Rund um das kleine toskanische Dorf Gaiole werden einmal im Jahr Heldengeschichten geschrieben, nämlich wenn tausende Starter auf betagten Fahrrädern die legendären weißen Sandstraßen befahren. Am 1. Oktober war es wieder so weit. Unter den etwa 3000 Teilnehmern waren auch vier Radsportler des ASC Kronach-Frankenwald.
Im vergangenen Jahr schon schmiedeten Thomas Geiger, Silvester Kohlmann, Stefan Eckhardt und Jens Oehlert den Plan, an diesem legendären "Radrennen" teilzunehmen. Die Voraussetzung: ein mindestens 30 Jahre altes, besser noch älteres Rad, der Rahmen aus Stahl, keine Klickpedale, Rahmenschaltung oder gar keine Schaltung. Die Suche nach den passenden Fahrrädern war nicht ganz einfach, ebenso wenig die Anmeldung, aber sie blieben beharrlich.
Am Freitag vor dem Rennen trafen sie in Gaiole an. Der keine Ort in der Nähe von Siena war in der Hand Tausender von Radfahrern. An unzähligen Ständen wurden sämtliche Teile von Fahrrädern, Zubehör, komplette Fahrräder und die dazugehörigen Klamotten aus längst vergangenen Zeiten feilgeboten.
Fein gekleidete Radfahrer und Radfahrerinnen aus den 1920er Jahren mit Knickerbockern, Schiebermützen, Hosenträgern und den dazugehörigen Fahrrädern versetzen die vier Frankenwälder in längst vergangene Zeiten zurück.
Nach einen Espresso und einem Hörnchen standen die vier am Sonntag um 6.30 Uhr an der Startlinie. Ein Stempel in das Startheft, und los ging die Fahrt. Schon nach kurzem Einrollen folgte die erste lange Steigung auf den berühmten Strade Bianche. Gesäumt von Fackeln links und rechts des Weges bekamen die vier ASC-Sportler den ersten Eindruck, was auf sie zukommen sollte. Ungefähr die Hälfte der Strecke bestand aus den weißen Sandstraßen. Hoch und runter ging es durch traumhafte toskanische Landschaft. Schlimme Schotterstraßen ließen bergabwärts den einen oder anderen Fluch über die Lippen kommen, denn Scheibenbremsen waren ja nicht erlaubt.
Die Übersetzung von Thomas Geiger (fünffach 11-17) auf seinem Cinelli-Renner aus den 60er Jahren brachten ihm viel Anerkennung von Teilnehmern ein, aber auch viele Laufpassagen. Viele der 17- bis 18-prozentigen Steigungen auf Schotter waren mit dieser Übersetzung einfach nicht zu fahren. Aber vielen anderen ging es ähnlich. Früher waren einfach die Übersetzungen so.
Nach etwa 45 Kilometern, auf einer Abfahrt übersät mit Schlaglöchern, fing sich Thomas Geiger einen Platten am Hinterrad ein. Die Reparatur gestaltete sich sehr schwierig und war ohne Hilfe nicht durchzuführen. Erneut schiebend machte er sich Richtung erster Verpflegungsstelle auf. Hier sollte ein technischer Support sein, aber erst bei Kilometer 48 kam eine Vespa aus den 60er Jahren mit Ersatzlaufrädern. Schnell war das defekte Rad getauscht, und Thomas Geiger konnte seine Fahrt fortsetzen.
Seine drei Vereinskollegen warteten bei der Verpflegung bereits auf ihn, denn sie wollten zusammen bleiben. Nach einigen Bechern Rotwein, Schinken und Salamibroten ging es weiter. Ja, statt Riegel und Isogetänken gab es Rotwein und toskanische Köstlichkeiten. Es ging schließlich um den Genuss und nicht um Bestzeiten.
Nach dem Zeitverlust von fast zwei Stunden durch den Platten hatte sich die 209-Kilometer-Strecke erledigt. Der Abzweig war bereits geschlossen, als sie ihn erreichten. Weiter ging es auf der 135-Kilometer-Strecke durch die traumhaft schöne Landschaft der Toskana ohne weitere Defekte. Weitere zwei Stempel wurden abgeholt, der eine oder andere Becher Rotwein getrunken, ausgiebig gegessen und zwischendurch natürlich auch Rad gefahren. Sogar Vin Santo und Cantuccini wurden gereicht!
Unter dem Jubel der Zuschauer fuhren die ASC-Sportler schließlich gemeinsam in Gaiole auf dem Marktplatz ein, um sich nach der anstrengenden Fahrt den Zielstempel zu holen. Für Stefan Eckhardt war es eine "tolle Vintage-Veranstaltung in herrlicher Gegend". Silvester Kohlmann fühlte sich in der Zeit zurückversetzt. "Man kann sich ein gutes Bild machen, was die Radfahrer früherer Jahre für eine Leistung vollbracht haben."
Für Thomas Geiger war es die schönste Radveranstaltung, an der er je teilgenommen hat, und für Jens Oehlert "eine Reise in die Vergangenheit und ein unvergessliches Erlebnis. L'Eroica muss man als Rennradfahrer einmal im Leben mit Freunden, gutem Essen und natürlich viel Rotwein erlebt haben."