Marktschorgast
Lesung

Carolin Wolf hat Albtraum zu Thriller verarbeitet

Die 16-jährige Carolin Wolf hat in Marktschorgast aus ihrem Erstlingsroman "Die Nacht der Verzweiflung" gelesen. Die Zuhörer lernten eine sympathische Autorin kennen und ein schockierendes Buch.
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Autogramm von der Jungautorin: Viele ihrer Fans ließen sich ein Exemplar ihres Buches signieren. Foto: Wolfgang Schoberth
Autogramm von der Jungautorin: Viele ihrer Fans ließen sich ein Exemplar ihres Buches signieren. Foto: Wolfgang Schoberth
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Wie reist eine 16-jährige Autorin in früher Morgenstunde von Bad Windsheim nach Marktschorgast an? Mit der ganzen Familie natürlich - im Auto, mit Papa, Mama, der älteren Schwester Sabrina. Und auch Sammy, das Malteser-Hündchen, darf nicht fehlen.


Keinerlei Starallüren


Carolin Wolf ist eine rundum sympathische Jugendliche. Sie ist natürlich, sensibel, authentisch. Zu Beginn ihrer Lesung wirkt sie eher schüchtern, himmelweit entfernt von irgendwelchen Starallüren, die ihr bei der zunehmenden Popularität zu Kopf gestiegen wären.

Man glaubt ihr sofort, dass sie - wie sie später erzählen wird - von ihren Mitschülern an der Fachoberschule in Uffenheim wegen ihres schriftstellerischen Erfolgs nicht beneidet und gemobbt, sondern im Gegenteil häufig unterstützt wird.

Eine wie sie kommt an. Sie bräuchte beim Lese-Auftritt eigentlich ihren höchst fürsorglichen Vater nicht, der sich zur Moderation verpflichtet sieht und kommentierend und ergänzend das Wort eingreift. Die junge Schriftstellerin erreicht sofort die Herzen der Zuhörer, die auch den vorgetragenen Textproben gebannt verfolgen.


Gemeindehaus ist gut gefüllt


Das evangelische Gemeindehaus ist ganz ordentlich gefüllt, der Marktschorgaster Bürgermeister Hans Tischhöfer schaut anfangs mal vorbei, die Jugendreferenten Wernfried Hartmann und Marieluise Kollerer sind unter den Zuhörern. Angelika Munk, die engagierte Leiterin der Gemeindebücherei, freute sich, zur Hälfte Jugendliche begrüßen zu können, für die die Lesung primär gedacht war.

Wie kommt eine 14-jährige Schülerin zu einem Berlin-Thriller im Umfang eines dünnen Romans? Carolin spricht freimütig über den Anstoß: einen schlimmen Traum, der sie im November 2012 Tag und Nacht obsessiv verfolgt habe. Um sich von ihm zu lösen, habe sie sich täglich einige Stunden an den Computer gesetzt und ihn nieder geschrieben, so detailliert es eben ging.

Ob sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon einmal in Berlin gewesen sei, fragt sie eine Zuhörerin. Nein, lautet die Antwort, sie habe sich über Internet-Recherche sachkundig gemacht, um Genaueres über die Örtlichkeiten der Stadt, die Kriminalität, die Fahndungspraxis von Polizei und den Einsatz der Rettungsdienste zu erfahren.

Ausgangspunkt des Romans ist die Abschlussfahrt einer Realschulklasse in die Hauptstadt. Anfänglich ist es (fast) das Übliche: über das Sightseeing-Programm nörgelnde Schüler, Cliquenzoff, Krach zwischen den besten Freundinnen wegen der Jungs, fiese Postings, harmlose Knutschereien auf den Zimmern. Doch dann kippt die Handlung.


Nacht der Verzweiflung


Carolin Wolfs Hauptfigur Lea, die sich von der Klasse absetzt, gerät in eine Spirale aus Brutalität und Mord. Versucht sie anfänglich einer jungen Frau beizuspringen, die von einem brutalen Typen gejagt und nieder gestochen wird, gerät sie selbst in seine Gewalt. An Armen und Beinen gefesselt, schleppt er sie in seine Wohnung. Die Nacht der Verzweiflung beginnt.

Für Michelle und Lisa trifft der Roman "Die Nacht der Verzweiflung" die Gefühlswelt heutiger Jugendlicher. Die beiden Mädchen sind wie mehrere Gleichaltrige zu der Lesung gekommen. Jungs suchte man vergebens. Man kann darüber spekulieren, was sie abgehalten hat: der morgendliche Termin am Samstag, ein Horror vor einem "Mädchenroman", eine allgemeine Leseunlust?


Zwei leidenschaftliche Leserinnen


Lisa und Michelle jedenfalls sind leidenschaftliche Leserinnen. Die 16-jährige Lisa, Azubi in Bayreuth, findet es toll von der Gemeinde Marktschorgast, dass sie eine junge Autorin eingeladen hat, um Jugendliche anzusprechen. "Ich habe für die Lesung jede Menge Promotion bei meinen Freundinnen gemacht, es sind auch einige gekommen", sagt sie.

Die Lesung hat sie nicht enttäuscht. Die Idee Carolins Wolfs, einen eigenen Albtraum zu einem Thriller zu verarbeiten, hält sie für extrem mutig. "Aber es ist noch mehr", meint sie, "sie hat damit auch den Nerv vieler Jugendlicher getroffen. Horrorträume, Angst vor Brutalität, Vergewaltigung und Missbrauch, haben viele, auch wenn man selten darüber spricht."

Eine von Lisas Freundinnen ist die 15-jährige Realschülerin Michelle. Mit Krimis hat sie an sich nicht so viel am Hut, sie liest vorwiegend Fantasy. Doch wie Carolin Wolf Fiction und Realität verbindet, findet sie sehr gekonnt. Besonders gefallen ihr die aktuellen Bezüge: die anonymen Postings intimer Bildern, das Cyber-Mobbing: "Das ist doch bei Jugendlichen total alltäglich und absolut realistisch."


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