Bildung

Kronachs "zweieinhalbste" Realschule

Die CSU wurde am Mittwochmorgen in Neukenroth konkret, was ihr Konzept für eine weiterführende Schule im nördlichen Landkreis Kronach betrifft.
Theoretisch könne das Angebot schon im kommenden Schuljahr starten, erklärte Kultusminister Ludwig Speanle (links) in Neukenroth. Der CSU-Landtagsabgeordnete Jürgen Baumgärtner (Mitte) möchte jedoch nichts überstürzen. Foto: Marian Hamacher
 
von VERONIKA SCHADECK
Es ist ein Paukenschlag, den kaum noch jemand erwartet hatte. Bereits im nächsten Jahr, eher aber in zwei Jahren, könnte es an der Pressiger Schule eine zweizügige Realschule geben. Am Mittwoch ließ Ludwig Spaenle (CSU), Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, im Neukenrother Hotel Rebhan mit der Grundsatzentscheidung die berühmte Katze aus dem Sack. Bei der Schulform handelt es sich um eine Kooperation mit der Maximilian-von-Welsch-Realschule (RS I) in Kronach. Die Schüler, die nach Pressig gehen würden, wären demnach offiziell RS I-Schüler. Losgehen soll es ab der 5. Klasse.

Die Nachricht kam völlig überraschend. Die CSU-Kreistagsfraktion sprach zwar von einer Verbesserung des Schulangebotes, aber ein konkretes Konzept beziehungsweise einen Zeitplan gab es nicht. Zuerst müsse die Schülerbeförderung unter Dach und Fach gebracht werden, lautete lange Zeit das CSU-Mantra.


Kleinere Klassen

Die SPD-Fraktion hingegen träumte von einer Gemeinschaftsschule im Norden. Diese Schulform wurde von der Partei gar als einzige Möglichkeit für den ländlichen Raum gesehen. Und nun das: Eine Realschule in Pressig. "Das ist ein guter Tag für die Region", sagte CSU-Landtagsabgeordneter Jürgen Baumgärtner zufrieden. Durch eine zusätzliche Realschule in Pressig und damit kleinere Klassen werde die Qualität gesteigert. Zudem seien die Schulwege kürzer, und der Wert von Immobilien steige. "Für mich ist ein persönlicher Traum in Erfüllung gegangen", stellte er fest.

Spaenle betonte, dass er sehr froh sei, bei dem Flächenlandkreis Kronach und der vorhandenen, schwierigen Schulstruktur nun eine Lösung gefunden zu haben. Im Konzept der CSU sieht er auch ein Stück "Investition in die Zukunft". Er versicherte zudem, dass die Mittelschule durch das neue Angebot nicht angetastet werde. Das Realschulangebot in Pressig soll auch nicht dazu führen, dass die Schulen im südlichen Landkreis Kronach darunter leiden.


Eine Gemeinschaftsaufgabe

Als Gemeinschaftsaufgabe wertete Spaenle das weitere Vorgehen. Zunächst muss nun der Kreistag den entsprechenden Antrag für eine Realschule in Pressig stellen. Da die bestehenden Realschulen in Kronach nicht beeinträchtigt werden sollen, werden vorerst so genannte Vorläuferklassen in Pressig eingeführt. Also man fängt mit den fünften Klassen an.

Es soll eine Projektgruppe unter der Federführung der RS I-Schulleiterin Christa Bänisch gegründet werden. Bänisch, so Baumgärtner, komme vom Fach, kenne den nördlichen Landkreis und stehe mit Lehrern wie Eltern in Kontakt. Diese Projektgruppe soll in engem Kontakt mit dem Landkreis sowie dem Kultusministerium stehen. "Sie müssen uns sagen, was wir tun müssen", sagte Baumgärtner zu Bänisch.


Bei Eltern Akzeptanz finden

Der Landtagsabgeordnete begründete den Standort für die mögliche neue Realschule mit der zentralen Lage von Pressig. Die Gemeinde sei sowohl auf der Straße als auch per Schiene gut angebunden. Zudem finde Pressig bei den Eltern eine entsprechende Akzeptanz.

Laut Spaenle würden die Mittelschule in Pressig und die neue Realschule in einigen Bereichen kooperieren. Die Autonomie bleibe aber bestehen. "Es sind zwei eigenständige Schulen", betonte der Minister. Es gehe schlicht darum, den Schülern und Eltern ein breites und möglichst wohnortnahes Bildungsangebot zu präsentieren. Er betonte auch, dass "beide Abschlüsse gleich viel wert sind, aber halt andersartig".

Spaenle hielt es durchaus für möglich, dass mit den Vorläuferklassen schon im kommenden Jahr gestartet werden kann. "Qualität geht aber vor Zeit", bemerkte Baumgärtner. Erst wenn von der Projektgruppe grünes Licht komme, gehe es los. "Die neue Schule ist ein Pflänzchen, das wir nun hegen und pflegen müssen."


Eine mutige Entscheidung

Im Klartext: Der Start mit den Vorläuferklassen kann auch erst zum Schuljahr 2018/2019 oder ein Jahr später passieren. "Es wird eine spannende Zeit", vermutet Christa Bänisch. Sie sprach davon, dass sie ihre Verantwortung gegenüber 40 Lehrkräften und 600 Schülern an der RS I sehr ernst nehme. Und mit der gleichen Ernsthaftigkeit werde sie das Projekt "Realschule in Pressig" angehen. "Ich bin sehr dankbar, dass sich Bänisch für diese Aufgabe bereit erklärt hat", lobte der bayerische Kultusminister. Es sei eine sehr mutige Entscheidung. Aber sie werde den Anforderungen schon gewachsen sein.

"Wir haben seit Jahren versucht, eine Verbesserung der Schulsituation zu finden", sagte Landrat Oswald Marr (SPD). Der Landkreis habe auch die Schulthematik über die Parteigrenzen hinweg in den Mittelpunkt gestellt und Millionen von Euros für die Bildungspolitik ausgeben: "Aber eine Schule im Norden ist uns nicht gelungen."


Das sagen die Landratskandidaten

Es war das Thema, das im Landratswahlkampf am kontroversesten diskutiert wurde. Fünf Tage vor der Wahl wurde nun ein Schlussstrich unter die Dauerdiskussion gezogen, die im Grunde mit dem Bau des Kronacher Schulzentrums vor rund 40 Jahren begonnen hatte. Sichtlich zufrieden saß der CSU-Landratskandidat Klaus Löffler daher auch bei der Pressekonferenz des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle auf dem Podium.
Die Etablierung eines weiterführenden Schulangebotes sei aus mehreren Gründen notwendig, sagte Löffler. Zum einen würden die Schüler durch kürzere Schulwege entlastet, andererseits werde auch die Chancengleichheit zwischen den Heranwachsenden im nördlichen und südlichen Landkreis erhöht. Das weiterführende Schulangebot diene zudem zur Sicherung von Fachkräften. Außerdem hofft Löffler auf einen erhöhten Zuzug von Fachkräften.

Der Steinbacher Bürgermeister ließ keinen Zweifel daran, dass trotz der Etablierung des weiterführenden Schulangebotes am Thema "Schülerbeförderung im gesamten Landkreis, von Norden, Osten und Süden" festgehalten werde. "Wir werden alles Mögliche tun, damit sich die Schülerbeförderungszeiten reduzieren werden", versprach er.


Durchbruch wurde geschafft

Neidlos erkennt SPD-Landratskandidat Norbert Gräbner das Wirken der Frankenwald-CSU an: "Ich begrüße das natürlich. Wir wollten eine weiterführende Schule im Norden." Nun sei ein Durchbruch in der Schulstruktur geschafft. Und die Realschule sei im Grunde genommen sogar "verwandt" mit der von der SPD propagierten Gemeinschaftsschule.

In der praktischen Umsetzung gelte es nur, ein Augenmerk darauf zu haben, wirklich keine andere Schule durch dieses Projekt zu gefährden. Wenn das gewährleistet sei, "dann gibt es von uns ein klares Statement: Wir halten das für gut."

Weitere Stimmen zur Entscheidung:

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Richard Rauh, hatte noch am Montag gefordert, dass die CSU endlich ein Konzept für eine Schule auf den Tisch bringen soll. Nun schlägt er milde Töne an: "Prinzipiell kann man nicht dagegen sein, wenn es eine Verbesserung der Schulsituation im Kreis Kronach gibt." Deshalb wünscht sich Rauh jetzt eine breite Basis für das neue Konzept. Es gehe bei der Umsetzung um eine Grundsatzentscheidung, und die müsse man gemeinsam tragen, damit etwas Gutes daraus werde. Auf alle Fälle dürfe man diesen Fortschritt jetzt nicht zerreden. Rauh unterstreicht aber auch, dass bei der CSU offenbar ein Umdenken eingesetzt habe. Dort habe man nun doch das Thema "Schule" dem Thema "Schülerströme" vorgezogen. Das ständige Nachhaken der SPD sei dabei vielleicht der stete Tropfen gewesen.

Mit dieser Ansicht steht er in den Reihen der Sozialdemokraten nicht alleine da. Der Ludwigsstädter Bürgermeister Timo Ehrhardt (SPD) begrüßt ebenfalls die Zusage des Ministers. "Und ich danke dem Landtagsabgeordneten Baumgärtner, der großen Einsatz gezeigt hat." An dieser Stelle gelte es, auch den politischen Erfolg anderer zu würdigen. Die SPD habe die Gemeinschaftsschule angestrebt, weil sie gemäß der Potenzialanalyse keine anderen Schulen gefährdet hätte. Doch wichtig sei nur, was für die Schüler gut ist und dass ein vernünftiges Angebot etabliert werden kann. Bloß den Standort der neuen Schule hätte Ehrhardt gerne weiter im Norden gesehen.

Für die Teuschnitzer Bürgermeisterin Gabriele Weber (CSU) wäre es ein Traum, wenn eine wohnortnahe Beschulung möglich werden sollte. Gerade für die jüngeren Schüler wäre es ihrer Meinung nach eine wesentliche Erleichterung. Der Tettauer Bürgermeister Peter Ebertsch (Bündnis für Tettau) spricht von "einem Tag, wie er nicht schöner sein könnte". Allein aus Tettau besuchten 15 Schüler benachbarte Schulen in Thüringen. "Mir ist es lieber, wenn die in Zukunft wieder nach Bayern zur Schule gehen." Die Realschule in Pressig sei wichtig für die demografische Entwicklung im Norden des Landkreises.

Hans Pietz (FW), Bürgermeister von Pressig meint: "Es ist toll! Was wir gebraucht haben, war eine Entscheidung. Jetzt haben wir die Möglichkeit, in Pressig eine Schulsanierung zu planen." Und der Pressiger Gemeinderat Reinhold Heinlein (CSU) schließt sich an: "Die größten Gewinner dieser politischen Entscheidung sind die Kinder des Nordens. Das Bildungsangebot wird somit in enormer Weise aufgewertet."

Wolfgang Beiergrößlein (FW), Bürgermeister von Kronach, freut sich, dass der Norden gestärkt wird, ohne Kronach zu schwächen. "Es wird Synergien geben, die wir für den gesamten Landkreis nutzen können", prophezeit er. Der CSU-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Bernd Liebhardt, spricht von "einem großen Tag" und "einer historischen Entscheidung". Es sei ein Erfolg, die Bildungslandschaft nun zukunftsfähig zu machen. "Wir bleiben aber dran am Thema. Dabei denke ich an eine FOS, an Kooperationen mit den Fachhochschulen." Ziel sei es, ein breit gefächertes und tief greifendes Bildungsangebot im Landkreis anzubieten.

Der Kreistagsfraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Stefan Wicklein, freut sich grundsätzlich über jeder Strukturentwicklung im Landkreis - besonders wenn sie für gleiche Lebensbedingungen sorgen. Er tritt aber noch etwas die Euphoriebremse: "Jetzt muss man erst einmal die genaue Ausgestaltung des Angebots abwarten." Dann müsse man auch noch sehen, wie die Schule von den Eltern und Schülern angenommen wird.

Der FDP-Kreisvorsitzende Björn Cukrowski ist froh, dass die beinahe vier Jahrzehnte andauernde Diskussion nun beendet ist. "Prinzipiell ist das sehr, sehr schön. Das hätte es schon lange gebraucht." Es müsse nun aber aufgepasst werden, dass auch genug Schüler für drei Realschulen im Landkreis zur Verfügung stehen. "Da ist die Frage, ob die Zahlen das hergeben, dass eine Schule erfolgreich geführt werden kann? Aber da werden sich die Herren Minister schon etwas bei gedacht haben - hoffe ich zumindest."

Von der Schulform sei er nicht vollends überzeugt. Zwar halte er nichts von einer Gemeinschaftsschule, wie sie die SPD gefordert hatte, favorisiere aber ein Modell wie die Staatliche Gesamtschule Hollfeld im Landkreis Bayreuth. "Da hat man drei Schulformen unter einem Dach und in der 4., 5. und 6. Stufe Orientierungsklassen. Erst danach wird entschieden, auf welche Schule das Kind kommt", erklärt Cukrowski. "Diese Geschichte ist meines Erachtens die beste Schulform."

An der gewählten Schulform hat Kreisrätin Petra Zinkel-Schirmer (Frauenliste) dagegen nichts auszusetzen. "Spaenle hat deutlich gemacht, dass keine andere denkbar ist. Unter den jetzigen Umständen halte ich die Entscheidung für richtig." Generell begrüße die Frauenliste die neue Schule. "Wie jede weitere", betont Zinkel-Schirmer. "Zum Beispiel die Fachoberschule in Ludwigsstadt."
Kritisch sieht sie hingegen den Zeitpunkt. "So kurz vor der Landratswahl halte ich es für etwas plakativ und überstürzt.

Hans Rebhan (Vizepräsident IHK) erklärt: "Für mich als Vertreter der Wirtschaft ist es ein wichtiger Tag. Was mir Freude bereitet, ist, dass es diesmal bezüglich der Standortfrage einer weiterführenden Schule keine Diskussionen wie in den 70er Jahren gegeben hat."

Aus der Sicht des Pressiger Schulleiters Reinhard Horn ist ein derartiges Angebot für die Landkreis-Mitte und den Norden immer von Vorteil. Wenn die Schülerzahlen reichen und keine andere Schule dadurch gefährdet wird, dann befürwortet er dieses Vorhaben. Er weist allerdings auch darauf hin, dass bei der Realisierung der Raum- und Sanierungsbedarf in der Pressiger Schule in den Blickpunkt rücken muss.


Kommentar von Veronika Schadeck

Es gibt keine Verlierer

Es war keine Wahlkampfveranstaltung, sondern ein Paukenschlag. Es ist eine Nachricht, die wohl keiner mehr erwartet hat und bei der vor allem die Kinder des Nordens die Gewinner sind.

Seit über 40 Jahren sorgt die weiterführende Schule für teilweise kontroverse Diskussionen an Stammtischen, bei Unternehmertreffen, Veranstaltungen, Familienfeiern und manchmal gar auf dem Sportplatz. Und nun kommt diese Schule nach Pressig.

Bei vielen Zusammenkünften appellierten Unternehmer aus der Rennsteig-Region an die Politiker, sich doch für eine weiterführende Schule einzusetzen. Gilt es doch, die bestehenden rund 5000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in der Rennsteig-Region zu sichern, gilt es doch Fachkräfte anzusiedeln, und da ist eben eine wohnortnahe weiterführende Schule von elementarer Bedeutung.

Die Antwort fiel meistens vage aus. Fast jeder Politiker wünschte sich eine weiterführende Schule im Norden, aber selten nur hielten einige dies für realisierbar. Oftmals wurde dieser Wunsch belächelt.

Deshalb ist es umso erfreulicher, dass der CSU-Landtagsabgeordnete Jürgen Baumgärtner zusammen mit seinem Team und Klaus Löffler nun endlich Nägel mit Köpfen machen konnte. Auch wenn Baumgärtner teilweise als Politiker umstritten ist, eines muss man ihm lassen: Er arbeitet beharrlich und zielorientiert. Selbst wenn er für seine Ziele die halbe Nacht am runden Tisch in München sitzt.

Was außerdem noch zu bemerken ist, das Thema weiterführende Schule ist für Löffler und Baumgärtner nicht nur seit dem Landratswahlkampf relevant, es hatte schon Stellenwert, als beide noch Führungskräfte der Jungen Union waren.

Nun kommt es vor allem auf die Eltern im Norden des Landkreises an, das Bildungsangebot auch zu nutzen. Denn nur wenn Pressig Akzeptanz findet, kommt diese Grundsatzentscheidung letztlich zum Tragen.
Diese Chance darf schon wegen der Kinder in der Rennsteig-Region nicht vertan werden. Denn bei diesem Schulkonzept gibt es keine Verlierer. In Bayern wird es sicherlich für Furore sorgen.
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