Projekt

Und was würdest Du tun?

Ethik-Schüler der Graf-Stauffenberg-Realschule in Bamberg haben sich Gedanken darüber gemacht, wie Zivilcourage funktioniert. Begleitet wurden sie dabei von Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair, die den Neuntklässlern unter anderem aufzeigte, was man in einer brenzligen Situation tun sollte - und was besser nicht.
Die drei Realschülerinnen sammeln erst einmal alles, was ihnen zum Thema Zivilcourage einfällt.  Foto: Brigitte Löffler
 
von BRIGITTE LÖFFLER
Es ist ein ganz normaler Schultag. Max und sein Freund Andi (Name von der Redaktion geändert) wollen sich in der langen Mittagspause noch schnell etwas zu essen kaufen. Döner macht schöner. Sie machen sich auf den Weg. "Und dann haben wir sie gesehen", erzählt Max. Andi: "Da war so eine Frau und ein Mann. Die haben sich gestritten. Mitten auf der Straße." Max: "Und plötzlich hat der Mann die Frau angeschrien und sie an den Haaren gezerrt. Er wollte, dass sie mit ihm mitkommt. Aber sie wollte nicht!" Andi: "Das war krass. Und da ist der Max hingegangen und hat die Frau gefragt, ob sie Hilfe bräuchte. Das war ganz schön mutig, finde ich." "Aber er hat sie zum Glück ja auch gleich losgelassen und ist dann weggegangen." Max zuckt mit den Schultern. "War doch selbstverständlich. Nix Großes."

Sie haben Mut bewiesen

Max und Andi, Neuntklässler der Graf-Stauffenberg-Realschule Bamberg, sitzen im Ethikunterricht. Auf die Schautafel haben sie gerade einmal drei Begriffe geschrieben. Und nicht wirklich viele davon treffen auch das Thema, das heute im Mittelpunkt des Unterrichts steht. Dennoch: Auch wenn den Jungs nicht wahnsinnig viel zu dem Begriff Zivilcourage eingefallen ist, sie selbst haben sie bereits bewiesen. Sie hatten den Mut, für andere einzutreten, die Hilfe brauchen. Sie haben geholfen. In ihrem Fall haben sie einer Frau geholfen, die körperlicher Gewalt ausgesetzt war. Sie haben hingesehen, reagiert. Sie sind nicht weggerannt.

Stopp-Schild gegen Rassismus

Referentin Birgit Mair, Diplom-Sozialwirtin, Buchautorin und Rechtsextremismus-Expertin, nickt. Sie ist heute im Rahmen des Projekts "Stopp. Gegen Rassismus, für Zivilcourage" in der neunten Klasse. Das medienpädagogische Projekt des Sozialdienstes katholischer Frauen Bamberg, des Migranten- und Integrationsbeirats der Stadt Bamberg sowie der Seniorenbeauftragte der Stadt Bamberg will Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund ermöglichen, sich gegen die Verbreitung fremdenfeindlicher Informationen und Aktionen zu wehren, einen eigenen antirassistischen Umgang zu erlernen. Und es will die Zivilcourage in der Gesellschaft fördern.
Birgit Mair, Mitbegründerin des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V., lädt zunächst einmal die Schüler ein, darüber nachzudenken, was für sie Zivilcourage ist. "Wenn ich zum Beispiel einer Oma helfe, aus dem Bus auszusteigen", lautet häufig die Antwort. "Brauchst Du dazu wirklich Mut? Ist das nicht selbstverständlich?", fragt sie nach. Die Schüler grübeln, diskutieren.
Birgit Mair zeigt den Jugendlichen einen kurzen Film. Der ist zwar schon 20 Jahre alt, doch die Szene, die Schauspieler in einer Frankfurter U-Bahn spielen, könnte auch heute noch so ablaufen: Zwei Neonazis pöbeln in einem voll besetzten Waggon einen dunkelhäutigen Fahrgast an. Sie beschimpfen ihn, hindern ihn am Aufstehen. Sie demütigen ihn. Was tun die anderen Fahrgäste, die vom Filmteam keine Ahnung haben? Die die Szene als Realität erleben? Eine versteckte Kamera nimmt ihre Reaktionen auf.
"Die Oma vom Anfang ist einfach aufgestanden und hat sich ganz woanders hingesetzt", entrüstet sich eine Schülerin. "Und der andere Mann ist davongerannt! Hammer!", sagt ihre Klassenkameradin. Man redet wieder. Warum haben so viele nichts gemacht? Und wenn doch jemand eingegriffen hat, war es richtig so?

Gemeinsam ist man stärker

"Das war echt komisch. Immer, wenn sich endlich einer entschlossen hatte, die Neonazis zur Rede zu stellen und dem Mann zu helfen, dann kamen plötzlich andere hinterher. Dann waren es plötzlich ganz viele, die helfen wollten", lautet die überraschte Erkenntnis der Neuntklässler.
Birgit Mair nickt erneut. "Ihr dürft euch nicht selbst gefährden, wenn ihr mal in so eine Situation kommt", sagt sie zu den Schülern. Heute, so die Referentin, hätte jeder sein Handy dabei. "Und die 110 geht immer!", sagt sie. Ansonsten sollte man versuchen, auf Deeskalation zu setzen. Ein mögliches Mittel in solch einer Situation sei es auch, andere einzubeziehen. Mitstreiter zu suchen. Passanten aufzufordern, gemeinsam etwas zu tun. Mair gibt den Jugendlichen Tipps an die Hand (siehe unten), wie man sich in so einer Situation verhält. Und sie weist auch darauf hin, dass heute Neonazis nicht mehr unbedingt so ausschauen wie im Film. Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze. Das war einmal. Heute springt einem die rechtsradikale Gesinnung nicht unbedingt mehr ins Auge.

Flugblätter an den Schulen

Doch es gibt sie. Und vor allem Jugendliche laufen der Gefahr, in den braunen Sumpf zu tappen. Neonazis werben ganz gezielt Schüler mit Flugblättern an oder gehen persönlich auf die jungen Leute zu. Hass auf Migranten spiele bei den Rechtsradikalen eine große Rolle, so Birgit Mair. Aber auch andere Gruppierungen sind im Visier: Linke, Homosexuelle, Obdachlose, Behinderte oder Aussteiger der rechten Szene.
Am Ende der drei Stunden wissen die Schüler, dass es gilt, die Augen aufzuhalten. Und sie wissen, wie und wann man "Stopp!" sagt. Und dass Andi und Max nicht nur höflich waren, sondern echte Zivilcourage gezeigt haben.





Wie reagiert man, wenn...?
Der Zehn-Punkte-Plan
für Zivilcourage



1. Sei vorbereitet!

Überlege Dir, wie Du Dich verhalten willst, wenn jemand in Deinem Umfeld zum Beispiel von Neonazis beleidigt und/oder angegriffen wird. Denke darüber nach, was Du in einer solchen Situation fühlen und tun würdest.

2. Bleib ruhig!

Konzentriere Dich darauf, was zu tun ist, was du Dir vorgenommen hast. Lass Dich nicht ablenken von Gefühlen wie Ärger oder Angst.

3. Handel sofort!

Reagiere sofort, erwarte nicht, dass ein anderer hilft. Je länger Du zögerst, desto schwieriger wird es, einzugreifen.

4. Hole Hilfe!

Nimm Dein Handy und rufe die Polizei (110).

5. Erzeuge Aufmerksamkeit!

Sprich laut und bitte anwesende Zuschauer Hilfe zu holen.

6. Verunsichere die Täter!

Schreie schrill. Das geht auch, wenn die Stimme versagt.

7. Halte zum Opfer!

Nimm Blickkontakt zum Opfer auf. Das vermindert seine Angst. Sprich das Opfer direkt an: "Ich helfe dir".

8. Wende keine Gewalt an!

Spiele nicht die Heldin bzw. den Helden und begib Dich nicht unnötig in Gefahr. Setze keine Waffen ein, die führen häufig zur Eskalation. Fasse die Täter niemals an, sie oder er kann dann schnell aggressiv werden. Lasse dich nicht provozieren, bleibe ruhig.

9. Provoziere die Täter nicht!

Starre den Angreifern nicht direkt in die Augen. Kritisiere das Verhalten der Täter, nicht ihre Person.

10. Rufe die Polizei!

Beobachte genau und merke Dir Gesichter, Kleidung und Fluchtweg der Täter. Erstatte Anzeige und melde Dich als Zeuge.

Quelle: Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V.

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