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Region  // Kulmbach

Geschichte

Christian Nützel: der vergessene Sohn Guttenbergs

Schulleiter, Liedersammler und Komponist: Christian Nützel ist ein vergessener Sohn der Gemeinde Guttenberg. Er war eine umtriebige Persönlichkeit - und hat der Nachwelt viel hinterlassen.
Schulleiter, Liedersammler und Komponist: Ohne Christian Nützel († 1942) aus Guttenberg wäre ein erhebliches Stück oberfränkischer Heimatgeschichte verloren gegangen. Fotos: privat
 
Wenn man die Annalen der Gemeinde und auch moderne Medien nach bedeutenden Persönlichkeiten aus Guttenberg durchblättert, dann trifft man auf viele Angehörige des Hauses Guttenberg. Die jüngsten kennt jeder: Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, sein Vater, der Dirigent Enoch, und wiederum dessen Vater Karl-Theodor, Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Georg Kiesinger zur Zeit der ersten Großen Koalition. Unter der Rubrik "Söhne und Töchter der Gemeinde" ist aber auch ein bürgerlicher Zeitgenosse aufgeführt: Christian Nützel. Er ist der vergessene Sohn der Gemeinde. Niemand kennt ihn hier mehr. Aber er hat viel für die Nachwelt geleistet, wie unser Bericht zeigen soll.

Angesehene Familie

Christian Nützel stammte aus einer angesehenen bürgerlichen Familien der Gemeinde. Sein Großvater Johann hatte zu Lichtmess 1854 von der Schlossherrschaft das "Obere Wirtshaus", später "Goldene Rose", samt Brauhaus mit Felsenkeller und einige kleinere Äcker und Wiesen gepachtet. Sein Vater Leonhard war Wirt, Brauer und Metzger. Christian Nützel stammte aus der zweiten Ehe Leonhards mit Sophie, einer geborenen Hain aus Kaltenstauden, und erblickte am 29. Dezember 1881 das Licht der Welt.

Seine Volksschulzeit verbrachte er in Guttenberg und musste mit seinen Geschwistern und Stiefgeschwistern im breit gefächerten elterlichen Betrieb kräftig mithelfen, obwohl er lieber in Büchern geblättert hätte. Immerhin ermöglichten es ihm seine Eltern, von 1899 bis 1901 die Präparandenschule in Kulmbach und die "Königliche Lehrerbildungsanstalt" in Bayreuth zu besuchen.

Die berufliche Entwicklung begann Nützel als Schulpraktikant seiner Heimatgemeinde, wurde aber schon bald nach Gelbsreuth bei Hollfeld versetzt, zunächst als Hilfslehrer, dann als Schulverweser. 1906 erhielt er eine Schulstelle in Unterweißenbach bei Helmbrechts. Vier Jahre später kam er nach Helmbrechts, avancierte schließlich an der dortigen Volksschule zum Oberlehrer und Schulleiter. Das blieb er bis zu seinem Tod 1942.

Christian Nützel war eine umtriebige Persönlichkeit. Der Schuldienst allein befriedigte ihn nicht. So war er Rechner beim "Oberweißenbacher Darlehensverein", Mitbegründer des Kegelklubs von 1910, lange Zeit auch "Nützels Klub" genannt, und anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Gabelsberger Kurzschrift. Von großer Bedeutung für das kulturelle Schaffen Nützels war der Eintritt in den "Leseverein I Helmbrechts", später Liederhort, im Jahr 1910. Bereits vier Jahre später wählte ihn der Verein zum Chorleiter. Die musikalischen Aktivitäten Nützels blieben nicht auf den Musikunterricht in der Schule und auf die Singstunden im Liederhort beschränkt. Zu Hause komponierte er zahlreiche Volksliedsätze für verschiedene Chöre.

757 Lieder gesammelt

Und er sammelte seit seiner Jugendzeit: Briefmarken, Mineralien, Versteinerungen, Münzen, Bücher - und Volkslieder. Schließlich brachte er es auf 757 Lieder, 418 Strophen von Schlumperliedchen, 101 Kinderlieder und 86 Abzählreime. Das war nicht einfach, denn diese alten Gassenhauer waren nirgends niedergeschrieben. Er musste das gesamte Umland abgrasen. Bei den Bauern, Handwerkern und Hauswebern sowie in vielen Wirtshäusern wurde er fündig.

Dass diese Sammlerei mühselig war, geht aus einem Brief der Sammlerin Elise Gleichmann aus Kulmbach (Altvöterischa Schlumperliedla und Verschla aus Oberfranken) hervor. "Es war nicht leicht, von den Bauern und einfachen Leuten etwas herauszubringen." Dies deshalb, weil sie glaubten, sich durch die Wiedergabe von altem Brauchtum lächerlich zu machen.

Christian Nützel hat es geholfen, dass er ein volkstümlicher und jovialer Mann. Seine Fleißaufgabe, das Sammeln der Volkslieder, begann er 1920, und sie sollte fast zwei Jahrzehnte dauern. Er klapperte Dorf für Dorf und Haus für Haus ab, ließ sich die Lieder vorsingen und schrieb sie auf.

Gesang sofort in Noten umgesetzt

Ihm kam zugute, dass er das Vorgesungene sofort in Noten fassen konnte. Unter das jeweilige Notenblatt setzte er nähere Angaben, wo und von wem er das Lied erhalten hatte.

Sein Forschungsgebiet erstreckte sich in erster Linie über den westlichen und nördlichen Landkreis Stadtsteinach und den Großraum Helmbrechts. In seinem Geburtsort Guttenberg hatte er mit Pfarrer Hanns Bauer einen "Großlieferanten", der ihm fast 50 Schlumperliedla notieren ließ. Aber auch andere Guttenberger halfen mit: der Bahnarbeiter Andreas Bayer, Hausweber Lorenz Knarr, das Dienstmädchen Luise Krapf, der Gutspächter Georg Kraß aus Streichenreuth, die Gastwirtswitwe Sophie Nützel, der Bauer Philipp Pittroff in Vogtendorf, der Tagelöhner Leonhardt Rahm (Blousns Lienert), der Schnittwarenhändler Georg Turbanisch, der Tapezierer Hans Uhlig oder der Müller Andreas Vießmann. Es ist unmöglich, alle Quellen zu benennen. Erwähnt seien aber noch Fellhändler Theodor Scherdel aus Marktleugast, Bierwirt Josef Friedrich aus Horbach sowie die Hausweber Josef Goller aus Ahornberg, Friedrich Krippner aus Hohberg und Johann Meister aus Oberweißenbach.

Aus seinen in jahrelanger Forschung gesammelten Volksliedern wurde zu seinen Lebzeiten in dem im Jahr 1938 erschienenen Buch "Volkslieder aus der Bayerischen Ostmark mit Bildern und Weisen" nur eine kleine Auswahl veröffentlicht. Wohl aber war Nützel in seiner neuen Heimatstadt aktiv. Hervorzuheben ist der Volkslieder- und Volksmusikabend am 10. Mai 1936 mit volkstümlichen Tanzweisen und ebensolchen Chorsätzen. Seine zweibändige handschriftliche Liedersammlung für Gesang und Pianoforte befindet sich in Familienbesitz.
Aber Nützel hatte auch Neider. Viele Jahre kämpfte er vergeblich darum, seine Sammlung an die Öffentlichkeit zu bringen. Obwohl der beim Nürnberger Rundfunk tätige Lehrer Max Böhm sein Förderer war, gelang es nicht, einmal eine Rundfunksendung mit seinen Liedern zustande zu bringen. Ein fehlendes Parteibuch in dieser Zeit mag dabei eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben.

Erst 1982 begann der Bayerische Landesverein für Heimatpflege damit, die ganze Sammlung drucken zu lassen. Dass die gesammelten Werke Christian Nützel der Nachwelt erhalten blieben, ist den Herausgebern der zwei Bände "Die Liedersammlung des Christian Nützel", Erwin und Franziska Zachmeier, zu verdanken. Der erste Band wurde 1988 fertig gestellt und ist seit langem ausverkauft. Der zweite erschien 1995. Das gesamte gesammelte Material Nützels befindet sich im "Deutschen Volksliederarchiv" in Freiburg. Der Liedersammler verstarb 1942, sechzigjährig, an einem Leberleiden.

Die besondere Leistung von Christian Nützel besteht nicht allein darin, in seinem Heimatraum akribisch Volksweisen gesammelt zu haben. Ohne ihn und im Zeichen der modernen Medien und mit den überquellenden, kurzlebigen Musikkonserven, wäre ein erhebliches Stück oberfränkischer Heimatgeschichte unwiderruflich verloren gegangen.

von Helmut Geiger


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