Kronach
Gedanken zur Weihnacht

Heiligabend in Kronach: mehr als nur Geschenke

Im Haus unseres Redakteurs Marco Meißner leben drei Generationen unter einem Dach. Wie haben sie als Kinder Weihnachten erlebt?
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Yvonne Meißner und ihr Sohn Dominic. Foto: Marco Meißner
Yvonne Meißner und ihr Sohn Dominic. Foto: Marco Meißner
Die Adventskerzen flackern auf dem Wohnzimmertisch. Vier gelbe Flammen züngeln. Am Baum glitzern die roten Kugeln im Licht der dezenten Beleuchtung. Bald werden die Geschenke unter den Nadelzweigen auftauchen. Auch wenn unser Sohn Dominic (10) das ganze weihnachtliche Flair und das familiäre Miteinander genießt - den bunt verpackten Schachteln fiebert er doch am meisten entgegen. Welches Kind tut das nicht?
Bei mir (44) war das früher nicht anders, erzähle ich im Familienkreis. Noch gut erinnere ich mich an meine Kindheit in den 70ern. Gefeiert wurde meist im Nachbarhaus bei Schwester und Schwager. Alle waren zusammen. Damals wie heute stand Fisch auf der "Speisekarte".

Und während die Erwachsenen nach dem Abendessen plauderten, genoss ich es, mich aus dem Ess- ins Wohnzimmer davonstehlen zu können, wo es den Geschenkeverpackungen "an den Kragen" ging. Dann wurde gespielt. Mit den neuen Autos, mit einer Ritterburg oder einem Cowboy-Fort. Und ganz besonders mit einer großen Domino-Rallye. Nach dem Debüt bei "Wetten dass ...?" war die der absolute Renner.

Ich wurde schön beschenkt, aber nie mit irgendwelchem "Klimbim" überladen, wie es heute bei vielen Kindern der Fall ist. Damals fand man noch Zeit, nach dem Auspacken auch mit allen Geschenken zu spielen. Und es gab sogar praktische Dinge über die man sich gefreut hat: T-Shirts, Hosen, ...

Meine Frau Yvonne (40) unterbricht meine Gedanken. Sie hat Weihnachten als Kind ja fast zur gleichen Zeit erlebt wie ich. Und doch war es für sie ganz anders, stammt sie doch von der anderen Seite der innerdeutschen Grenze, aus Sonneberg.

"Wir mussten im Wohnzimmer warten", weiß sie noch genau. "Mutti ist dann in unserem Kinderzimmer verschwunden. Da war ich immer ganz aufgeregt." Nach einiger Zeit hat ein Glöckchen geläutet. Dann durften Yvonne und ihre Schwester Beatrixe endlich reinkommen. "Links auf dem Tisch waren ihre Geschenke, rechts meine", weiß meine Frau noch ganz genau. Die Präsente seien in den 70er und 80er Jahren in der DDR natürlich noch einfacher ausgefallen als heute, doch ihre Freude hätten die Kinder daran ebenso gehabt wie am alljährlich aufgestellten Weihnachtsbaum aus Kunststoff.


Eisenbahn im Tisch

Richtig begeistert war Yvonne eines Weihnachtstages, als ihr Papa unter eine abnehmbare Tischplatte eine Modelleisenbahn eingebaut hatte. Dafür haben sie und ihre Schwester gerne Gedichte aufgesagt oder ein Lied vorgesungen. Das gehörte einfach dazu.

"Eisenbahn" ist Dominics Stichwort. "Ich habe mich damals auch über meine Lego-Eisenbahn gefreut", blickt er "ganz weit" auf die Zeit zurück, als er noch ein Kleiner war. "Geschenke!" ist erwartungsgemäß auch heute noch das Erste, was ihm in den Sinn kommt, als ich ihn nach Weihnachten frage. Doch dann ist ihm anzusehen, dass er zu Grübeln beginnt. Da ist offenbar doch noch mehr.

"Es ist auch schön, dass die Familie beieinander sitzt", stellt er plötzlich fest. "Und den Baum aussuchen, das ist auch mein Job." Längst bringt er sich zudem beim Dekorieren mit ein. Er schaut zum aktuellen "grünen Gesellen" hinüber und kommentiert gleich: "Letztes Jahr war er auch rot geschmückt - und mit Leuchtsternen. Der war noch ein bisschen schöner, weil wir die Sterne heuer vergessen haben."

Der Adventskalender und die Schulweihnacht am Frankenwald-Gymnasium gehören für Dominic ebenso zu den Höhepunkten in der festlichen Zeit. Und sogar, selbst etwas zu verschenken. Für Mama hatte er heuer ein Stoff-Rentier parat. Das gab es sogar schon vor Heiligabend - sonst wäre er vor Vorfreude geplatzt.

Weihnachten mit allem Drum und Dran kennt auch meine Mutter Gerlinde (81). Von einem Jahr auf das andere hat sie aber erlebt, wie es ist, wenn man plötzlich nichts mehr hat. In ihrer mährischen Heimat sei Weihnachten im Vorfeld nicht so sehr aufgebauscht worden, erzählt sie uns. Erst wenn die Plätzchen gebacken wurden, war für sie klar, die festlichen Tage stehen vor der Tür.

"Als Kind war Weihnachten damals sehr schön", erinnert sie sich. Sie spricht von mannshohem Schnee und vom Schlittenfahren, von einem Christbaum, an dem Äpfel und in Silberpapier gewickelte, selbst gemachte Schokolade hingen. Auch Apfelsinen habe es gegeben, obwohl die damals schwer zu bekommen gewesen seien. Es habe ja Krieg geherrscht. Aber dank des Bauernhofes habe ihr Vater sie gegen andere Lebensmittel tauschen können.


Mit Weihwasser in den Stall

Am Heiligabend sei zunächst das Vieh gefüttert worden, dann sei die Familie mit Weihwasser zu den Tieren in den Stall gegangen. "Erst danach gab es für uns etwas zu essen. Ich weiß gar nicht mehr genau, was es war, aber es war nie Fleisch." Gegen acht Uhr abends wurde zum Abschluss des Tages noch die Christmette besucht.
Über die Geschenke mag sich meine Mutter nicht beschweren. Puppenstube, Puppen, ein Teddy - sie habe jeden Wunsch erfüllt bekommen. "Ich war ja die Kleinste. Da bin ich mit Geschenken überhäuft worden."

Von einem Tag auf den anderen hat sich dann alles geändert. Nach dem Krieg musste die Familie ihre angestammte Heimat verlassen. Sie kam nach Unterrodach. "Es war ein abrupter Wechsel. Wir sind hergekommen und hatten nichts mehr. Wir haben Hunger gelitten." Geschenke, gutes Essen und glitzernd verpackte Schokolade mussten Lebensmittelmarken und aus Kakaoschalen gekochten Getränken weichen. Die Schalen haben die Kinder manchmal bekommen, "wenn wir in den Geschäften ein wenig gejammert haben". Denn in Massen habe es in diesen Notzeiten überhaupt nichts gegeben.

Zum ersten Weihnachtsfest in der neuen Heimat habe es Kartoffeln von einem Bauern gegeben, erinnert sich meine Mutter noch gut. Und einmal seien die Flüchtlinge ins Kronacher Turnerheim eingeladen und dort von Helfern mit Stollen und Hefezöpfen verköstigt worden. "Wir waren froh darüber", sagt sie. Dafür sei die Familie sogar nach Kronach und wieder zurück gelaufen.

Auch bei uns stehen heute wieder Kartoffeln auf dem Tisch. Und Fisch. Und es wird Geschenke geben - nicht im Übermaß, aber genug. Und wir werden nach diesem Gespräch vielleicht noch etwas dankbarer sein, als in den vergangenen Jahren, für das, was Weihnachten uns als Familie alles gibt.
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