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Vom Alkohol besetzt

Über Jahrzehnte prägte die Sucht das Leben von Herrn M. – und das seiner Familie.
Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig, nur etwa zehn Prozent unterziehen sich einer Therapie. Zu hoher Alkoholkonsum wirkt sich nicht nur auf den Betroffenen aus, sondern auch auf die Familie und das Umfeld.
 

Zwei Mal in seinem Leben wollte Peter M. so werden wie die anderen. Die erste Entscheidung ist über 50 Jahre her, und sie war fatal. Die zweite hat ihm womöglich das Leben gerettet. Peter M. (Name geändert) ist trockener Alkoholiker.

Der Mann ist zielstrebig. Wenn er sich etwas vornimmt, geht er es richtig an. Im Vorfeld des Treffens hat er seine Geschichte zusammengeschrieben, er hat Unterlagen mitgebracht, Broschüren zum Thema. Die Zielstrebigkeit zieht sich durch sein Leben – in Vereinen, im Sport, in der Arbeit. Aber womöglich war es genau sie, die ihm zum Verhängnis wurde.

Als Junge hatte Peter M. wenig Selbstbewusstsein, war ein Spätentwickler, relativ klein, kaum Bartwuchs. Er litt darunter, genauso wie unter ständigen Vorwürfen der Mutter und der Kritik des Vaters, dessen Vorstellungen er nicht gerecht werden konnte. Er war Anfang 20, als er beschloss, etwas zu ändern. „Ich wollte so werden wie die anderen.“ Also hat er ganz bewusst das erste Bier getrunken und die erste Zigarette geraucht. Es war der Startschuss für ein exzessives Training, er hat das Trinken geübt. „Ich habe zwei Jahre gebraucht, dann sind die anderen am Tresen eher umgefallen als ich“, erzählt Peter M. Wie gefährlich Alkohol ist, begriff er nicht. Er hat damit geprahlt, wie viel er verträgt.

Es hat sich eingeschlichen

Als er seine Frau kennen lernte, war M. schon „geeicht“. Eine Kiste Bier und jede Menge Schnaps hatte er an dem Abend intus. Betrunken wirkte er trotzdem nicht. „Ich war nur gut drauf.“ Und so hat seine Frau anfangs gar nicht gemerkt, dass Alkohol ein Problem war. Sicher, er habe bei gesellschaftlichen Gelegenheiten getrunken, aber nicht regelmäßig und nicht auffällig viel. „Das hat sich eingeschlichen.“ Nach der Arbeit ging es in die Kneipe, immer öfter kam er sturzbetrunken heim.

Vorwürfe hat sie ihm nicht gemacht. „Ich habe es unter den Teppich gekehrt“, sagt sie heute, das Problem verdrängt. „Man pflegt das ziemlich lange, solange keine wirklichen Unannehmlichkeiten entstehen.“ Und das war viele Jahre so. Peter M. hat gearbeitet, war umgänglich, wurde nicht aggressiv, schlug nicht. „Merkwürdig“, sei er manchmal gewesen, sagt seine Frau. Offen angesprochen wurde das Thema Alkohol lange nicht. „Ich wollte nicht die keifende Frau sein, die ihm einen Grund liefert, weiter zu trinken.“

Auch gegenüber den Kindern blieb das Thema tabu. Die Mutter wollte, dass der Vater weiter auf einem Sockel steht, die Familie sollte nicht in Fraktionen auseinanderbrechen. Doch genau das ist passiert, denn die Frau von Peter M. hat versucht, den Mangel an Vater in der Familie zu kompensieren. Sie begann, unbewusst ein immer engeres Verhältnis zu den Kindern aufzubauen. Der Vater blieb außen vor. Die Folge: Er zog sich zurück, in den Keller, in die Garage. „Ich war die einsamste Sau überhaupt. Es war nicht anders als damals, als ich ein Kind war“, sagt Peter M. rückblickend. Doch diese Gefühle und Gedanken ließen sich verdrängen: „Ich hatte in der Garage Schnaps versteckt.“

Mit den Jahren sprach Frau M. ihren Mann dann doch immer mal auf das Thema Alkohol an. Aber er blockierte. Auch, als sie eines Tages eine der Flaschen aus seinen Verstecken kommentarlos auf den Esstisch stellte. Oder als der Führerschein zum zweiten Mal entzogen wurde. „Ich habe sogar meine Familie verdächtigt, mich bei der Polizei angeschwärzt zu haben.“ Viele Jahre trank M. da schon. Und langsam registrierte er, dass etwas schief lief. So wie auf einer dienstlichen Autofahrt über fast 1000 Kilometer. „Ich hatte beim Start bestimmt 1,5 Promille und habe die ganze Fahrt durch alle paar Minuten einen Schluck Bier getrunken, um meinen Spiegel zu halten.“ Er habe das Gefühl gehabt, er beobachte sich dabei selbst – „als hätte ich auf dem Beifahrersitz gesessen“. Trotzdem empfand M. Anspielungen auf „seine Sauferei“ als persönlichen Angriff, verleugnete das Problem weiterhin. „Alkoholiker sind die, die am Bahnhof rumhängen oder unter Brücken schlafen.“

Ein ganz anderer Mensch

Die Gefahr, dass er auf der Parkbank endet, bestand nicht, denn seine Frau wusste, dass ihr Mann eigentlich ein ganz anderer war als der, der da neben ihr lebte. Zumal es zwischendurch Lichtblicke gab: Im Urlaub hat sie sich ausbedungen, dass er wenig trinkt – und Peter M. hat sich daran gehalten. Als er in der einer Klinik war, hat er über Wochen keinen Tropfen angerührt. Doch der Funken Hoffnung war im Alltag schnell erstickt: „Nach dem ersten Arbeitstag hat er wieder gesoffen.“

Der dritte Führerscheinentzug hat ihn aufgerüttelt. Wenn auch die Folgen erst einmal in die falsche Richtung gingen. „Die Angst vor der Angst, jemanden bei einem Unfall schwer zu verletzen, fiel von mir ab“, sagt Peter M. Eine Befreiung, eine Erleichterung. Und zugleich ein Freifahrschein: Jetzt konnte er trinken, so viel er wollte.

Seine Frau war da längst in einer Selbsthilfegruppe, hat sich viel mit Spirituellem befasst. „Das hat geholfen, der ganzen Situation ohne Hass und Verachtung zu begegnen.“ Wenn man den Menschen als Raum sieht, sagt sie, füllte der Alkohol bei ihrem Mann den ganzen Raum aus. „Er war vom Alkohol besetzt.“

Erst als seine Arbeitsstelle in Gefahr war, die Frau und die Kinder mehr Druck machten, der Arzt ihm sagte, er könne nicht so weitermachen, wurde Peter M. richtig klar, dass sich etwas ändern musste. Dass er zum Treffen einer Selbsthilfegruppe ging, hat selbst seine Frau überrascht – auch wenn sie nie die Hoffnung aufgegeben hatte, dass mal Schluss wäre mit dem Trinken. Warum es Partnerschaften gibt, die zerbrechen, wenn ein Alkoholiker trocken geworden ist, konnte sie lange nicht verstehen. „Mich hat das gewundert, das Problem war doch weg“, sagt sie. „Heute weiß ich: Da beginnt das Arbeiten erst.“ Weil der Betroffene seinen Schutz nicht mehr hat: den Alkohol, mit dem er ertränkt, was nicht richtig läuft. Weil der Raum, den der Alkohol eingenommen hat, erst wieder neu gefüllt werden muss. Ihr Mann hat das gemacht, liest jetzt, als Rentner, wieder anspruchsvolle Literatur, befasst sich, wie früher, mit Kultur, treibt Sport, ist aktiv.

„In der Selbsthilfegruppe hab' ich den anderen zugehört und kapiert, dass ich nicht der willenlose Säufer bin. Ich bin krank und es gibt eine Möglichkeit, gesund zu werden“, sagt Peter M. Schon nach dem ersten Treffen stand für ihn fest: „Ich will so werden wie die.“ Dafür hat Peter M. so viele Treffen besucht wie möglich, hat alle Literatur über Alkoholismus verschlungen, die er finden konnte. Heute erzählt auch er in einer Selbsthilfegruppe, wie er die Sucht besiegt hat. „Trockenlegen kann ich niemanden“, betont er. „Das muss der Betroffene selbst schaffen.“

Ein Interview mit Dr. Thomas Polak vom Zentrum für Suchtforschung auf

-> Lokales Seite 12

Alkoholkonsum: Zahlen, Fakten, Hilfsangebote

Fakten zum Thema Alkohol: 9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung jährlich zehn Liter reinen Alkohols konsumiert. Etwa 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Nur etwa zehn Prozent unterziehen sich einer Therapie – oft erst viel zu spät, nach zehn bis 15 Jahren einer Abhängigkeit. Jedes Jahr sterben in Deutschland 74 000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. (Quelle: www.drogenbeauftragte.de)

Selbsthilfegruppen: Hier finden Betroffene im Landkreis Kitzingen Hilfe: Selbsthilfegruppe Anonyme Alkoholiker, • 0171/77 487 13, www.anonyme-alkoholiker.de. Selbsthilfegruppe Al-Anon Familiengruppen – Selbsthilfe für AA-Familien, • 09325/902798, www.anonyme-alkoholiker.de. Kreuzbund Kitzingen für Suchtkranke und Angehörige, • 09321/5937, www.Kreuzbund-Kitzingen.de. Caritas: Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme Kitzingen, Schrannenstraße 10, • 09321/22040 www.suchtberatung-kitzingen.de



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