Kronach
Mut-Tour

Absage an dahingesagte Standardsprüche

Sechs Tandemfahrer sind mit der sogenannten Mut-Tour in Sachen Depression unterwegs. Nun machen sie in Kronach Station.
Artikel einbetten
Ankunft der sechs Mut-Tandemfahrer in Kronach - unter ihnen auch Julian Lindemann, Ines Wester (linkes Tandem) sowie der Initiator Sebastian Burger (mittleres Tandem, vorne). Mit dem Smiley will man alle Betroffenen repräsentieren, die es sich nicht erlauben können, ihre Depression öffentlich zu machen - beispielsweise aufgrund beruflicher Benachteiligung oder Mobbing.  Foto: Heike Schülein
Ankunft der sechs Mut-Tandemfahrer in Kronach - unter ihnen auch Julian Lindemann, Ines Wester (linkes Tandem) sowie der Initiator Sebastian Burger (mittleres Tandem, vorne). Mit dem Smiley will man alle Betroffenen repräsentieren, die es sich nicht erlauben können, ihre Depression öffentlich zu machen - beispielsweise aufgrund beruflicher Benachteiligung oder Mobbing. Foto: Heike Schülein
"Depression ist keine Alltagslaune", "Depression ist eine Erkrankung", "Für einen offenen Umgang mit Depression": Drei ganz besondere Fahrzeuge zogen am frühen Dienstagabend die Aufmerksamkeit der Passanten auf dem Marienplatz an. Sechs Tandemfahrer hielten Schilder mit eben diesen Aufschriften in die Höhe oder hatten diese als Fähnchen an ihren Fahrrädern befestigt. Die beiden Frauen und die vier Männer bilden eines von insgesamt vier Sechser-Teams, die sich derzeit auf ihrer Fahrt durch ganz Deutschland für einen offenen Umgang mit dem Thema psychische Erkrankung beziehungsweise Depression einsetzen.
Die sogenannte Mut-Tour wurde 2012 von Sebastian Burger ins Leben gerufen, der auch heuer wieder mit dabei ist. "Die Idee kam mir, als ich selbst im Winter-Blues steckte und ich mir mit Sport an der frischen Luft aus einer antriebsschwachen Phase half", erklärt der Künstler und Projektemacher.


Das "D-Wort"

Der Name ist Programm: Mutige Teilnehmer möchten anderen Menschen Mut machen. Die Perspektive ist es, einmal in einer Gesellschaft zu leben, in der sowohl betroffene als auch nicht-betroffene Personen angst- und schamfrei mit psychischen Erkrankungen umgehen können. Die Teilnehmer nehmen offen das "D-Wort" in den Mund und tragen ihren unverkrampften Umgang mit der Erkrankung nach außen. Ängste und Vorurteile möchten sie abbauen, indem sie mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen.


"Mir tut die Tour gut"

Die Mut-Macher treffen auf ihrer Fahrt täglich Journalisten, um vom Umgang mit (ihrer) Depression zu berichten - so auch in Kronach die Ansprechpartner Ines Wester und Julian Lindemann. Gemeinsam mit ihren vier weiteren Mitstreitern sind sie am Montag in Erlangen losgeradelt. Zwischenstopps legten sie bislang in Forchheim, Bamberg, Bad Staffelstein und Lichtenfels ein. Beide beteiligen sich an der Tour, weil ihnen die Anerkennung von Depression als Krankheit wichtig ist. "Wir wollen aufzeigen, dass Depressionen eine Erkrankung und keine Stimmung ist", betont Julian Lindemann, für den es die zweite Mut-Tour ist. 2016 war er bei der Wandergruppe dabei, heuer nun in der Tandem-Gruppe. "Mir tut die Tour gut. Die Natur und der Sport machen mir den Kopf frei", sagt der gebürtige Nürnberger, der jetzt in Berlin beheimatet ist. Seit drei Jahren leidet er an einer Bipolaren Störung, bekannt auch als manisch-depressive Erkrankung. Es handelt sich dabei um eine schwere, chronisch verlaufende psychische Erkrankung mit starken Stimmungsschwankungen. Zuvor war er selbstständig in der Tourismusbranche. Mittlerweile bezieht er Berufsunfähigkeitsrente. Es gab Zeiten, sagt er, da habe er nicht mehr unter Menschen sein können. Einkaufen im Supermarkt sei für ihn ebenso undenkbar gewesen wie Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln.


"Ernstzunehmende Erkrankung"

Um Menschen mit einer Depression helfen zu können, müsse man erst einmal wissen, was dies überhaupt bedeute. "Das ist nicht so einfach zu erklären. Es gibt verschiedene Ausprägungen, unterschiedliche Auslöser und Ursachen. Sie kann leicht oder schwer sein, schleichend entstehen oder von heute auf morgen. Es gibt eine große Vielfalt", weiß Ines Wester.
Die Ursachen können beispielsweise auch genetisch bedingt sein. In jedem Fall aber sei Depression eine ernstzunehmende Erkrankung. Nichtbetroffene könnten sich nur schwer in die Situation der Erkrankten hineinversetzen. Mit der Tour wolle man auch erreichen, dass die Mitmenschen besser damit umgehen und Betroffene besser verstehen könnten. Nicht oder nur indirekt betroffen ist auch Ines Wester. Sie leidet nicht an einer Depression, wohl aber ein ehemaliger Lebensgefährte von ihr. Für sie ist die Tour wie eine Art Präventionsmaßnahme. Helfen könne man, ihrer Meinung nach, indem man den Betroffenen Verständnis entgegenbringe und ihnen zuhöre, sich interessiere oder auch durch praktische Hilfen im Alltag wie im Haushalt.
"Was uns Betroffenen hilft, sind vernünftige Psychotherapeuten. Aber davon gibt es zu wenige - selbst in Berlin, wo ich wohne. Die Wartezeiten sind lange und die Krankenkassen spielen nicht immer mit", bedauert Julian Lindemann. Dabei betont er, dass es das Ziel eines jeden Betroffenen sei, wieder gesund zu werden und ein "normales" Leben zu führen. Dafür lebe man. Gar nichts brächten dahingesagte Standardsprüche wie "Reiß dich zusammen" oder "Es wird schon wieder", was er zur Genüge gehört habe.
Wie beabsichtigt, habe man bislang mit der Tour viel Aufmerksamkeit erregt - vor allem in kleineren Dörfern. Man sei mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen. Interesse sei vorhanden, aber auch Hemmungen und Unsicherheiten. Negative Erlebnisse hatten sie bislang keine. Für beide ist es eine sehr schöne, intensive Zeit. Sie könnten sich auch vorstellen, 2018 wieder mit dabei zu sein. Die Gruppe versorgt sich selbst und übernachtet in der Regel an öffentlichen Plätzen im Freien. Wenn sich nichts ergebe oder es stark regne, klingele man beispielsweise bei der Feuerwehr oder bei Kirchen.
Um 7 Uhr wird gefrühstückt, dann geht es auf Tour. An jedem Tag stehen mehrere Interviews mit Journalisten an. Am Samstag kommt das Team in Leipzig an, wo man am 4. Deutschen Patientenkongress Depression teilnimmt. Dieser steht heuer unter dem Motto: "Den Betroffenen eine Stimme geben" - genau das, was Sebastian Burger, Ines Wester und Julian Lindemann und all die anderen Mut-Macher mit ihrer Tour tun.


Mut-Touren und Kontakt

Touren Bis 2016 haben 126 depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen über 22 000 Kilometer zurückgelegt. Heuer kommen 3270 Kilometer hinzu, wenn sich vom 10. Juli bis 25. August zwei Tandemteams, ein Wander- und ein Kajak-Team 48 Tage lang auf elf Etappen durch ganz Deutschland bewegen. Die 45 neuen und alten Teilnehmer erleben, wie Sport ohne Leistungsdruck in Kombination mit Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben kann. Für die Mut-Tour 2018 werden schon jetzt Teilnehmer mit und ohne Depressionserfahrung gesucht - mit Lust, eine sechs- bis achttägige Etappe mitzufahren. Zwischen Juli und September 2018 ist man zu sechst im Zelt-Modus unterwegs und trifft Journalisten (www.mut-tour.de).

Kontakt Anlaufstellen gibt es unter "Betroffene" auf www.deutsche-depressionshilfe.de, Foren: www.diskussionsforum-depression.de und www.fideo.de, regional: Sozialpsychiatrischer Dienst, Schwedenstraße 2, 96317 Kronach, Telefon 09261/3055 (nicht auf Depression spezialisiert, kann aber bei der Suche nach geeigneter Beratung vor Ort helfen) hs
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren