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Interview

Zehnmal durch die Hölle und zurück: Ein Vergewaltigungsopfer erzählt

Yvonne Schneider ist vor elf Jahren vergewaltigt worden. Ein Vorfall, der ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt hat und über den sie nun redet.
Yvonne Schneider ist vor kurzem wieder in den Landkreis gezogen. Im Interview redet sie sehr offen über ihre Erlebnisse. Foto: Marian Hamacher
 
von LISA KIESLINGER
Yvonne Schneiders Lächeln ist schon von Weitem zu erkennen, als unsere Reporterin sie zum Interview vor einem Café in Kronach trifft. Sie wirkt stark und selbstbewusst. Doch wenn man weiß, was die 38-Jährige in ihrem Leben alles erlebt hat, fragt man sich, wie sie das durchgestanden hat: "Ich bin nicht nur einmal durch die Hölle, sondern zehn Mal hin und zurück", sagt Yvonne Schneider, die aus Wilhelmsthal stammt.


Erlebnisse immer noch so präsent wie damals

Als 27-Jährige ist sie vergewaltigt worden. Die Bilder sind nach elf Jahren immer noch genau so präsent wie damals. Als es passierte, war sie mit einigen Freunden auf der Feier ihres damaligen Freundes im Landkreis Kulmbach. Sein Sandkastenfreund lockte sie ins Badezimmer. "Er hat mich auf den Boden geworfen, meine Nase und meinen Mund zugehalten und meinen Kopf gegen die Tür gedrückt", erzählt die 38-Jährige. Als sie von dem Vorfall erzählt, merkt man, wie sich auf einmal ein Schalter in ihrem Kopf umlegt: Die selbstbewusst und fröhlich wirkende Frau wird plötzlich unsicher und zweifelt an sich. Ihre Hände fangen an zu zittern.

Nachdem der Täter das Badezimmer verlassen hatte, wischte sie unter Schock mit einem Handtuch das Blut auf dem Boden weg. Es war ihr erstes Mal. "So stellt sich eine junge Frau das definitiv nicht vor", sagt Yvonne Schneider mit zitternder Stimme. Erst drei Tage später ging sie zu einer Frauenärztin und zeigte die Vergewaltigung an. "Als ich vernommen wurde, kam ich mir vor, als wäre ich die Verbrecherin." Auch alle Gäste von der Feier mussten damals aussagen. Darunter auch eine langjährige Freundin. Doch niemand scheint Yvonne Schneider geglaubt zu haben. "Alle haben mich danach fallen lassen. Es war niemand mehr da."


Sie will Opfern Mut machen

Yvonne Schneider zog sich immer mehr zurück und griff jeden Tag zum Alkohol. "Ich konnte da zum Glück relativ schnell die Bremse reinhauen, weil mein Papa Alkoholiker ist. Ich wollte nicht so werden wie er", erzählt sie. Als fünfjähriges Mädchen sei sie von ihrem Vater geschlagen worden. "Ich hatte als Kind vor nichts Angst, bis zu dem Tag als mein Vater mich gegen die Heizung schleuderte."

Viele Jahre konnte Yvonne Schneider nicht über das Erlebte sprechen. Wegen ihrer posttraumatischen Belastungsstörung ist sie in Therapie. "Ich will Opfern einfach Mut machen, sich direkt zu wehren und nicht zu lange zu warten", erklärt Yvonne Schneider, warum sie ihre Geschichte öffentlich macht. "Ich war solange ruhig und habe mich versteckt, damit ist nun Schluss."


Einfach mal abschalten - so einfach ist das nicht

Das Schwimmen und ihre Hündin Boney geben ihr Kraft. "Wenn ich unter Wasser bin, kann ich alle Reize für kurze Zeit mal ausblenden." Ihr einziger Ausgleich. Ihre neunjährige Hündin habe ihr über viel hinweggeholfen. "Ohne sie wäre ich nicht mehr vor die Tür gegangen. Wer weiß, vielleicht würde ich ohne sie gar nicht mehr hier sitzen."

Trotz ärztlichem Attest und den Zeugenaussagen - es kam nie zu einer Verurteilung des Mannes. "Am Schlimmsten ist für mich das Gefühl, dass er immer noch draußen herum läuft", sagt Yvonne Schneider mit brüchiger Stimme. Jahrelang habe sie versucht, die Zeugenaussagen schriftlich zu bekommen, um gerichtlich noch einmal gegen ihn vorzugehen. Erst vor einem Jahr habe sie die Aussagen zum ersten Mal gesehen.

Ihre jetzige Anwältin mache sich als Erste und Einzige die Mühe, diese konkret durchzuarbeiten. "Sie hat mir gesagt, dass es jetzt schon zu lange her ist. Die Chancen liegen bei null", meint die 38-Jährige. Vor fünf Jahren wären sie laut Anwältin noch größer gewesen.


Wie kann man wieder vertrauen?

Noch bis heute leidet die 38-Jährige unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei der Jobsuche und auch bei persönlichen Beziehungen komme sie deshalb nicht weiter.
Einige Jahre nach der Vergewaltigung habe sie wieder einen Mann kennengelernt. "Aber sobald es persönlich wird, baue ich eine Mauer um mich herum", erzählt sie. Noch dazu kommt: "Sobald ich einen Mann sehe, der mich an ihn erinnert, gehen bei mir die Rollläden runter." Allgemein falle es ihr schwer, zu Leuten Vertrauen aufzubauen. "Die Einzige, die ich habe, ist meine Mama."

In den letzten elf Jahren ist Yvonne Schneider oft umgezogen. Zuletzt lebte sie in Kitzingen, bevor sie wieder in den Landkreis gezogen ist - diesmal nach Weißenbrunn - , um sich mit um ihre 83-jährige Oma zu kümmern. "Ich bin ruhelos. Ich will endlich mal irgendwo ankommen", erzählt Yvonne Schneider. Doch auch in ihrer alten Heimat hat das nicht funktioniert: Sie fühlt sich in Weißenbrunn einfach nicht wohl.

Derzeit überlegt sie, wieder nach Unterfranken zu ziehen. "Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiterkomme - egal in welcher Hinsicht." Manchmal fühle sie sich, als wäre sie am Rande des Wahnsinns. Und dabei will sie nur in ein normales Leben zurück - mit sozialen Beziehungen, einem Job und ohne Angst.



Inge Schaller vom Weißen Ring: "Kein Opfer hat Schuld an der Situation"

Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger und bundesweit tätiger Opferhilfeverein mit 3200 ehrenamtlichen Helfern und 420 Außenstellen. Eine davon ist auch in Kronach und wird von Inge Schaller geleitet.
Gemeinsam mit ihrem Team aus ehrenamtlichen Helfern will sie Opfern nach einer Gewalttat helfen, wieder zurück ins Leben zu finden. Der FT hat sie zum Interview getroffen.

Wenn eine Frau vergewaltigt wurde, was soll sie dann tun?
Inge Schaller: Frauen ziehen sich meist aus Scham zurück, machen den Fehler zu baden oder zu duschen.
Sie sollten sich unbedingt vertrauten Personen anvertrauen. Kein Opfer hat Schuld an der Situation. Eine Freundin oder Eltern zum Reden, ein Arzt, die Polizei, das Krankenhaus oder die Gerichtsmedizin Erlangen können helfen.

So können wichtige Spuren gesichert werden die zur Aufklärung dienlich sind. Kinder sollten sich immer den Eltern oder einem Lehrer anvertrauen.

Wo bekommt man im Landkreis Hilfe?
Bei der Polizei, bei der Opferhilfe Weißer Ring, einem Notfallseelsorger, im Krankenhaus oder bei seinem eigenen Hausarzt.
Wie wichtig ist es, dass sich Frauen nach einer Vergewaltigung professionelle Hilfe suchen?
Nicht nur körperlich leiden die Opfer nach einer Vergewaltigung. Sie sind psychisch auch sehr belastet.
Hilfe durch professionelle Psychologen ist angebracht. Diese helfen, solche Situationen zu verarbeiten. Der Weiße Ring hilft zeitnah bei der Vermittlung.

Viele Opfer leiden nach einer Vergewaltigung unter posttraumatische Belastungsstörungen - was sind Gründe dafür?
Durch die Verdrängung der Tat aus Angst und Scham ziehen sich viele Opfer zurück und durchleben die Tat teilweise erneut in Alpträumen.

Wie äußern sich posttraumatische Belastungsstörungen im Alltag?
Betroffene bekommen Schlafstörungen und es kann sich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten entwickeln. Die Opfer verlassen kaum noch das Haus und bekommen bei alltäglichen Situationen Angstzustände.

Was kann man dagegen machen?
Es kann helfen, mit Ärzten, Psychologen und Vertrauten zu reden und so das Erlebte aufzuarbeiten. Vergessen werden die Opfer den Vorfall nie, aber vielen gelingt es, wieder zum Alltag zurück zu finden.


Das Gespräch führte
Lisa Kieslinger



Hilfe Wenn jemand vergewaltigt wurde, ist es wichtig, so schnell wie möglich professionelle Hilfe aufzusuchen.
Im Landkreis Kronach können sich Opfer an Inge Schaller, Leiterin vom Weißen Ring Außenstelle Kronach, wenden: Tel.: 09263/975910, E-Mail: wr-kronach@t-online.de.

Die Polizeiinspektion Kronach ist unter 09261/5030 zu erreichen und die in Ludwigsstadt unter 09263/975020.

Zum Team der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) des Landkreises gehören Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche sowie Mitglieder anderer Rettungsmannschaften (Rotes Kreuz, DLRG).
Kontakt: Pfarrer Gerald Munzert, Tel.: 09264/9757, E-Mail: gerald.munzert@elkb.de lk
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