Berlin
Jugendpressetage

Wie objektiv ist die Politikberichterstattung?

Nachwuchsjournalistin Franziska Sittig aus Kulmbach hat im Bundestag mit Politikern über die Wahl, Fake News und die Rolle der Medien diskutiert.
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Franziska Sittig (rechts) traf bei den Jugendpressetagen in Berlin mit anderen Nachwuchsjournalistinnen auf Bundespolitiker wie die jetzige Familienministerin Katharina Barley (SPD). Foto: privat
Franziska Sittig (rechts) traf bei den Jugendpressetagen in Berlin mit anderen Nachwuchsjournalistinnen auf Bundespolitiker wie die jetzige Familienministerin Katharina Barley (SPD). Foto: privat
Ob man kurz vor der Bundestagswahl wirklich vom sagenumwobenen " Schulz-Effekt" sprechen kann, ob Politiker tatsächlich so wie in Stellungnahmen in der "Tagesschau" sprechen und welche gegenwärtige Bedeutung den Medien als dem Sprachrohr der Politik überhaupt zugeschrieben wird: Die Jugendpressetage in Berlin boten eine einmalige Chance, sich ein umfassendes Bild von Politik in Verbindung mit Journalismus und Medien zu machen.


Auf Tuchfühlung mit Deutschlands wichtigsten Politikern

Als Vertreterin des Wahlkreises von SPD-Abgeordneter Anette Kramme (Kulmbach, Bayreuth und Teile Forchheims) durfte ich neben 80 anderen Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren aus verschiedensten Teilen Deutschlands vom 17. bis 19. Mai in die Hauptstadt fahren - ein Projekt, das von der SPD-Bundestagsfraktion für Schülerzeitungsredakteure veranstaltet wurde. Dafür musste man nicht unbedingt mit einer roten Genossenmütze anreisen, auch wenn sich unter nicht wenigen Teilnehmern wahrhaftig leidenschaftliche Sozialisten befanden. Wer jedoch zu diesem Zeitpunkt noch kein Anhänger von Martin Schulz oder überhaupt Mitglied irgendeiner Partei war, kam aufgrund des kompakten, vielfältigen Programms gar nicht umhin, sich ernstlich Gedanken über die Strukturen der deutschen Politik zu machen: Neben Talkrunden mit Vorsitzenden der Jusos (Junge Sozialisten) und Vertretern des bekannten Journalistenportals Newsroom boten vor allem das Informationsgespräch mit der jetzigen Familienministerin, zu der Zeit noch SPD-Generalsekretärin Katharina Barley, im Willy-Brandt-Haus die Möglichkeit, alle neugierigen, auf den Nägeln brennenden Fragen bezüglich aktueller Ereignisse zu stellen - wie echte Reporter eben.


Jugendliche fühlen Schulz, Barley & Co. auf den Zahn

Ob man beispielsweise bereits sichere Vorhersagen zum Ausgang des Duells zwischen Angela Merkel und SPD- Kanzlerkandidaten Martin Schulz im September treffen könne, konnte Katharina Barley noch nicht festmachen, die Wahl werde wohl " auf den letzten Metern entschieden". Worum man sich jedoch dringend kümmern müsse, sei der unregelmäßig verteilte Wohlstand und die Armut in Deutschland sowie der Aspekt der Sicherheit, was im Wahlprogramm der SPD eine wesentliche Rolle spiele. Ebenfalls mit besagtem Thema wurde man in einem weiteren Programmpunkt konfrontiert, als man beim Besuch einer Plenarsitzung hochrangigen Politikern wie Justizminister Heiko Maas live bei Vorträgen zum Thema "Wohnungseinbruchssicherheit" zuhören konnte- auch wenn ehrlicherweise hinzugefügt werden muss, dass Plenarsitzungen nur halb so spannend ablaufen, wie es vielleicht aus Fernsehausschnitten immer vermutet wird.


Was steckt hinter den "Fake News"-Vorwürfen?

Aber alles gleich für "Fake News" erklären, wenn Medien Inhalte nicht hundertprozentig wie in der Realität ablichten? Die hochbrisante Debatte um den Unterschied zwischen neutraler und subjektiver Berichterstattung ist zu Recht momentan in aller Munde und lässt auch die Regierung nicht kalt, wie diesbezügliche Konferenzen mit MdBs im Paul-Löbe-Haus anschaulich bewiesen. Denn gerade anhand solcher Beispiele wird das interessante Bündnis zwischen Politik und Berichterstattung verdeutlicht, die sich zwar zuweilen gegenseitig aufs Schärfste bekämpfen - Donald Trump mit seiner mehrmals geäußerten Kritik als Paradebeispiel ist quasi gar nicht mehr wegzudenken -, jedoch ohne einander nicht auskommen. Dies bestätigte auch BAMS-Journalistin Angelika Hellmann, von der man im Gespräch äußerst interessante Hintergründe aus erster Hand zu aktuellen Geschehnissen erfuhr. Darüber hinaus vermittelte sie uns als angehenden Journalisten durch hilfreiche Tipps und Schilderungen aus dem eigenen Berufsalltag ein besseres Bild von Jobs im medialen Bereich. Nicht erst wegen der "Fake News"-Diskussionen, sondern schon über einen längeren Zeitraum hinweg werden Nachrichtensendungen in ihrer Qualität und Seriosität miteinander verglichen. Als typisches Vorurteil wird meist der Sender RTL herangezogen, dessen Niveau von vielen abschätzig betrachtet wird. Nach dem Besuch der RTL/ntv-Studios während der Pressetage kamen Zweifel auf, ob man Aussagen über vermeintlich öffentlich-rechtliche oder private Sender wirklich so stark pauschalisieren könne. Der dortige Chef vom Dienst versuchte uns vom Gegenteil zu überzeugen und erklärte einige Strategien zur Berichterstattung und Recherche der RTL-Group, die mit über 80 Radio- und Fernsehsendern Europas größten Privatbetreiber darstellt und sich - seiner Aussage nach - im Gegensatz zu ARD oder ZDF immer stärkerer Beliebtheit erfreue.
Nach so fulminanten Informationen und Eindrücken konnte man sich aber auch ausreichender Abwechslung hingeben - etwa beim gemeinsamen Abendessen mit SPD-Abgeordneten oder zu späterer Stunde beim Erkunden des Berliner Nachtlebens. Vollgepackt mit Erfahrungen und neuen Einsichten vom Zusammenspiel der Politik und des Journalismus, fiel der Abschied aus der Hauptstadt, dem Brennpunkt des Geschehens, nicht nur mir schwer.


Neue Kontakte und wichtige Einblicke

Doch die Freude darüber, an einem so erlebnisreichen Projekt wie den Jugendpressetagen teilgenommen zu haben, neue Kontakte geknüpft und bessere Vorstellungen von den komplexen Berufen, die sich im Bundestag oder innerhalb der Medien als "vierter Gewalt" eröffnen, bekommen zu haben, überwiegt definitiv.
Diesen Artikel hat Franziska Sittig verfasst.


Kommentar zu den Jugendpressetagen von Franziska Sittig

Hate Speech, Fake News, Cybermobbing - Begriffe, die im Verlauf der letzten Jahre einem Großteil der Menschen vertraut geworden sind. Doch was können Nutzer, Staat und Soziale Medien dagegen tun? Dieser Frage sind junge Nachwuchsjournalistinnen und Nachwuchsjournalisten in einer Kommentarreihe zum diesjährigen Jugendpressetag der SPD-Fraktion nachgegangen.

Gedanken sind frei. Das war schon immer so, nicht erst seit der Veröffentlichung des bekannten deutschen Volksliedes, nicht nur seit Sophie Scholls bewegendem Auftritt nach der Inhaftierung ihres Vaters, die, dies auf der Flöte spielend, ein kaum aussagekräftigeres Zeichen gegen das diktatorische NS-Regime setzen konnte, und auch nicht erst seit der Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel, für den vom Satiriker Jan Böhmermann nachträglich besagtes Ständchen gesungen wurde.

Nun mag die ebenfalls in der aktuellen Debatte stehende Gedankenfreiheit jedoch nicht immer ausschließlich positive Begleiterscheinungen wie den Kampf gegen Unterdrückung oder freie Entfaltung der Persönlichkeit mit sich bringen, sondern sie schafft auch Konsequenzen, die sich vor allem aufgrund der Fülle an Verbreitungsmöglichkeiten ergeben.

Immer mehr allzu freie Gedanken aller möglichen Personen aus unterschiedlichsten Perspektiven landen im Netz und bewirken eine mehr und mehr verschwimmende Grenze zwischen seriöser Berichterstattung und schillernden Märchenerzählungen. Diese sich immer mehr in den Vordergrund drängende Subjektivität beinhaltet leider auch verschiedene Standpunkte bei der Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die gerade in politischem Bereich gezielt und willkürlich zur Manipulation eingesetzt werden können. Staatliches Vorgehen gegen Falschbehauptungen wird so nahezu unmöglich gemacht.
Was ist dem Einzelnen zuzumuten?

Ein Blick in die Türkei, und schon bekommt man das Paradebeispiel dafür geliefert, wie Regierungen den Begriff " Fake News" oder "Lügenpresse" sich zunutze machen und somit ihre eigene Macht stärken, wenn sie - wie Präsident Erdogan gegenüber Yücel - oppositionelle Meinungen der politischen Terrormache und Volksverhetzung beschuldigen, dabei aber selbst durch Willkürverhaftungen angeblicher Fake-News-Verbreiter eigennützige Propaganda auf höchstem Niveau betreiben.

Daraus könnte man schließen, dass dem Bürger Eigenverantwortung für Denken und vor allem Taten lieber selbst zu überlassen ist und er die Auswirkungen selbst einzuschätzen hat. Doch kann dem Einzelnen wirklich zugemutet werden, diese Bürde alleine zu tragen, besonders wenn Hasskommentare bisweilen menschenunwürdige und undemokratische Ausmaße annehmen?

Gerade direkt Betroffenen, die sich tagtäglich beim Einloggen in die Sozialen Netzwerke mit der Angst vor bereits wartenden Morddrohungen konfrontiert sehen, stellt sich irgendwann die Frage, ob sie wirklich die Einzigen sind, denen die Unrechtmäßigkeit und nicht selten Rechtswidrigkeit dieser Handlungen auffällt.

Denn Millionen andere User nehmen davon zwar ebenfalls Kenntnis, werden allerdings in Form von gedankenloser Begeisterung zur Weiterverbreitung von nicht im Mindesten angezweifelten Fake News, zum Teilen von diskriminierenden Inhalten und somit noch weiter zur Befeuerung von Beleidigungen und Mobbing angestachelt.
Kein Bezug zu dem, was auf den Plattformen geschieht

Wenn die Faszination für unflätige, subjektive Behauptungen so große Ströme von Menschen im alltäglichen Leben anzieht, warum erwecken dann ausgerechnet die großen Konzerne in ihrer Rolle als Bereitsteller, diesem immensen Einfluss überhaupt erst Raum gebend, den Anschein einer sich mehr bedeckt haltenden als direkt von außen eingreifenden Macht?

Die unangefochten an der Spitze stehenden Sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter scheinen bisweilen in überhaupt keinem Bezug zu den beunruhigenden Geschehnissen auf ihren Plattformen zu stehen. Wenn überhaupt einmal gegen Hate Speech, Fake News und Mobbing eingeschritten wird, dann nur, um rechtliche Klagen derjenigen abzuwenden, die die Übermacht der Datenkraken erkannt haben.

Lieber wird ein neues Filter-Update hochgeladen, das mit eher semi-wirksamen Methoden möglicherweise rechtswidrige Nachrichten erkennen und schändliche Inhalte von harmlosen trennen soll, um die aufgeregte Masse zu beruhigen.

Nein, schon die bescheidensten Versuche des Users seiner Rolle als Gefangener, verstrickt im Netz aus eigens preisgegebenen Daten, zu entkommen, werden von den mächtigen Unternehmen im Keim erstickt. Einzig und allein der Imagerettung wegen sich gegen Hetze im Internet auszusprechen, spiegelt nicht unbedingt die Art von Ordnungsmacht wider, die mit eigenem Glauben und Überzeugung für eine Sache kämpft.

Eine demokratische Gesellschaft jedoch, wie wir sie kennen, kann und darf sich weder von staatlichen noch unternehmerischen Einrichtungen, die angeblich das Wohl der gesamten Menschheit im Sinn haben, sich durch den Informationskrieg allerdings nur selber mehr und mehr Macht zuführen wollen, vom selbstständigen Denken abbringen lassen. Wahre Gedankenfreiheit hat nämlich weder Facebook-Comments noch trumpsche Twittermeldungen nötig.
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