Forchheim
Poetry-Slam

Und plötzlich überfällt uns Angst

Gefühle auszudrücken ist oft eine aussichtslose Sache. Doch Poesie kann helfen. Das haben Schüler des Forchheimer Ehrenbürg-Gymnasiums ausprobiert.
Artikel einbetten
Die Angst, die manchmal ganz plötzlich und unerwartet angreift, haben Schülerinnen und Schüler des Forchheimer Ehrenbürg-Gymnasiums zum Thema ihrer Poetry-Slams gemacht.  Foto: Patrick Pleul, dpa
Die Angst, die manchmal ganz plötzlich und unerwartet angreift, haben Schülerinnen und Schüler des Forchheimer Ehrenbürg-Gymnasiums zum Thema ihrer Poetry-Slams gemacht. Foto: Patrick Pleul, dpa
+2 Bilder
Donnerstagvormittag am Ehrenbürg-Gymnasium: Schüler sitzen in ihren Klassenzimmern, zeigen Hausaufgaben vor, legen Prüfungen ab. Ein ganz normaler Schultag?
Nicht für die Klasse 8c und die sechs Schüler der Schreibwerkstatt. Denn für sie gibt die bekannte Poetry-Slamerin Pauline Füg von der dritten bis zur sechsten Stunde einen Workshop, in dem den Jugendlichen der Poetry-Slam, was übersetzt so viel wie "Dichterschlacht" bedeutet, und das kreative Schreiben nähergebracht werden.


Die Spielregeln des Poetry-Slam

Zu Beginn trägt Pauline Füg einen selbst verfassten Text vor, um den Schülern ein Gefühl für Geschriebenes und Kreatives zu vermitteln, bevor sie zuerst einmal die grundlegenden Regeln eines Poetry-Slams erklärt. Für das Publikum wären das: ganz fleißig applaudieren und aufmerksam zuhören.
Möchte man selbst seinen Text bei einem solchen Wettbewerb vortragen, gibt es drei Dinge zu beachten: Es gibt ein Zeitlimit, das meist fünf Minuten beträgt. Außerdem muss der Text, den man auf der Bühne vorliest oder aufsagt, selbst geschrieben sein. Und zu guter Letzt darf man keine Hilfsmittel verwenden, wie ein Kostüm oder ein Musikinstrument.


Von Grauen bis Euphorie

Der Wettbewerb wird meist in zwei Blöcken ausgetragen, getrennt durch eine Pause. Aus jedem Block wird ein Finalist ermittelt, von denen einer im Finale als Sieger ermittelt wird.
Dies geschieht entweder durch die Lautstärke des Applauses oder durch eine spontan ausgewählte Jury, die den Text mit Punkten von 1 ("Dieser Text hätte nie geschrieben werden dürfen!") bis 10 ("Ich möchte den Autor mitnehmen und in meinem Schrank deponieren, damit er mir immer einen seiner Texte vorlesen kann, wenn ich das will!") bewertet.
Damit das Ergebnis nicht durch den besten Freund oder ärgsten Feind, der eventuell in der Jury sitzen und das ganze parteiisch beurteilen könnte, bestimmt wird, werden jeweils die höchste und die niedrigste Wertung gestrichen. Neben dem Poetry-Slam informiert Pauline Füg auch über den Beruf Autorin beziehungsweise Autor: Die Schüler hören beispielsweise, dass von einem verkauften Buch, für das der Käufer zehn Euro bezahlt, oft nur 50 Cent davon an den Autor oder die Autorin gehen.


Eine Partie Minigolf bringt schon mal die Entscheidung

Sie erfahren auch, dass Pauline Füg eine der ersten Poetry-Slammerinnen in Deutschland war, und dass sie heute für viele junge Nachwuchstalente ein Vorbild ist. Zudem wurde sie 2007 zur besten weiblichen Bühnenpoetin bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry-Slam gekürt. Zu ihren erfolgreichsten Texten zählt ein ungewöhnliches Liebesgedicht - an Justus Jonas, den Chefdetektiv der Buch- und Hörspielserie "Die drei ???"! Diesen Text dürfen auch wir Schüler hören und bewerten.
Pauline Füg erzählt auch vom Alltag eines Poetry-Slammers: Sehr abwechslungsreich ist er, die Autoren sehen viel von der Welt und gehen häufig erst spät ins Bett. Manche reisen auch zusammen und treten bei denselben Slams auf. Ab und zu kommt es da einmal vor, dass die Poeten sich vor dem Auftritt zu einer Runde Minigolf treffen - der Verlierer tritt als Erstes auf. Allgemein gilt der erste Startplatz als der ungünstigste, denn am Anfang des Abends lässt das Publikum sich noch nicht so mitreißen, weiß sie aus Erfahrung.


Ich bin eine Superheldin, Baby!

Aber es bleibt nicht nur bei der grauen Theorie - die Jugendlichen müssen auch selbst ran! Als Erstes stellt ihnen Pauline Füg die Aufgabe, einen Text mit vorgegebenen Satzanfängen aus der Sicht eines Prominenten, eines Gefühls, eines Gegenstands oder einfach aus der eigenen Perspektive zu schreiben. Später dann sollen sie einen selbst ausgedachten Superhelden mit Worten zum Leben erwecken.
Der Vormittag endet mit einigen Übungen, die vor allem vor dem Auftritt helfen, die Nervosität zu bezwingen, und die auch viele Schauspieler machen.
Es war eine sehr interessante Erfahrung, aus der die Schüler einiges mitgenommen und gelernt haben! Vielen Dank!
Ich heiße Angst
Ich heiße Angst
Ich bin so groß und dunkel
Ich war einst klein und nichtig,
doch die Menschen schürten mich
Meistens greife ich Leute so plötzlich an
Manchmal bekämpft man mich
Doch nie besiegt man mich
Gestern bemerktest du mich noch nicht
Jetzt herrsche ich über dich!

von Philipp Schüpferling
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare