Kronach
Geschichte

Erinnerung an Opfer des NS-Regimes

Bildhauer Gunther Demnig wird am Sonntag in Kronach "Stolpersteine" einmauern. Diese erinnern an NS-Opfer, die aus Kronach stammen.
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"Sie geben den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurück. Und wenn wir uns bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen lesen zu können, dann verbeugen wir uns symbolisch vor den Opfern. Wir stolpern nicht und fallen hin, aber wir stolpern mit dem Kopf und dem Herzen" - Das sagt der Künstler Gunter Demnig, der an die Opfer der NS-Zeit erinnert, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort kleine, mit wenigen Worten beschriftete Gedenktafeln aus Messing in das Pflaster beziehungsweise den Belag des jeweiligen Gehwegs einlässt.

Verwurzelt waren sie Menschen in Kronach, bis sie nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Opfer von Vertreibung und Mord wurden: Kronacher Familien jüdischen Glaubens, für die sich ab 1933 alles grundlegend veränderte. Über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nachdem die letzen jüdischen Einwohner Kronachs deportiert wurden, will der Aktionskreis Kronacher Synagoge der Bevölkerung die Schicksale jener jüdischer Familien hinter den nicht "greifbaren" Zahlen lebendig werden lassen - durch die Verlegung sogenannter Stolpersteine auch in Kronach.

Die Verlegung erfolgt durch den Kölner Künstler Gunter Demnig, der das Stolperstein-Projekt 1992 begründete. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Damit will er sein ganz persönliches Zeichen gegen das Vergessen setzen. Genau das sollen nämlich die Pflastersteine sein, eine Mahnung, die an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Dritten Reich erinnert.

Die quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenen Betonwürfel getragen.

Mittlerweile wurden - Stand Juli 2017 - rund 61 000 solcher Steine nicht nur in Deutschland, sondern auch in 21 weiteren europäischen Ländern angebracht. Sie sind damit das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Am Sonntag erfolgt nun erstmals eine Verlegung von 15 Stolpersteinen in Kronach. Eine Reihe jüdischer Mitbürger, denen eine solche Gedenktafel gewidmet sein soll, wurde von Christian Porzelt ermittelt. Dieser hat sich in seinem Studium schwerpunktmäßig mit jüdischer Geschichte beschäftigt. Die Steine werden über Spenden von Privatleuten oder Organisationen finanziert.

Der Treffpunkt zur Verlegung ist um 12 Uhr die Synagoge in Kronach. Von dort aus führt der Weg in die Friesener Straße, in die Strau, in die Johann-Knoch-Gasse und in die Kulmbacher Straße. Der Aktionskreis Kronacher Synagoge unter Vorsitz von Odette Eisenträger-Sarter würde sich über eine rege Beteiligung der Bevölkerung sehr freuen.


Bereits vor 25 Jahren schrieb Christoph Zeckai über die Juden in Kronach. Der
damalige Archivpfleger, Realschullehrer und Kreisrat gab am 24. April 1992, an dem Tag, an dem 5o Jahre vorher die letzten jüdischen Bürger Kronachs ihren Weg in die Todeslager antreten mussten, sein Buch "Ein Stück Matzen, Nachbarin! Erinnerungen an die jüdischen Familien in Kronach" heraus. In einem Interview sprach der Autor über seine damalige Motivation.

FT:Was hat Sie als "Neubürger" in Kronach damals veranlasst, diese Gedenkschrift zu verfassen?

Christoph Zeckai: Schon während meines Studiums der Geschichte hat mich das Schicksal der
Juden im Nazi-Deutschland sehr beschäftigt. Damals wurde der Begriff der "Kollektivscham" - statt "Kollektivschuld" - geprägt. Im Frühjahr 1945 erlebte ich als Kind, wie deutsche Soldaten einen Zug Häftlinge mit brutaler Gewalt durch Schwarzenbach an der Saale trieben. Wir waren dorthin aus Schlesien geflohen. Diese furchtbaren Szenen ließen mich nicht mehr los. In meiner neuen Heimatstadt Kronach versuchte ich etwas über die früheren jüdischen Einwohner zu erfahren. Aber es gab keinerlei schriftliche Aufzeichnungen. Lediglich auf dem Gedenkstein auf dem Friedhof fand ich einige Namen. Da begann ich selbst mit Nachforschungen. Ich befragte zwei Jahre lang Nachbarn und Schulfreunde jüdischer Kronacher und suchte in den Staatsarchiven. Leider fand ich im Stadtarchiv Kronach fast nichts. Heute ist das allerdings anders. Als ich anlässlich einer Religionstagung in Vierzehnheiligen den jüdischen Dozenten und Schriftsteller Pinchas Lapide kennen lernte, gab mir dieser wertvolle Hinweise auf Quellen in Israel. Am 50. Jahrestag der Deportation der letzten Kronacher Juden konnte ich die Gedenkschrift der Öffentlichkeit übergeben.

18 Jahre später gab es dann eine zweite Auflage, die sogar von der damaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in der Synagoge in Kronach vorgestellt wurde...
Ich hatte Frau Knobloch die erste Auflage nach München geschickt und sie um ein Geleitwort zur zweiten Auflage gebeten. Sie war von meiner Arbeit sehr angetan und schickte mir nicht nur ein Geleitwort, sondern versprach sogar, zur Repräsentation der Gedenkschrift nach Kronach zu kommen. Inzwischen war sie auch vom "Verein zur Erhaltung der Kronacher Synagoge", den ich 1992 mit gegründet hatte, nach Kronach eingeladen worden. Ihr Besuch in Kronach am 16. November 2010 war für Kronach ein großes Ereignis.

Ohne Ihre Gedenkschrift gäbe es also auch keine "Stolpersteine" in Kronach?
Das glaube ich nicht. Die Häuser und Wohnungen der Kronacher Juden sind inzwischen von Ruppert Konrad in seiner "Häuserchronik von Kronach" dokumentiert. Internationale Archive waren nun dank Internet jedermann zugänglich. Wir hatten den "Verein zur Erhaltung der Synagoge in Kronach" gegründet. Die Zeit war überreif, sich mit der "Shoa" (Bezeichnung für den Mord an den Juden im Dritten Reich, Anm. d. Red.) und deren lokalen Folgen zu beschäftigen. Ich war lediglich der erste in Kronach, der sich dieses Themas annahm.
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