Abschiebung

Rückblick: Nordhalben kämpft gegen Abschiebung

Eine aus dem Kosovo geflohene Familie musste Ende des Jahres 2000 wieder zurück in die Heimat - obwohl sie bereits gut integriert war.
Das Familien-Schicksal der aus dem Kosovo stammenden Familie bewegte im Jahr 2000 die Bürger in Nordhalben.  Foto: Alexander Löffler
 
von FRIEDWALD SCHEDEL
Manchmal versteht man die Welt nicht mehr, die Vorschriften und Paragrafen schon gar nicht. So erging es den Nordhalbenern Ende des Jahres 2000. Eine Familie aus dem Kosovo, die sie lieb gewonnen hatten, die sich integriert hatte, musste nach acht Jahren den Frankenwald verlassen, in ihr vom Bürgerkrieg zerstörtes Dorf im Kosovo zurück.
Der 1992 gestellte Asylantrag der Familie war zwei Jahre später abgelehnt worden, inzwischen alle Gerichtsinstanzen waren durchlaufen. Die Ausländerbehörde am Landratsamt Kronach hatte keinen Entscheidungsspielraum, musste die Familie zur Ausreise auffordern oder zwangsweise abschieben, weil die Rechtslage eindeutig war.
Die Nordhalbener gingen trotzdem auf die Barrikaden, denn sie hatten die Familie Menxhiqi ins Herz geschlossen. Vater, Mutter und drei Kinder waren ein Musterbeispiel für Integration. Die beiden jüngsten Kinder sprachen ausschließlich Deutsch, wären in ihrem Heimatland in der Fremde gewesen. Ihr Haus war im Bürgerkrieg in Brand gesetzt worden, total zerstört. Zusätzlich würden die Kinder mitten im Schuljahr aus dem Unterricht gerissen, argumentierten die Bürger. Die jüngste Tochter wurde in Deutschland geboren. Der älteste Sohn, im Jahr 2000 zwölf Jahre alt, ging in Kronach aufs Gymnasium. Mit der Ausweisung aus Deutschland werde die Familie ein zweites Mal vertrieben, erbosten sich die Bürger.
Doch Integration ist kein Asylgrund. Wäre nur ein Familienmitglied verfolgt worden, die Familie hätte Asyl erhalten. So entschied der so genannte "Entscheider" beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, dass der Asylantrag abzulehnen sei. Pikanterweise erhielt der in Hamburg lebende Bruder des Familienoberhaupts Asyl, obwohl dessen Argumentation kaum anders gewesen sein konnte als die der Familie Menxhiqi. Ein weiterer Bruder war in Schweden umgebracht worden.
Einer, der im Jahr 2000 für die Familie Menxhiqi gekämpft hat, ist Helmut Köstner. Bis vor fünf Jahren hatte er noch Kontakt zu den Kosovaren. Deshalb weiß er, dass die fleißigen Leute "wieder auf die Füße gefallen sind. Das sind tüchtige Leute. Die kommen überall zurecht."


Große Hilfsbereitschaft

Auch in Nordhalben waren die Menxhiqis ein Musterbeispiel für Hilfsbereitschaft. Der Vater sagte immer zu Helmut Köstner: "Deutschland hat so viel für uns getan. Ich will helfen!" Und er packte überall an, wo er gebraucht wurde, fand sich in alle handwerklichen Arbeiten sofort ein, wäre von Firmen übernommen worden. "Es ist ihm alles von der Hand gegangen", beschreibt Helmut Köstner noch immer bewundernd die Geschicklichkeit des Kosovaren. Köstner ist froh, dass die Menxhiqis in ihrer Heimat Fuß gefasst haben. Der Sohn, der in Kronach das Gymnasium besuchte, absolvierte auch das Gymnasium im Kosovo als Klassenbester und ist inzwischen Bankdirektor.
Die große Tochter ist in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort hält sich wahrscheinlich auch der Vater auf, weil ihn Helmut Köstner seit einiger Zeit nicht erreichen kann. "Das sind ganz klasse Leute. Und so was schickt man wieder weg?", sagt Helmut Köstner mit Unverständnis. Andererseits habe er auch nichts Anderes von der Familie aus dem Kosovo erwartet.
Die Familie Menxhiqi sei über Italien nach Hause gefahren. Bis dorthin habe er sie begleitet, habe sogar noch ein Notstromaggregat mitgegeben, weil es in der Heimat keinen Strom gegeben habe. Unsichere Zeiten seien es damals trotzdem gewesen. "Deshalb war ich froh, als ich hörte, dass sie gut angekommen sind." Allerdings musste die Familie Menxhiqi sich alles erneut aufbauen - mit Erfolg, wie Helmut Köstner zu berichten weiß.
Die Familie Menxhiqi war übrigens nicht die einzige aus dem Kosovo, die damals den Kreis Kronach verlassen musste. Ende des Jahres 2000 hielten sich noch 52 Bürgerinnen und Bürger aus dem Kosovo im Kreis Kronach auf. 23 hatten bereits 1999 die Heimreise angetreten, 54 verließen in den ersten zehn Monaten des Jahres 2000 den Frankenwald freiwillig. Neun Personen musste man abschieben.
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