Ködnitz
Journalismus

15-Jährige gewinnt Nachwuchspreis der "Zeit"

Franziska Sittig (15) aus Kauerndorf hat die Jury der Wochenzeitung "Die Zeit" überzeugt - mit ihrem kritischen Kommentar zur "Mobilität der Zukunft".
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Franziska Sittig aus Kauerndorf hat mit ihrem Beitrag zum Thema Mobilität der Zukunft die Jury der "Zeit" überzeugt und zählt zu den Siegern des bundesweiten Nachwuchswettbewerbs für Schüler. Foto: Jochen Nützel
Franziska Sittig aus Kauerndorf hat mit ihrem Beitrag zum Thema Mobilität der Zukunft die Jury der "Zeit" überzeugt und zählt zu den Siegern des bundesweiten Nachwuchswettbewerbs für Schüler. Foto: Jochen Nützel
Wenn sich eine 15-Jährige mit dem Thema Mobilität befasst, dann geht es doch sicher um den eigenen Führerschein, vielleicht für den schnieken Roller, womöglich auch um die Vorfreude auf das begleitete Fahren mit 17, oder? Nicht so bei Franziska Sittig: Die Kauerndorfer Schülerin hat sich in einem Kommentar für die Wochenzeitung "Die Zeit" der Fortbewegung der Zukunft angenommen. Und dabei kritisch die Frage gestellt: Wo endet das Streben nach Komfort und beginnt der schiere Wahnsinn?

Die Schülerin des Caspar-Vischer-Gymnasiums hat damit Aufsehen erregt bei den Journalisten in Hamburg. Die Jury des Projekts "ZEIT für die Schule", eine Aktion des Verlags und der Volkswagen AG, kürten die Kauerndorferin für ihren fulminanten Beitrag zum Thema. Als Lohn gab es 250 Euro Preisgeld sowie eine Einladung nach Wolfsburg. Bundesweit hatten mehr als 130 Schüler aus den Sekundarstufen I und II insgesamt 119 Beiträge eingesandt - sechs davon gewannen.

"Zugegeben: Mobilität ist bis dato nicht ganz mein Interessensgebiet gewesen", sagt Franziska Sittig und schmunzelt. Aber da Sich-Vertiefen in die Hintergründe und möglichen Szenarien des (Auto-)Verkehrs hat die 15-Jährige fasziniert. Die Ausschreibung für den Wettbewerb fand sie in einem Flyer an der Schule. Für die 15-Jährige ist Recherchieren für Artikel kein Fremdwort: Seit arbeitet seit rund vier Jahren im Team der CVG-Schülerzeitung "Optimist" mit. "Bevorzugt verwende ich subjektive Stilformen und schreibe sehr gerne Meinungsartikel." Insofern lag es nahe, sich am "Zeit"-Wettbewerb mit einem Kommentar zu beteiligen. "Mich wundert es ein wenig, dass ich damit zu den Siegern zähle. Immerhin ist Volkswagen der Hauptsponsor - und meine Darlegung war ja alles andere als Autobauer-freundlich."


Kritik an immer neuen Konzepten

In der Tat war die Nachwuchsjournalistin um kritische Töne nicht verlegen. In ihrem Artikel prangert sie unter anderem an, dass sich die Menschheit offenbar für keinen noch so abstrusen vermeintlichen "Fortschritt" bei der Fortbewegung zu blöd sei. Sie erinnert an die Pioniere im Wilden Westen, die auf Pferden das Land erkundeten; an die Römer, die ihr Weltreich "per pedes" eroberten. Zu Fuß also, ohne einen Gedanken zu verschwenden an noch mehr Vernetzung via App und elektronisch gestützte Verkehrsmittel.

Die Quintessenz des Beitrags: "Menschen, kurz mal herhören: Ihr werdet es in 15 Jahren vielleicht nicht mehr wissen, aber Ihr pflegtet tatsächlich mal die Sitte, einfach zu Fuß zu gehen. Das war mal ein Konzept - keine Ahnung von wem erfunden -, das sich aber ziemlich lange gehalten hat. Vielleicht sollte man das mal wieder aufgreifen?"

Den Juroren gefiel der Aufbau der Argumentationskette. "Eine umfassende Betrachtung des Themas Mobilität aus einer erzählerisch guten Perspektive", heißt es in der Laudatio. Eine Ermunterung, auf diesem Weg weiter zu machen. "Ja", sagt die 15-Jährige, "ich kann mir gut vorstellen, später in den Journa lismus zu gehen." Ein viel versprechender Anfang ist gemacht.

Der Siegertext:

Alles gibt"s, nichts ist mehr unmöglich:
Mit den neuen und durchgeplanten
Konzepten für die Mobilität
der Zukunft wird der Mensch
schneller, effektiver und umweltschonender
sein, als er je zuvor war. Das Auto von morgen
wird so intelligent sein, dass es für den
Fahrer eigentlich nur noch nötig ist, Befehle
zu erteilen, - nicht einmal darin sitzen muss
er. Natürlich ist es eine große Erleichterung,
gemütlich, schnell, vollkommen geräuschlos
und dabei noch mit Rücksicht auf etwaige
Radfahrer und Fußgänger voranzukommen.
Noch komfortabler ist es, das sogenannte
Valet Parking in Anspruch zu nehmen: Das
Auto sucht sich selbstständig einen auf ihn
zugeschnittenen Parkplatz, parkt ein und
lädt dabei gleich noch an der Ladestation
seinen Akku auf.
Wenn man kein eigenes Auto besitzt, gibt
es natürlich auch die Möglichkeit, mithilfe
von Mobilität-Apps seinen individuellen
Weg durch den Tag genau zu planen,
indem verschiedene Fortbewegungsmöglichkeiten
- Bus, Bahn, Carsharing,
Bike - gegeneinander abgewogen werden,
sodass die günstigste, schnellste,
umweltschonendste etc. Alternative dabei
herausspringt.
Doch Moment - soll es nicht schon vor dem
Jahr 2050 auch schon Menschen gegeben
haben? Falls ja, wie haben es die denn
durch ihr Leben geschafft? Etwa mit Postkutschen
oder gar auf Pferden?! Nein, das
kann unmöglich sein. So wird doch nicht
das Optimum an Schnelligkeit, Energiesparen
und Komfort herausgeholt. Da wäre es
doch angebracht gewesen, ein Vehikel, das
- natürlich geräuschlos und abgasfrei - auf
einer Magnetschwebebahn fährt, einzusetzen.
Oder wie hätten die Leute es denn bitte
sonst im 19. Jahrhundert von der Ostküste
Amerikas in den Wilden Westen schaffen
sollen?! Wie haben es die Römer denn bitte
bewerkstelligt, ein Weltreich zu erobern,
ohne eine vollständige Vernetzung der
Soldaten untereinander, ohne den flexiblen
Einsatz verschiedenster Verkehrsmittel, um
am schnellsten und umweltschonendsten in
ihre Provinzen gelangen zu können?
Wenn man sich die ausgeklügelten Ideen
anschaut, die die Mobilität der Zukunft so
gestalten wollen, wie man es normalerweise
nur aus Science-Fiction-Filmen kennt,
dann fragt man sich ganz automatisch, wie
um Himmels Willen es möglich sein konnte,
früher sein eigenes Leben zu überleben.
Ohne all diese Konzepte, von denen einige
vermutlich in nicht allzu ferner Zukunft
umgesetzt werden. Je tiefer man in die
Vergangenheit zurückblickt, umso schwerer
fällt es, sich klarzumachen, dass man auch
ohne intelligente Städte, die im Verkehr von
selbst Signale senden, ohne die Vernetzung
von Bahnen untereinander und ohne Autos
mit Elektromobilität sein Leben führen
konnte. Stellt sich dann nicht ganz leise
die Frage, wie nötig es ist, diese Dinge zu
erfinden? Selbstverständlich hat sich die
Welt schon immer weiter entwickelt und ist
immer moderner geworden - eine zwangsläufige
Dynamik, die man nicht aufhalten
kann. Doch braucht es immer weitere Vorschläge,
immer andere Konzepte, die vorherige
in puncto Modernität, Komfort und
zuweilen auch Umweltschutz übertrumpfen
wollen, sodass man völlig erschlagen wird
von all den neuen Ideen? Ist die Menschheit
- ganz direkt geäußert - so verdummt
worden, dass sie ohne diese zahlreichen
Möglichkeiten ihr Leben nicht mehr alleine
führen kann? Eine App, die den Benutzer
alle halbe Stunde daran erinnert, drei Liter
Wasser am Tag zu trinken, ein Auto, das
komplett alleine im Straßenverkehr alles
erledigt - wird uns Menschen etwa nicht
mehr zugetraut, dass wir lebensnotwendige
Dinge alleine erledigen? Machen diese
kleinen (und großen) Hilfsmittelchen den
Alltag unbedingt leichter? Oder setzen
sie einen nicht bloß dem Druck aus, sich
ständig neue Sachen anschaffen zu müssen?
Daneben wird dem Menschen noch
die Einstellung vermittelt, dem Alltag ohne
sie hilflos ausgeliefert zu sein und ihn gar
nicht anders mehr bewältigen zu können.
Und es sind nicht nur die kleinen Google
Apps, sondern es werden immer größere
Dinge, bei denen der Mensch offenbar die
Notwendigkeit sieht, dass sie endlich erfunden
werden müssen. Nützlich mögen viele
der zukünftigen Dinge zweifelsohne sein -
komplette Sinnlosigkeit kann selbstständigen
Autos dann doch nicht zugeschrieben
werden; die meisten empfinden trotz allem
Ehrfurcht und Bewunderung für so ein
Fahrzeug. Doch ab einem gewissen Punkt
sollte man zwischen einer komfortablen,
netten Alltagshilfe und totalem Wahnsinn
unterscheiden.
Menschen, kurz mal herhören: Ihr werdet
es in 15 Jahren vielleicht nicht mehr
wissen, aber ihr pflegtet tatsächlich mal
die Sitte, einfach zu Fuß zu gehen, egal ob
als Westernpionier oder Römer. Das war
mal ein Konzept - keine Ahnung von wem
erfunden -, das sich aber ziemlich lange
gehalten hat. Vielleicht sollte man das mal
wieder aufgreifen?!
FRANZISKA SITTIG
aus Ködnitz
15 Jahre
"Eine umfassende
Betrachtung des
Themas Mobilität aus
einer erzählerisch
guten Perspektive."
Zitat der Jury
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