er 1910 einen typischen Aufsteiger-Beruf: er wird Lehrer. 1910 unterrichtet er an der Oberen Schule, danach an der Berufsschule und am Lyzeum (heute CV-Gymnasium). Parallel dazu engagiert er sich für SPD. 1919 sitzt Georg Hagen erstmals im Stadtrat, Kreistags- und Bezirkstags-Mandate kommen hinzu. Im April 1932 wird er in den Bayerischen Landtag gewählt. Doch Hagen ist kein Karrierist und Duckmäuser. "Wer Hitler wählt, wählt den Tod!", reizt er die in Kulmbach immer massiver auftretenden NSDAP-Anhänger. In einer öffentlichen Rede apostrophiert er die Hakenkreuzfahne als "Mörder und Schurkenfahne".


Auf der Säuberungsliste

Als prominenter "Roter" steht Hagen nach der Machtübernahme Hitlers ganz oben auf der "Säuberungsliste". Drei Mal wird er von der Gestapo verhört und dauerhaft observiert. Indem er politisch abtaucht und 1934 die Generalagentur der Allianz-Versicherung übernimmt, betreibt er eine geschickte (und finanziell sehr ertragreiche) Überlebensstrategie. Der Grund, dass die Nazis dies dulden, ist gewiss der Umstand, dass seine drei Söhne, Theodor, Siegfried und Friedrich, als Offiziere bei der Wehrmacht dienen. Alle drei werden blutjung ihr Leben lassen - in einem von Hitler entfachten Krieg.
Trotz der schweren Schicksalsschläge versinkt Georg Hagen nicht in Depression. 1945 möchte er mit Pflichtbewusstsein, Zähigkeit und eiserner Disziplin seinen Beitrag für einen demokratischen Wiederaufbau leisten. Hagen kommt zustatten, dass er von einer SPD-Riege mit Männern wie Fritz Schönauer, Max Hundt, Andreas Ströber und Otto Mohrmann unterstützt wird, die sich kämpferisch für den Neubeginn engagieren. Demgegenüber kommt der Aufbau der im Oktober 1945 ins Leben gerufenen CSU unter dem Ortsvorsitzenden Heinrich Weiskopf nur schleppend in Gang. Ebenso haben die Liberalen unter dem altgedienten 66-jährigen Karl Jung einen schweren Stand.


Profilierter Politiker

Dass Hagen, der im Mai 1945 von den Amerikanern als 1. Bürgermeister von Kulmbach eingesetzt worden ist, zur Verfassungs-Beratung nach München berufen wird, wundert nicht. Ebenso wenig, dass er bei der Wahl zur Verfassungsgebenden Landesversammlung am 30. Juni 1946 gewählt wird, denn Hagen gilt als einer der profiliertesten SPD-Politiker Bayerns. Als einer der 51 SPD-ler, die in das 180 Sitze starke Gremium eingerückt sind, unterstützt er die Grundpositionen Wilhelm Hoegners.
Der Jurist hat sie während seines Schweizer Exils in einen Verfassungsentwurf gebracht: größtmögliche bayerische Eigenstaatlichkeit, Sozialpflichtigkeit des Eigentums und Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Frauen sollen den Männern in Wirtschaft und Gesellschaft gleichgestellt werden. Ein Mindestlohn soll in der Verfassung verankert werden. Zentrales Anliegen ist Hoegner die Beteiligung der Bürger. Er möchte sie durch Selbstverwaltung der Gemeinden und durch Volksentscheide erreichen. Die Natur soll einen eigenen Verfassungsrang erhalten, sie soll geschützt werden und ein freier Zugang jedermann garantiert werden.


Hagen holt Landtagssitz

Ein Großteil von Hoegners Vorstellungen geht in den nach drei Monaten (26. Oktober) verabschiedeten Text ein, wodurch ihm der Name "Vater der Bayerischen Verfassung" nicht zu Unrecht angeheftet wird. Bei den Wählern wird die SPD-Handschrift nicht unbedingt honoriert. Bei dem Volksentscheid über die Verfassung am 1. Dezember 1946 stimmen zwar 70 Prozent für den Entwurf, doch bei den zugleich stattfindenden Landtags-Wahlen gewinnt die CSU 104 der 180 Sitze, während die SPD mit nur 54 Sitzen ein Fiasko erlebt. Einen der Sitze holt Georg Hagen (SPD in Kulmbach: 58,7 Prozent), der zugleich zum 1. Vizepräsidenten des Bayerischen Landtags gewählt wird.
Mit vielen seiner Mitstreiter in der Großen Aula der Münchner Universität, Parteifreunden wie politischen Gegnern, bleibt er verbunden: mit Wilhelm Hoegner, Alois Hundhammer (CSU), dem späteren Bayerischen Kultusminister, oder Hans Ehard (CSU), der statt des erhofften Hoegner Ministerpräsident wird. Er wird sich nach dem Tod Hagens am 25. November 1958 in den schier endlosen Trauerzug einreihen und ihn als Mitgestalter der Bayerischen Verfassung würdigen.


Toter Hagen wird Wahlsieger

Am 18. November 1958 starb Georg Hagens überraschend nach einer Magenoperation in München. Daraufhin trat zum ersten Mal in der parlamentarischen Geschichte Bayerns der Fall ein, dass bei den fünf Tage später angesetzten Landtagswahlen ein Verstorbener kandidierte. Die SPD hatte aufgrund der im Wahlgesetz fixierten Bestimmungen keine Möglichkeit mehr, einen neuen Stimmkreisbewerber zu nominieren. Doch die Wähler, so schrieb die Bayerische Rundschau damals, "hielten selbst dem toten Georg Hagen die Treue und verhalfen der SPD zu einem klaren Wahlsieg."


Biographie Georg Hagen

1887
in Kulmbach am Röhrenplatz geboren (Vater: Lohgeber)
1906 Eintritt in den Schuldienst
ab 1910 unterrichtet er in Kulmbach an verschiedenen Schulen. Bei der Machtübernahm der Nazis wird er aus dem Schuldienst entfernt.
Nach dem Ersten Weltkrieg wird er Mitglied des Kulmbacher Stadtrats
1932 wird er in den Bayerischen Landtag gewählt.
Ab 1945 Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt
1946 Mitglied der Beratenden und Verfassungsgebenden Bayerischen Landesversammlung, vom 1. Dezember 1946 bis zu seinem Tod ist er Mitglied des Landtags und 1. Vizepräsident.
1958 stirbt Georg Hagen an den Folgen einer Magenoperation. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wird er in Kulmbach beigesetzt. W.S.
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