Heimatkunde

Vergessener Güldenstein

Erinnerungen an ein vergessenes Gut mit Vogelherd, genannt der "Güldastaa".
Über den Güldenstein führen der Frankenweg und der Güldensteinweg DÖ 53. Foto: Alexander Grahl
 
Östlich von Wallenfels, im Grenzbereich der Landkreise Kronach und Kulmbach, liegt die "grüne Stube des Frankenwaldes", die Köstenschmölz. Wer von diesem romantischen Tal hinauf nach Köstenberg wandert, wo einst der bekannte Wallenfelser Marmor gebrochen wurde, gelangt durch schattige Buchen- und Fichtenwälder auf eine kleine Lichtung mit uralten Linden- und Kastanienbäumen. An diesem verträumten, fast ein bisschen anheimelnden Ort hat die Natur ihren Mantel über ein altes, verfallenes Gehöft gebreitet: das vergessene Gut Güldenstein.


Namensgeber?

"Der Güldastaa", wie er im Volksmund genannt wird, der den Bayerischen Staatsforsten, Forstbetrieb Nordhalben (AöR) zugeordnet ist, hatte bis zu seinem Niedergang Anfang des letzten Jahrhunderts eine außergewöhnliche Geschichte. Es ist also schon hundert Jahre her, dass dort "kein Rauch mehr aufsteigt", wie es in alten Zinsregistern heißt, wenn von "gültpflichtigen", sprich abgabepflichtigen Behausungen die Rede ist. Man vermutet, dass dieses "Gültgeben" dem Güldenstein zu seinem Namen verhalf.
Die erste urkundliche Erwähnung vom Güldenstein geht auf das Jahr 1550 zurück, als Bischof Weigand von Bamberg dem Ritter Erhard von Wildenstein zu Presseck bewilligte, seiner Tochter Katharina, die noch nicht "vergeben" war, 300 Gulden Heiratsgut auf den Fürstenhof, den Güldenstein und einen Hof in Schlopp zu vermachen. Im Jahr 1591 ging neben anderen Besitzungen auch der Güldenstein als abgabepflichtiges Gut käuflich von der "Jungfer Katharina", wie sie im Zinsregister genannt wird, an Hans Adam von Wildenstein zu Schlopp über.
Ende des 17. Jahrhunderts wurde der Gesamtbesitz der Herren von Wildenstein und damit auch der Güldenstein durch den Grafen Voit von Rieneck erworben, der den Amtssitz für diesen Teil seiner Ländereien von Presseck nach Heinersreuth verlegte. Als im Jahr 1806 der gräfliche Besitz, die sogenannte Wildensteinsche Herrschaft, unter bayerische Verwaltung des Landgerichts Stadtsteinach kam und einige Zeit später die bayerischen Landgemeinden gebildet wurden, gelangte der Güldenstein als Ortsteil zur Gemeinde Heinersreuth.
In einer nach dem Stand von 1792 gefertigten und im "Historischen Atlas von Bayern" veröffentlichten Übersicht der Behördenorganisation und der Ortschaften findet sich für den Güldenstein folgender Eintrag: Güldenstein; Hochgericht: Herrschaft Wildenstein, Halsgericht Presseck. Pfarrei: Presseck, evangelisch. Herrschaft Wildenstein: Gut mit Vogelherd und allen Rechten. Noch heute erinnert der Name Vogelherd, ein nordwestlich vom Güldenstein gelegenes Waldgrundstück, an das Recht des Vogelfangs für dieses Gut. Je nach Lage, Ausstattung und Beschaffenheit gab es Feld- und Waldherde, Lerchen- und Finkenherde. Das Recht auf einen solchen Herd und das Fangrecht verliehen die Grundherren. Gefangen wurden der Krammetsvogel, alle Finkenarten, die Lerchen, Meisen, Amseln, dazu Feldhühner und Wachteln. Zum Fangen verwendete man Vogelleim aus der Mistelbeere, den Netzbeutel, biegsame Ruten und Schlingen, Schlaggarne, Meisenkästen mit Ködern und Lockvögel.
Die Grundherrschaft kümmerte sich bei den genehmigten Vogelherden um die verordneten jährlichen Fangzeiten und um die Einhaltung der Verkaufsvorschriften für die erbeuteten Vögel. So durften beispielsweise Vögel jeglicher Größe nur mit ungerupftem Kopf und Schwanz angeboten werden, "damit jedermann erkennen möge, was für einen Vogel er kaufe". Wie lange der Vogelfang am Güldenstein ausgeübt wurde, ist nicht bekannt. Seit 1883 jedenfalls waren seine Bewohner in den Heinersreuther Standesamtsbüchern als Waldhüter, Handweber und Tappenmacher eingetragen.
Bereits in dieser Zeit wurde im deutschsprachigen Raum ein Vogelschutzgesetz erlassen, das den Vogelfang zunächst merklich erschwerte und ihn dann um die Jahrhundertwende in Deutschland völlig zum Erliegen brachte, während in anderen Nachbarländern die Vogelschutzorganisationen heute leider noch immer darum kämpfen müssen. Was geblieben ist am Güldenstein, sind von Ginster, Heidekraut und Schwarzem Holunder überwucherte Mauerreste und ein marodes Kellergewölbe, das den Fledermäusen als Zufluchtsstätte dient. Vielleicht sind dort auch die Seelen der Ahnen, die daran erinnern, wie mühselig die Güldastaaner jahrhundertelang den Boden an den Hanglagen bewirtschaften und alle sich bietenden Erwerbsmöglichkeiten wahrnehmen mussten, um in der tiefen Einsamkeit des alten Nortwaldes zu überleben.
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